Lesenlernen: Später ist besser …

Lesen zu können, gilt als eine der wichtigsten Fähigkeiten in westlichen Gesellschaften. Deshalb ist der Wunsch von Erwachsenen auch so stark, dass jeder junge Mensch die Lesekompetenz entwickelt. Und zwar möglichst früh. Naomi Aldort nimmt den Druck raus und sagt klar: Fuß weg vom Gaspedal! Mehr Geduld und Entspannung bitte. Denn ein später Lesebeginn bringt sogar Vorteile …

Naomi Aldort

Ich habe mich immer gewundert über die Dringlichkeit, Kinder zum Lesen zu bewegen. Was ist der Sinn dahinter, ein bestimmtes Lese-Start-Alter vorzugeben? Wo ist das Vertrauen in die jungen Menschen, dass sie das, was sie brauchen, genau dann lernen, wenn sie dafür bereit sind? Was das Lesen betrifft, ist es sinnvoll sich zu fragen: Könnte es sein, dass das frühe Erlernen dieser Fähigkeit einige der vielen unglaublichen Fähigkeiten junger Menschen sogar beeinträchtigt, ja beendet? Ihr magisches Gedächtnis, ihr akkurates Gehör, ihre lebhafte Vorstellungskraft, ihre Erlebnisfähigkeit, ihre außergewöhnlichen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten?

Von Gedankenexperimenten und Vertrauen

Als Gedankenexperiment stelle ich mir manchmal vor, wie es wohl wäre, einen Menschen in seiner Entwicklung zu begleiten, der nie lesen lernt: Welchen Beitrag könnte und würde er wohl leisten mit seinem anders verdrahteten Gehirn – frei von der Abhängigkeit vom geschriebenen Wort? Was versäumen wir als Gesellschaft, wenn wir die kindliche Wahrnehmung der Welt unterbrechen durch diese Buchstaben-Fixierung? Ja, es könnte Erstaunliches zu Tage treten, könnten wir auch nur ein einziges Kind vom Lesen abhalten. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass ein solcher Mensch seinen Weg finden würde, und zwar ausgestattet mit Ideen, von denen wir mit unseren lesenden Gehirnen nur träumen können.

Natürlich aber hat Lesen auch etwas Magisches an sich: Es öffnet die Türen für die Entwicklung des Geistes und der Imagination. Allerdings: Was soll die Eile? Für viele Kinder gilt: Später ist besser! Es hat so viele Vorteile, wenn das Lesen zu einem eher späteren Zeitpunkt erlernt wird. Ich wäre hocherfreut, mehr Kinder zu sehen, die erst dann lesen lernen, wenn sie ihr aktuelles Gehirnpotential ausgeschöpft haben. Und dennoch gilt: Es gibt auch keinen Grund, Kinder – sofern sie es selbst wünschen und entwickeln – vom Lesen abzuhalten. Wir dürfen einfach jedem Kind vertrauen, dass es sich nach seinem inneren Plan entfaltet; so wie das auch jede Blume macht. Genau zum richtigen Zeitpunkt …

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