Freude und Betrübnis beim erneuten Lesen von John Holts »Wie Kinder lernen«

Auch über 50 Jahre nach dem ersten Erscheinen des bekannten Buches lohnt sich ein (erneutes) Lesen. Eine Zusammenfassung von John Holts großartigen Erkenntnissen darüber, wie Kinder lernen.

Peter Gray

In einer vor einigen Jahren durchgeführten Umfrage baten Gina Riley und ich Unschooling-Familien darum, uns Autoren zu nennen, deren Werke sie am meisten in ihrer Entscheidung beeinflusst hatten, diesen Weg zu gehen. John Holt wurde mit Abstand am häufigsten genannt, nämlich von mehr als der Hälfte der 232 befragten Familien. Holt starb 1985 im – zu jungen – Alter von 62 Jahren an Krebs, übt aber immer noch großen Einfluss aus.

Mein Kollege Pat Farenga, der das Erbe von Holt seit seinem Tod verwaltet, hat die Veröffentlichung der Jubiläums-Ausgabe zum 50. Jahrestag von Holts wichtigstem Buch betreut, Wie Kinder lernen (Da Capo Press, 2017). Ich habe die erste Ausgabe vor Jahrzehnten ohne besondere Wertschätzung gelesen, bevor ich mit eigenen Untersuchungen über den kindlichen Lernprozess begann. Das erneute Lesen des Buches veranlasste mich wiederholt, zu denken: »wie wahr«, »wie genial«, »wie traurig«. Traurig, weil diese wahren Fakten und brillanten Einsichten immer noch nur von einem geringen Prozentsatz der Bevölkerung verstanden werden, und unsere Schulen sind jetzt eher noch schlimmer als zu den Zeiten, als Holt noch lebte. Sie sind noch beängstigender, gehen noch verschwenderischer mit der Zeit der jungen Leute um, verunglimpfen noch mehr die Intelligenz junger Menschen und wirken noch hinderlicher auf tiefe Lernerfahrungen und tiefes Verständnis ein.

Trotzdem bin ich optimistisch, wie es Holt, wie ich glaube, auch wäre, wenn er noch leben würde. Denn auch, wenn der Anteil derer immer noch gering ist, die verstehen, dass Kinder am besten lernen, wenn sie ihr eigenes Lernen steuern dürfen, so steigt ihr Anteil doch. Dies zeigt sich in der stetig wachsenden Zahl von Familien, die sich dafür entscheiden, ihre Kinder zugunsten einer selbstbestimmten Bildung oder etwas Adäquatem von den Standardschulen zu nehmen. Immer mehr Eltern erkennen das Licht in der kindlichen Brillanz und geben ihm die Möglichkeit, zu leuchten. Irgendwann, so glaube ich, werden wir einen Wendepunkt erreichen, an dem die Quote derer, die die Schule verlassen, rapide zunimmt. Dann wird das, was wir heute Standardschule nennen, an Irrelevanz zugrunde gehen und durch Zentren ersetzt, deren Intention darin besteht, die natürlichen Lernmethoden von Kindern zu optimieren.

Einige von Holts Erkenntnissen über den kindlichen Lernprozess

Holt war ein kluger und brillanter Beobachter von Kindern. Wenn er sich statt mit Menschenkindern mit irgendwelchen Tierarten befasst hätte, würden wir ihn einen Naturforscher nennen. Er beobachtete Kinder unter natürlichen, freien, man könnte fast sagen wilden Bedingungen, wo sie nicht unter der Aufsicht eines Lehrers im Klassenzimmer oder eines Versuchsleiters im Labor standen. Das ist etwas, was viel zu wenige Entwicklungspsychologen oder Bildungsforscher getan haben. Er war den Kindern seiner Verwandten und Freunde nahe und beobachtete sie beim Spielen und Erkunden, und er beobachtete Kinder in Schulen während ihrer Unterrichtspausen. Durch solche Beobachtungen kam er zu fundierten Schlussfolgerungen über das Lernen bei Kindern. Hier ist ein Auszug daraus, welchen ich den Seiten von Wie Kinder lernen entnommen habe.

Kinder beschließen, genau jetzt Dinge zu tun, die andere in ihrer Welt auch tun, und durch das Tun lernen sie.

Kinder entscheiden sich nicht für das Lernen mit der Absicht, in der Zukunft bestimmte Dinge zu tun. Sie beschließen, genau jetzt Dinge zu tun, die andere in ihrer Welt auch tun, und durch das Tun lernen sie.

