»Wenn einer alleine träumt ist es nur ein Traum, …«

Wie könnte eine Welt ohne Schule aussehen? Wie könnten Leben einzelner Menschen in so einer Welt verlaufen? Der Episodenfilm CaRabA , der im Mai bundesweit in den Kinos anläuft, entwirft Antworten auf diese Fragen. Wir sprachen mit dem Produzenten Joshua Conens und dem Initiator Bertrand Stern.

Worum geht es in dem Film CaRabA ?

Joshua Conens: CaRabA ist ein Spielfilm, der eine Welt darstellt, in der es keine Schulen mehr gibt. Es werden fünf ganz unterschiedliche junge Menschen begleitet und es wird gezeigt, was sie den lieben langen Tag so anstellen, wenn sie eben nicht in die Schule gehen müssen und endlich ganz viele andere spannende Dinge tun können.

Bertrand Stern: Ich denke, bei CaRabA geht es auch um eine ethische Haltung, die sich daraus ergibt, dass die Würde und die Kompetenz des Menschen im Vordergrund steht und nicht sein Objektstatus, welcher ihm zuteil wird aufgrund schulischer, behördlicher Verfügungen.

Wenn junge Menschen nicht mehr zur Schule gehen müssen, womit verbringen sie dann stattdessen ihre Zeit?

Bertrand Stern: Die Frage ist nicht richtig gestellt, weil die Schule das Künstliche ist. Der Film CaRabA zeigt, womit Menschen ihre Zeit verbringen, wenn sie leben und wenn sie von Anfang an leben dürfen, wenn sie also in ihrer Kompetenz und in ihrer Würde bestätigt sind. Er zeigt, dass sich Menschen selbstbestimmt ihren Belangen widmen dürfen und das mit Begeisterung, aber auch mit dem ganzen Schmerz und dem ganzen Leid der Erfahrungen, die möglich sind, wenn Menschen nicht fremdbestimmt sind.

Für wie realistisch halten Sie die dargestellten Schicksale? Sind die erdachten Rollen teilweise von realen Personen inspiriert worden?

Bertrand Stern: Diese Frage möchte ich mit einem eindeutigen Jein beantworten. Nein, es gibt keine Modelle. Es ist nicht so, dass bestimmte wirklich existierende Personen Modell gestanden hätten. Allerdings sind in die Gestaltung des Drehbuchs viele Erfahrungen von Menschen eingeflossen, die in Deutschland oder in anderen Ländern, wo es beispielsweise keine Schulpflicht, keinen Schulanwesenheitszwang gibt, ihr Leben selbstbestimmt gestalten und folglich frei sich bilden können. Insofern könnte es jeder Mensch sein und auch niemand präzise, aber was vor allem wichtig ist, es sind keine lachenden Gesichter, wie wir sie uns vielleicht in unseren Fantasien vorstellen oder wünschen. Lachende, fröhliche Gesichter einer künstlichen Kategorisierung der Kindheit. Sondern es sind Menschen, die leben und aufgrund ihres Lebens auch selbstverständlich Erfahrungen machen dürfen und können, an denen sie wachsen. Erfahrungen, die nicht immer nur einfach sind. Doch das sind die Herausforderungen, an denen wir eben gedeihen.

Sie wollen also keine Idealisierung oder Romantisierung einer freien Bildung, sondern ein möglichst reales Bild zeichnen.

Bertrand Stern: Ja unbedingt.

Es gibt im Film das sogenannte Bundesministerium für freie Bildung (BMFB). Welche Aufgaben kommen diesem zu und könnte eine solche Einrichtung maßgeblicher Baustein einer freien Bildung sein?

