Erziehung ist Gewalt und traumatisiert uns systematisch

Das Zusammenleben mit Kindern wird gesellschaftlich zumeist als kräftezehrender Machtkampf gesehen. Warum es ratsam ist, Erziehung kritisch zu betrachten und stattdessen eine gute Beziehung zu sich und anderen anzustreben? Und weshalb ist dafür die Aufarbeitung unserer eigenen Geschichte notwendig? Ein Überblick aus traumatheoretischer Perspektive.

Julia Grabke

Ein Gruppentreffen in einer Münchner Psychotherapiepraxis. Die 45-jährige G. ist sichtlich bewegt von dem, was die anderen Gruppenteilnehmer ihr da gerade zeigen. Im Alltag hat sie Probleme damit, ihre Gefühle zu äußern. Besonders, anderen ihre Meinung zu sagen, fällt ihr schwer. G. wollte herausfinden, welche ihrer inneren psychischen Strukturen bei dem Satz »Ich will meine Wut fühlen« dominiert. Wie alt ist der Teil in ihr, der aktiv ist, wenn sie wütend sein möchte? Was behindert ihn? Die Stellvertreterin für das Wort »Wut« flüstert: »Ich trau mich nicht zu sprechen, wenn die mich so anschaut.« – »Die«, damit ist die Frau gemeint, die das Wort »Will« repräsentiert – G. hat sie bereits als einen Anteil ihrer eigenen Mutter identifiziert. Es stellt sich heraus, dass es der Klientin nicht möglich ist, sich zu wehren, weil sie von klein auf dahingehend manipuliert wurde, dies zu unterlassen. Ihre Mutter empfand ein Nein als inakzeptabel, störend, aufsässig und hat es der Tochter »aberzogen«. Diese darf – und kann – sich deshalb auch heute nicht schützen – selbst, wenn ihre Grenzen überschritten werden. Freud würde sagen, ihr Über-Ich hindert sie daran. Dass sie auf Kosten ihrer eigenen Integrität handelt, ist für den Kind-Anteil in ihr nebensächlich – zu groß ist seine Angst vor Ablehnung.

Gefühle wollen gefühlt werden

Die anderen Teilnehmenden haben während ihrer Prozesse ähnlich erhellende Erlebnisse. »Selbstbegegnung« heißt diese besondere Form der Traumaaufstellung, die sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Sie wurde vom Psychotraumatologen Professor Franz Ruppert im Zuge seiner Identitätsorientierten Psychotraumatheorie (IoPT) entwickelt. Anders als beim klassischen Familienstellen werden nicht die Familienmitglieder durch Stellvertreter repräsentiert, sondern einzelne Teile der psychischen Struktur der Klienten. Ziel der Therapie ist es, zu klären, wo ein Problem aus dem heutigen Leben seinen Ursprung hat. Dadurch können früh verdrängte Gefühle spezifischen – alten – Erfahrungen zugeordnet, damit auch zeitlich besser eingeordnet und schließlich verarbeitet werden. Entscheidend ist auch, das eigene Opfersein anzuerkennen und sich selbst mit all seinen Gefühlen und Bedürfnissen zu akzeptieren.

Alle Menschen haben mehrere innere Anteile in sich. Diese Aufspaltung hat nichts mit einer multiplen Persönlichkeit o. ä. zu tun, sondern ist ein normaler psychischer Vorgang als Reaktion auf eine unnormale Situation: Ein Erleben größter Not. Damit ist klar: Nahezu jeder Mensch ist Trauma-Opfer.

Das Überlebensprogramm unserer Psyche:

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