Die Schulen versuchen, Kindern Fähigkeiten und Wissen zu vermitteln, von denen sie möglicherweise zu einem unbekannten Zeitpunkt in der Zukunft profitieren können. Doch Kinder interessieren sich für das Jetzt und nicht für die Zukunft. Sie wollen jetzt reelle Dinge tun. Indem sie das tun, was sie tun wollen, bereiten sie sich auch wunderbar auf die Zukunft vor, aber das ist ein Nebeneffekt. Das ist, denke ich, die Haupterkenntnis des Buches. Die meisten anderen Ideen sind mehr oder weniger Folgerungen daraus.

Kinder sind brillante Schüler, weil sie sich selbst nicht als Lernende betrachten. Sie sehen sich als Handelnde. Sie möchten an komplexen, sinnvollen Aktivitäten teilnehmen, ähnlich den Aktivitäten, die sie um sich herum sehen, und sie haben keine Angst davor, es zu versuchen. Sie möchten so laufen, wie sie es bei anderen Menschen sehen, sind aber zunächst nicht besonders gut darin. So versuchen sie es Tag für Tag, und das Laufen klappt immer besser. Sie möchten wie andere Menschen reden, aber zunächst wissen sie nichts über die Zusammenhänge von Lauten und deren Bedeutungen. Ihre Sätze kommen uns wie daher geplapperter Unsinn vor, aber das Kind selbst erlebt sich als sprechende Person. Ein Fortschritt stellt sich ein, weil das Kind sich das Reden aneignet, das es bei anderen beobachtet, und allmählich einige der sich wiederholenden Laute und deren Bedeutung aufnimmt und auf immer angemessenerer Weise in seinen eigenen Äußerungen verarbeitet.

Wenn Kinder größer werden, widmen sie ihre Aufmerksamkeit weiterhin den Aktivitäten der Personen um sie herum. Sie wählen auf unvorhersehbare Weise und zu unvorhergesehenen Zeiten diejenigen aus, die sie selbst tun möchten, und beginnen damit. Kinder fangen an zu lesen, weil sie sehen, dass andere lesen, und wenn sie dazu bereit sind, entdecken sie, dass Lesen ein Weg ist, sich an Geschichten zu erfreuen. Kinder werden nicht zu Lesern, indem sie zuerst Lesen lernen. Sie beginnen gleich mit dem Lesen. Sie können Zeichen identifizieren, welche sie wiedererkennen. Sie können wörtlich die Sätze in einem auswendig gelernten kleinen Buch rezitieren, während sie die Seiten umblättern, oder sie können die Seiten eines unbekannten Buches umblättern und dabei aussprechen, was immer ihnen in den Sinn kommt. Für uns mag das kein wahrhaftiges Lesen sein, aber für das Kind ist es das. Mit der Zeit erkennt das Kind bestimmte Wörter, selbst in neuen Zusammenhängen, und beginnt, die Beziehungen zwischen Buchstaben und Lauten zu erschließen. Auf diese Weise verbessert sich die Lesefähigkeit.

Gehen, Sprechen und Lesen sind Fähigkeiten, die in unserer Kultur so ziemlich jeder aufgreift, weil sie so weit verbreitet sind. Andere Fähigkeiten werden selektiver von denjenigen, die irgendwie davon angetan sind, aufgegriffen. Holt nennt als Beispiel ein sechsjähriges Mädchen, das sich für das Schreiben mit einer elektrischen Schreibmaschine interessierte (dies war in den 1960ern). Sie tippte schnell, wie die Erwachsenen in ihrer Familie, ohne der Tatsache Bedeutung beizumessen, dass die Reihenfolge der Buchstaben auf den Seiten zufällig war. Auf diese Weise produzierte sie ganze Dokumente. Mit der Zeit begann sie zu begreifen, dass ihre Dokumente sich von denen Erwachsener dadurch unterschieden, dass sie nicht lesbar waren, und dann begann sie, darauf zu achten, welche Tasten sie anschlug und wie sich dies auf dem Blatt Papier auswirkte. Sie begann, sorgfältig statt schnell zu tippen. Schon bald tippte sie lesbare Sätze.

Sie und ich könnten sagen, das Kind lernt zu gehen, zu sprechen, zu lesen oder zu tippen. Aber aus der Sicht des Kindes wäre dies nicht richtig. Das Kind läuft mit dem allerersten Schritt, es spricht mit der ersten gegurrten oder geplapperten Äußerung, es liest mit der ersten Erkennung von »Stopp« auf einem Schild und tippt bereits mit dem ersten Tastenanschlag. Das Kind lernt nicht, diese Dinge zu tun, es tut sie von Anfang an und verbessert sich dabei immer mehr.