Joshua Conens: Für uns war von Anfang an klar, dass nur weil es keine Schulen mehr gibt, das nicht heißen kann, dass es keine Strukturen für Bildungsräume gibt oder geben muss. Sondern dass es ja selbstverständlich ist, solange wir als Menschen miteinander etwas zu tun haben wollen und nicht jeder als Einsiedler leben will, dass man sich irgendwie auch organisieren oder Strukturen finden muss, die das Zusammenleben regeln. Und zwar auf allen Ebenen und natürlich auch was Bildung angeht. Und da verstehe ich selbstverständlich das, was wir in CaRabA zeigen, als eine mögliche Anregung. Das ist sicherlich nicht die einzige und letzte Idee, aber es zeigt zumindest mal eine Möglichkeit, wie es sein könnte. Nämlich, dass es doch naheliegend ist, dass man bestimmte Angebote zur Verfügung stellt. Ein beliebtes Beispiel von Herrn Stern ist die Bibliothek. Also dass man sagt, die Menschen sollen doch Zugang zu Büchern haben und wir trauen ihnen zu, dass sie selbstbestimmt darüber entscheiden können, welches Buch sie lesen wollen, und müssen ihnen das nicht vorhalten. Und so ist eigentlich auch das BMFB aufgebaut. Man kann dorthin mit jedweder Frage kommen und findet Unterstützung in Form von Beratung, Vernetzung usw. Vorher habe ich in Berlin an einem Projekt mitgewirkt – dem HandlungsSpielRaum – wo wir ganz konkret schon versucht haben in so eine Richtung zu arbeiten. Wo wir versucht haben eine Infrastruktur zu schaffen, die jenseits der Institutionen funktioniert.

Die Dreharbeiten zum Episodenfilm CaRabA .

Die Angebote dieser Einrichtung sind dann neben der Bereitstellung von Materialen durchaus auch Lehrveranstaltungen, richtig?

Joshua Conens: Ja, genau. Das macht ja Sinn, wenn jemand etwas kann, dass der sagt, ich würde mein Wissen zur Verfügung stellen und dafür macht es Sinn, wenn wir eine Uhrzeit verabreden. Und dann gibt es vielleicht noch mehr Menschen, die das interessiert, und dann können die doch alle zusammenkommen. Grundsätzlich ist die Kernfrage eben immer: Wie kommen diese Sachen zustande? Das Entscheidende ist also nicht so sehr, was passiert, sondern eigentlich eher wie das passiert und wie die Menschen daran beteiligt sind. Also auch an der Schule ist grundsätzlich nichts verkehrt, wenn sie eben freiwillig wäre und jeder tatsächlich in der Situation wäre selbst zu entscheiden.

Das erinnert mich an einen Satz, den ich auf der Website gelesen habe: » CaRabA erzählt von Vertrauen in sich selbst und in die Menschen um einen herum.« Wie weit sind wir aktuell von einer solchen Haltung entfernt?

Bertrand Stern: Also, es kommt darauf an, nach welchem Gesichtspunkt wir das beurteilen. Ich sage immer, dass der Mensch seit Jahrtausenden derselbe geblieben ist und dass es an ihm ist, ob eine Änderung, ein Wandel stattfindet oder nicht. Hier ist nur eine Frage des Bekenntnisses aktuell, nämlich die Frage, ob der Mensch tatsächlich irgendwann einmal erkennt, wie schlecht es ihm ergangen ist oder es ihm ergeht, wenn er von sich selbst entfremdet, enteignet wird, weil er beispielsweise einer behördlichen Verfügung unterworfen wird, etwa jener, in der Schule sein zu müssen. Sobald Menschen »nein« sagen, sobald Menschen sich der institutionalisierten Enteignung entziehen, werden sie bei dem sein, was wir in dem Film zum Ausdruck bringen möchten, indem sie die ethische Haltung des Subjekts einnehmen. Diese Subjekthaftigkeit steht ja genau im Gegensatz zu dem, was das System von uns verlangt: dass wir wohlerzogene, brave, angepasste Objekte sind oder uns zumindest so verhalten. Also: Das Vertrauen, um das es in dem Spielfilm geht, ist der Ausdruck eines Respektes vor der Selbstbestimmtheit und der Würde des Menschen, die ja beispielsweise auch in unserer Verfassung verankert sind.

Weiterhin ist auf Ihrer Website zu lesen: »Der Film zeige Landschaften des frei-sich-Bildens, wie sie bald schon Wirklichkeit sein könnten.« Wie nahe sind wir diesen Landschaften?

Bertrand Stern: Die Landschaften des frei sich Bildens sind sehr nahe, weil Menschen in zunehmendem Maße »nein« sagen zu einem System, das ihnen nicht behagt und das in Wirklichkeit dem Zusammenbruch nahe ist. Es ist also eine Frage der Zeit und zwar der kurzen Zeit, bis dieses System der Schule, der Zwangsbeschulung insgesamt weg ist. Dann wird sich die Frage stellen, ob großes Chaos entsteht oder ob im Gegenteil Menschen dafür sorgen, dass diese gewonnene, diese errungene Freiheit tatsächlich dazu führt, dass sie ihr Leben neu gestalten und in dieser Neugestaltung selbstverständlich frei sich bilden werden und können.

Warum haben Sie sich für einen Spielfilm anstelle eines Dokumentarfilms entschieden?

Joshua Conens: Also wir haben am Anfang sehr lange darüber gebrütet, was das eigentlich für ein Film werden soll. In viele Richtungen und in vielen Gesprächen haben wir das auf und ab bewegt, wie man denn jetzt diesen riesigen Themenkomplex eigentlich in einen Film von 90 Minuten zusammenstampfen kann. Und in all diesen Gesprächen wurde deutlich, dass es uns vor allem um die Vision geht. Darum zu versuchen, etwas, was nicht vorstellbar ist, doch vorstellbar zu machen. Und aus meiner Perspektive als Filmemacher ist ja genau das ein spannendes Element an dem Format Film: Dass man eben etwas darstellen kann, was noch nicht ist. Wenn man immer nur das sieht, was schon da ist, dann geht es nie weiter. Und das ist eben in unserer Gesellschaft gar nicht so einfach, vor allem die Schule hat große Schwierigkeiten damit, sich Dinge vorzustellen, die noch nicht sind, weil die kann man auch sehr schlecht überprüfen. Und so kam die Entscheidung, dass wir einen Spielfilm machen, in dem wir eine fiktive Welt entwerfen. Würde man in andere Länder reisen und andere Menschen portraitieren, die ohne die Schule sich bilden, blieben das dann immer Einzelschicksale. Und unser Anliegen war, dass es bewusst um eine gesellschaftliche Ebene geht, in der eine Infrastruktur vorherrscht, die nicht durch die Schule bestimmt ist. Und da war klar, dass es diesen Ort unseres Wissens nach bisher auf der Welt nicht gibt und wir ihn also fiktiv entwerfen müssen. Daher musste es am Ende ein Spielfilm werden.

Wie sind Sie beiden überhaupt aneinander gekommen?

Joshua Conens: Wir sind uns ein paar Mal auf irgendwelchen Tagungen über den Weg gelaufen. Meistens zum Thema Bildung. Und so hatte ich das Vergnügen, einen Vortrag von Bertrand und verschiedene Gespräche zu hören und er hatte Filme, die ich vorher gemacht habe, von mir gesehen; beim Schulfrei-Festival hatten wir sogar die Ehre, ein Zimmer uns zu teilen und somit viel Gelegenheit miteinander zu reden. Und dann ereilte mich eines Nachts nichtsahnend eine E-Mail, dass der Bertrand da so eine Filmidee ausgeheckt hat und ob ich so wahnsinnig wäre, mich darauf einzulassen. Und das war ich.

Die Produktion ist ohne kommerzielle Sponsoren ausgekommen. Wie konnte der Film finanziert werden?

Joshua Conens: Ja, das ist eine gute Frage, auf die ich gerne eine Antwort hätte. Am Ende ist es eine waghalsige Mischfinanzierung, wobei den größten Teil Stiftungen übernommen haben, vor allem die Bertrand-Stern-Stiftung. So konnten zumindest erst mal der Dreh und die ganze Vorproduktion finanziert werden. Für die Post-Produktion haben wir ein großes Crowdfunding gemacht, was sehr erfolgreich war, weil sich da unheimlich viele Menschen daran beteiligt haben. Und jetzt wird entscheidend sein noch über den DVD-Verkauf, die ganzen Kinobesuche usw., einige Einnahmen zu generieren, um am Ende nicht mit einem Minus hinauszugehen. Also ein finanziell sehr waghalsiges Unterfangen, aber wir haben dadurch die totale Freiheit, zu machen, was wir für richtig halten. Das ist gerade in der Filmförderung oder in der Filmbranche überhaupt nicht selbstverständlich, weil ansonsten die großen Filmförderungen durchaus da auch gerne inhaltlich oder formal mit hineinreden.