Meine Kollegin Kerry McDonald hat diesen Punkt kürzlich in einem Essay über ihre junge Tochter ohne Schulausbildung, die gerne backt, sehr gut formuliert. Kerry sagte: »Wenn sie gefragt wird, was sie einmal werden will, wenn sie groß ist, antwortet sie leichthin: ›Bäckerin, aber ich bin schon eine‹.«

Kinder gehen beim Lernen vom Ganzen zu den einzelnen Teilen und nicht von den Teilen zum Ganzen.

Dies ist eindeutig eine Schlussfolgerung aus dem Punkt, dass Kinder lernen, weil sie motiviert sind, die Dinge zu tun, die sie bei anderen beobachtet haben. Natürlich sind sie motiviert, komplexe Dinge zu tun und keine vom Ganzen abgetrennten Teile. Sie möchten sinnvolle Wörter und Sätze sprechen, keine Phoneme. Niemand spricht in Phonemen. Sie möchten interessante Geschichten lesen und sich keine Graphem-Phonem-Beziehungen einprägen oder auf geläufige Wörter gedrillt werden. Wie Holt immer wieder betont, besteht einer unserer größten Fehler in der Schule darin, Aufgaben in einzelne Komponenten aufzuteilen und zu versuchen, Kinder dazu zu bringen, Einzelteile zu üben, die isoliert vom Ganzen sind. Dabei verändern wir etwas Sinnvolles und Aufregendes zu etwas Sinnlosem und Langweiligem. Kinder verinnerlichen die Komponenten (z. B. Graphem-Phonem-Beziehungen) auf natürliche Weise, beiläufig, während sie mit ihrer aufregenden Beschäftigung fortfahren, Dinge zu tun, die reell, sinnvoll und komplex sind.

Kinder lernen, indem sie Fehler machen, diese bemerken und ihre Fehler selbst korrigieren.

Kinder möchten nicht allein das tun, was sie bei anderen sehen, sondern sie möchten diese Dinge auch gut machen. Sie haben keine Angst davor, etwas zu tun, was sie noch nicht gut können, aber sie sind auch nicht blind für die Unstimmigkeiten zwischen ihrer eigenen Leistung und den Fähigkeiten der Experten, die sie um sich herum sehen. Also fangen sie zwar gleich an, aber wenn sie sich wiederholen, bemühen sie sich darum, sich zu verbessern. In Holts Worten: »Kleine Kinder scheinen etwas zu haben, was man einen Instinkt für Verarbeitungsqualität nennen könnte. Wir neigen dazu, dies zu übersehen, weil sie ungeschickt und ihre Materialien eher grob sind. Doch beachten Sie die liebevolle Sorgfalt, mit der ein Kind einen Sandkuchen glättet oder einen Lehmkuchen tätschelt und formt.« Und später: »Wenn sie nicht bestochen oder gemobbt werden, möchten sie, was immer sie gerade tun, diesmal besser machen als zuvor.«

Wir Erwachsenen neigen sehr dazu, Kinder zu korrigieren und sie auf ihre Fehler hinzuweisen, in dem Glauben, dass wir ihnen damit beim Lernen helfen. Aber indem wir uns so verhalten, setzen wir das Kind laut Holt in Wirklichkeit herab. Wir geben dem Kind zu verstehen, dass es seine Sache nicht richtig macht und wir es besser machen können. Wir veranlassen das Kind, sich beurteilt und deshalb verunsichert zu fühlen, wodurch es einen Teil seiner Furchtlosigkeit verliert, diese oder jene neue Tätigkeit auszuprobieren. Somit könnten wir das Kind veranlassen, sich von der Tätigkeit abzuwenden, die wir unterstützen sollten. Wenn ein Kind zum ersten Mal mit einer Aktivität beginnt, kann es sich nicht um Fehler sorgen, denn das würde es unmöglich machen, damit zu beginnen. Nur das Kind weiß, wann es dazu bereit ist, auf Fehler zu achten und Korrekturen vorzunehmen.

Kinder lernen durch die Beobachtung von älteren Kindern.

Holt hebt hervor, dass wir Kinder nicht korrigieren müssen, da sie sehr gut darin sind, sich selbst zu korrigieren. Sie versuchen ständig, sich zu verbessern in dem, was sie tun, nach ihrem eigenen Zeitplan, auf ihre eigene Weise. Zur Veranschaulichung beschreibt Holt seine Beobachtung eines kleinen Mädchens, das beim lauten Vorlesen einer Geschichte bestimmte Wörter falsch las. Doch dann korrigierte sie ihre eigenen Fehler bei wiederholtem erneutem Lesen, da sie heraus fand, was Sinn machte und was nicht. In Holts Worten: »Ganz von alleine, ohne Zeitdruck, ohne Verunsicherung, konnte sie die meisten Fehler selbst finden und korrigieren.«

Kinder können besser durch die Beobachtung älterer Kinder lernen, als wenn sie Erwachsene beobachten.