Filmplakat: CaRabA - Leben ohne Schule .

Bertrand Stern: Die meisten Filmproduktionen gehen inzwischen in die Millionen. Soweit haben wir es nicht gebracht, sondern wir haben wirklich mit der Unterstützung von allen Mitwirkenden rechnen können und deshalb ist es überhaupt möglich gewesen, bei diesem Etat zu bleiben, der für einen Film ungewöhnlich niedrig ist.

Herr Conens , an welchen Drehorten spielt der Film?

Joshua Conens: Wir haben uns große Mühe gegeben, dass er an einem fiktiven Ort spielt, denn es ist ja eine Fiktion. Konkret haben wir aus logistischen Gründen in und um Berlin gedreht. Und natürlich ist Berlin gerade für die Filmszene eine Hochburg, wodurch es so logistisch am einfachsten war. Kenner werden selbstverständlich feststellen, dass dort gedreht wurde.

Was verbirgt sich hinter dem Namen CaRabA?

Bertrand Stern: Dieses große Geheimnis werde ich hier nicht lüften, denn das sollen die Menschen, die zahlreich in die Kinos gehen, dann vor Ort feststellen. Das hat etwas mit dem Filmgeschehen zu tun. Aber dieses große Geheimnis lassen wir einmal bitte offen. Oder Joshua?

Joshua Conens: Auf jeden Fall.

Ab wann und wo können Interessierte den Film denn sehen?

Joshua Conens: Ab dem 9. Mai wird man den Film zu sehen bekommen. Daran arbeiten wir gerade auf Hochtouren. Die genauen Kinos stehen noch nicht fest. Da laufen gerade die Gespräche. Das kann man dann alles auf unserer Webseite www.caraba.de nachlesen. Der Film wird einige Monate lang in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz zu sehen sein. Und ab Herbst werden wir den Film an Schulen, Universitäten, in Kulturzentren und anderen Orten zeigen, an denen anschließende Gesprächsrunden möglich sind.

Die DVD, die ab voraussichtlich Anfang Juli erhältlich ist, wird es mit englischen, französischen, spanischen, russischen und niederländischen Untertiteln geben. Weitere sind noch in Arbeit. Und seit gestern gibt es die Zusage einer Förderung, sodass es sogar eine Audiotranskription geben wird, womit der Film auch für Blinde und sehbehinderte Menschen zugänglich gemacht wird. Auch das wird es dann auf der DVD geben.

Wenn die Menschen den Film gesehen haben, wie geht es dann weiter?

Joshua Conens: Das Entscheidende aus meiner Sicht ist, überhaupt erst mal ins Gespräch zu kommen, auch gerade über Ungewöhnliches. Mein Anliegen ist es daher, dass wir gemeinsam mit den Menschen, die den Film sehen, darüber diskutieren, wie zukünftige Bildungslandschaften aussehen können. Dabei wollen wir die Positionen und Haltungen der Menschen natürlich ernst nehmen. Genau das propagieren wir die ganze Zeit. Und das heißt für mich auch, dass ich nicht vorwegnehmen kann, was jetzt die beste Lösung für alle ist. Deshalb müssen wir offen in ein Gespräch gehen und uns gemeinsam in die Sache vertiefen, um zu schauen, zu welchen Ideen wir kommen können.

Bertrand Stern: Könnte nicht just dies Dom Hélder Câmara gemeint haben, als er sagte: »Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit.«

Mit diesem tollen Satz möchte ich das Interview gerne beenden. Ich bedanke mich vielmals für das Gespräch und wünsche Ihnen und dem Film alles Gute! Das Gespräch führte Martin Anacker

Film CaRabA

Start: 9. Mai 2019

Produzent: Joshua Conens

Regisseurin: Katharina Mihm

Website: www.caraba.de