Holt weist darauf hin, dass sich kleine Kinder sehr wohl dessen bewusst sind, dass sie nicht so kompetent sind wie die Erwachsenen in ihrer Umgebung. Dies kann Schamgefühle und Ängste auslösen. Er schreibt: »Eltern, die alles richtig machen, sind möglicherweise nicht immer ein gutes Beispiel für ihre Kinder. Diese Kinder haben manchmal das Gefühl, dass es keinen Sinn macht, es überhaupt zu versuchen, da sie niemals hoffen können, so gut wie ihre Eltern zu sein.« Das sei der Grund, warum Kinder besser lernen können, wenn sie ältere Kinder beobachten, als wenn sie Erwachsene beobachten. Als ein Beispiel beschreibt er, wie kleine Jungen ihre Softballfähigkeiten auf natürliche und effiziente Weise durch die Beobachtung von etwas älteren und erfahrenen Jungen verbesserten. Die älteren Jungen waren zwar besser als sie selbst, aber nicht so viel besser, als dass sie unerreichbar gewesen wären. Diese Beobachtung passt sehr gut zu den Ergebnissen meiner Untersuchungen zum Wert des altersgemischten Spiels.

Fantasie befähigt Kinder dazu, Aktivitäten auszuführen, die sie in der Realität noch nicht ausführen können, und daraus zu lernen.

Eine Reihe von Psychologen, darunter auch ich, hat über den kognitiven Wert der Fantasie geschrieben, wie sie der höchsten Form des menschlichen Denkens zugrunde liegt, dem hypothetischen logischen Denken. Doch Holt bringt uns eine weitere Einsicht in die Fantasie nahe: Sie stellt auch ein Mittel dar, etwas zu »tun«, was das Kind in Wirklichkeit noch nicht kann. In seinen Erörterungen zur Fantasie kritisiert Holt die Ansicht von Maria Montessori und einigen ihrer Anhänger, dass der Fantasie bei Kindern entgegengewirkt werden sollte, weil sie einer Flucht aus der Realität gleich komme. Im Gegensatz dazu schreibt Holt: »Kinder nutzen die Fantasie nicht, um aus der realen Welt auszusteigen, sondern um sie zu betreten.«

Ein kleines Kind kann nicht tatsächlich einen LKW fahren, aber in seiner Fantasie kann es ein LKW-Fahrer sein. Durch solch eine Fantasie kann es viel über Lastwagen lernen und sogar darüber, tatsächlich einen zu fahren, während es mit seinem Spielzeuglastwagen imitiert, was echte Lastwagen tun. Holt weist darauf hin, dass Kinder, die Fantasie-Spiele spielen, normalerweise Rollen wählen, die in der Erwachsenenwelt um sie herum existieren. In ihrer Fantasiewelt sind sie Mamas oder Papas, Lastwagenfahrer, Lokführer, Piloten, Ärzte, Lehrer, Polizisten oder Ähnliches. In ihrem Spiel führen sie vor, so gut sie können, was Erwachsene in diesen Rollen tun. Ich habe von Anthropologen gelernt, dass diese Fantasien für Kinder überall normal sind. Die kleinen Jungen bei Jäger-und-Sammler-Stämmen beispielsweise stellen sich vor, mutige Hochwildjäger zu sein, wenn Sie Schmetterlinge oder kleine Nagetiere verfolgen und versuchen, sie mit ihren kleinen Pfeilen zu treffen. Sie üben, wie es sich anfühlt, ein Jäger zu sein, und sie entwickeln auch echte Jagdfähigkeiten. Das ist so viel aufregender als, sagen wir, Schießübungen.

Dieser Aspekt der Fantasie ist ebenfalls eine Erweiterung von Holts Kernaussage, dass Kinder lernen, indem sie das, was sie tun möchten, augenblicklich machen, und nicht, indem sie für die Zukunft üben. In der Fantasie kann das Kind jetzt gleich Dinge tun, welche die Umstände oder eine Autorität ihm in Wirklichkeit nicht erlauben.

Kinder verstehen die Welt, indem sie mentale Modelle erstellen und neue Informationen an diese Modelle anpassen.

Wenn Kinder mit der Welt interagieren, sind ihre Gedanken immerzu aktiv. Sie versuchen, die Dinge zu verstehen. Wie auch andere (darunter, als Bekanntester, der Entwicklungspsychologe Jean Piaget), weist Holt darauf hin, dass Kinder tatsächlich Wissenschaftler sind, die Vermutungen entwickeln (Hypothesen), diese Vermutungen prüfen und dann akzeptieren, modifizieren oder ablehnen. Die Motivation muss jedoch vom Kind selbst ausgehen, sie kann nicht auferlegt werden. Als Anschauung beschreibt Holt Fälle, in denen Kinder, denen erlaubt wurde, mit Schwebebalken und Schwungseilen einfach »herumzuspielen«, wenn sie Lust dazu hatten, auf nachhaltige Weise viel mehr über die natürlichen Gesetze des Gleichgewichts und Pendelverhaltens lernten als diejenigen, die ausdrücklich darin unterrichtet wurden.

Kinder sträuben sich von Natur aus dagegen, unterrichtet zu werden.

Kinder verwenden oft mentale Modelle, die sie aus früheren Aktivitäten entwickelt haben, als Hilfe zum Verständnis neuer Aktivitäten. Holt führt das wunderbare Beispiel eines Jungen an, der Züge liebte und viel darüber wusste. Als dieser Junge anfing, sich für das Lesen zu interessieren, bemerkte er, dass ein gedruckter Satz wie ein Zug aussieht, der eine vorgegebene Richtung hat, mit einem vorderen und einem hinteren Ende. Er bezeichnete den Großbuchstaben am Anfang als »Maschine« und das letzte Satzglied als »Kombüse«. Dieses Modell war für diesen Jungen natürlich von einzigartigem Nutzen. Unter anderem half es ihm, aus seiner Liebe zu Zügen eine Liebe zum Lesen zu entwickeln. Das Modell musste jedoch von dem Jungen selbst stammen. Wenn ein Lehrer es ihm auferlegt hätte, hätte er es wahrscheinlich als künstlich empfunden und es hätte seinen eigenen Versuch, Sätze zu verstehen, untergraben. Und wenn ein Lehrer versuchen würde, diese Analogie zwischen einem Satz und einem Zug zu verwenden, um Kinder zu unterrichten, die kein besonderes Interesse an Zügen haben, wäre das einfach unsinnig.

Wie der Unterricht kindliches Lernen beeinträchtigt

Als Holt die erste Ausgabe von Wie Kinder lernen (veröffentlicht 1967) schrieb, versuchte er noch herauszufinden, wie er ein besserer Lehrer werden könne. Als er das Buch für die zweite Ausgabe (1983 veröffentlicht) überarbeitete, fügte er viele Korrekturen hinzu, welche seine wachsende Überzeugung zum Vorschein brachte, dass jeglicher Unterricht normalerweise ein Fehler ist, außer als Reaktion auf die ausdrückliche Bitte eines Schülers. Hier ist zum Beispiel eine seiner Einfügungen aus dem Jahr 1983: »Wenn wir unterrichten, ohne darum gebeten zu werden, sagen wir effektiv: ‚Du bist nicht klug genug, um zu wissen, dass du dies können solltest, und nicht klug genug, um es zu lernen‘.« Und ein paar Seiten später fügte er ein: »Der Geist der Unabhängigkeit im Lernen ist eines der wertvollsten Güter, die ein Lernender haben kann, und wir, die Kindern beim Lernen zu Hause oder in der Schule helfen wollen, müssen lernen, diesen zu respektieren und zu unterstützen.«

Kinder sträuben sich von Natur aus dagegen, unterrichtet zu werden, weil es ihre Unabhängigkeit und ihr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten untergräbt, Dinge herauszufinden und um Hilfe zu bitten, wenn sie sie benötigen. Darüber hinaus vermag kein Lehrer – sicherlich nicht einer in einem Klassenzimmer mit mehr als ein paar wenigen Schülern – Einblick in den Kopf eines jeden Kindes zu erlangen und seine derzeitigen Motive, seine mentalen Modelle und Leidenschaften zu verstehen. Allein das Kind hat Zugang zu all dem, weshalb Kinder am besten lernen, wenn man ihnen die vollständige Kontrolle über das eigene Lernen lässt. Oder, wie das Kind sagen würde, wenn man ihnen die vollständige Kontrolle über das eigene Tun lässt. ■

Peter Gray

ist Professor für Psychologie am Boston College . Er schreibt für die Psychology Today und betreibt den Blog Freedom to Learn . Er forscht und schreibt heute über das natürliche Lernen bei Kindern und die Rolle des lebenslangen Spielens. Er ist Autor des Buchs Befreit Lernen .