Meine Tante Lies – die Bedeutung des rettenden Zeugen

Wie schafft es jemand aus der Hölle einer strengen und »gut katholischen« Erziehung auszubrechen und zum Anwalt für erziehungsfrei oder Friede mit dem Kind zu werden? Dazu bedurfte es vieler Selbsterkenntnisprozesse, Schlüsselerlebnisse und ganz besonders der Begegnung mit »helfenden Zeugen«. Die Bedeutung der »helfenden Zeugen« an einem persönlichen Beispiel.

Alexej Sesterheim

In unserer Zeit, in der das Überleben hunderttausender Spezies einschließlich unserer eigenen auf dem Spiel steht, in der alle Werte sich zu relativieren und aufzulösen scheinen, müsste doch die Frage nach der Ursache für die Verwirrung und Verrohung, durch die sich die Menschheit in zunehmendem Maße bewegt und die sie sich selbst bereitet, an erster Stelle stehen. »Die meisten Menschen zeigen für die Frage, warum ein Kind so oder so geworden ist, nicht das geringste Interesse«, klagt Alice Miller in ihrem Buch »Das verbannte Wissen«. Vielleicht hilft ein persönlicher Blick zurück in meine Kindheit, dieses Interesse beim Leser zu stärken und die Warum-Frage zu beantworten.

»Wir denken, was richtig ist.«

In meiner Kindheit »dachten« meine Eltern, »was richtig ist« und sangen das hohe Lied von »guter Erziehung«, wobei »gut« gleichbedeutend mit »streng« war und das wiederum gleichbedeutend mit konsequent und unbarmherzig. Liebe reimte sich auf Hiebe. Sie sangen das Lied vom »Willen brechen« und von »Kinderwille ist Kälberdreck« (Originalzitate).

Im Jahr 2018 wurde in Deutschland ein Film gezeigt, der mir noch einmal Gelegenheit gab, meinen Weg aus jener frühen Hölle zum Himmel Friede mit dem Kind zu reflektieren.

Die meisten Leser werden von der Elternschule eines Dietmar Langer gehört haben. Bereits die Trailer machen unmissverständlich deutlich, dass hier die schwarze Pädagogik wieder hoffähig gemacht werden soll – diesmal sogar als Therapie verpackt. Doch um fair und fundiert mitreden zu können, sah ich mir mit einer Kollegin in München den Film an. Gleich in der Eingangsszene wird das Lernziel dieser Elternschule unmissverständlich herausgestellt: Die Mütter sollen lernen, während der Statusuntersuchung »tapfer« zu sein. Dazu wird ihnen ein Hocker auf Rollen angeboten, auf dem sie sich, je lauter das Baby oder Kind schreit, desto weiter von ihm entfernen sollen, um es den Händen einer fremden Schwester und eines fremden Arztes zu überlassen. Dazu wird der Oberkörper des Kleinkindes gegen seinen Willen entblößt und mit einem Stethoskop darauf herumhantiert. Das Schreien des Kindes wird fachkundig als »Regulationsstörung« diagnostiziert, die wiederum – meist neben anderen »Störungen« – als Begründung für die Klinikbehandlung herhält. Ganz bewusst und mit Absicht, so erklärt es der Arzt der Mutter, habe er ein dem Kind unbekanntes Zimmer für die Untersuchung ausgewählt, »weil das noch mal den Stresslevel für das Kind erhöht«. So könne die Mutter umso drastischer lernen, ihr Mitgefühl mit ihrem Kind zu unterdrücken, und das Kind lernen, sich umso schneller klaglos fremdem Willen zu unterwerfen. Meine Begleiterin dachte bei diesen Worten, sie habe sich verhört oder etwas falsch gedeutet, doch ich musste ihr bestätigen, dass der Psychologe es tatsächlich so ernst meinte, wie er es gesagt hatte. Darauf stimmte sie mit den Füßen ab und verließ fluchtartig die Vorstellung. Am Ende der Statusuntersuchung lobt der Arzt eine Mutter, die alles folgsam mit sich und ihrem Kind hat machen lassen: »Das, was Sie gemacht haben: großartig!« Wieder und wieder zeigte der Film Szenen, in denen die Kinder zum Weinen gebracht wurden, wenn man sie zum Gehorsam zwang oder anderweitig demütigte. Und immer wieder brachen viele Zuschauer an genau diesen Stellen in Gelächter aus. Ich rief mehrmals laut aus, dass dies »ein Verbrecherfilm« sei. Dessen ungeachtet gab es am Ende demonstrativen Applaus für die Vorstellung. Meine Begleiterin und ich waren die Einzigen, die ihre Gegnerschaft – jeder auf seine Weise – zu dem gezeigten Umgang mit Kindern angemeldet hatten.

Beim Reflektieren solcher und ähnlicher Situationen rufe ich mir einen Vorteil ins Bewusstsein, den ich gegenüber Menschen habe, die auf den Wert des Erziehens, des Schulzwangs, des umfassenden Erpressens und Bestechens von ausgelieferten Kindern pochen. So empörend ich diese Einstellung finden mag, zu der sich dann, wie hier im Kino erlebt, auch noch unverhohlen geäußerte Schadenfreude im Angesicht des Leidens wehrloser Kinder gesellen kann – ich kenne ebendiese grausame Empathielosigkeit und auch die Schadenfreude in mir selbst aus meiner eigenen Geschichte. Ich war schon einmal dort, wo sie jetzt stehen, und auch ich glaubte, weil ich meine Eltern oder »die Mehrheit« hinter mir wusste, auf dem richtigen Weg zu sein. Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz spricht in diesem Zusammenhang von Normopathie.

»Remember« – Erinnere Dich

Wir Menschen lernen weniger aus Predigten als aus Erfahrung, und auch ich war meine ersten neun Monate ein ungetröstetes »unreguliertes« Schreikind gewesen und meine ganze Jugend in einem erzieherisch programmierten und damit sadistischen Umfeld aufgewachsen. »How can I have feelings, when my feelings have always been denied«, sang John Lennon. »Wie kann ich fühlen, wenn meine Gefühle immer abgelehnt wurden?« Hatte ich mit 14 nicht auch meinen um zehn Jahre jüngeren Bruder regelrecht verhöhnt, wenn er manchmal über Tage seine weinerliche Phase hatte? Ihn mit zwanzig wie von Sinnen angebrüllt, wenn er bei meiner »Nachhilfe« auch beim dritten Erklären die Matheaufgabe nicht konnte? Klarer Fall einer Lern-Regulationsstörung! Fragt sich nur bei wem!

Der »helfende Zeuge« kann eine entscheidende Bedeutung für einen Menschen haben.

Bekanntlich kehren neue Besen gut – so auch der Erziehungsbesen von unreflektierten und bedürftigen Eltern bei ihrem erstgeborenen Kind. Falls sie mehrere Nachkommen zeugen, dämpft und nutzt sich der Eifer der Besenschwinger bei jedem nachfolgenden Kind in der Regel ab. Insofern hatte (nicht nur) ich Grund zu der Frage, was denn wohl die Gründe waren, dass ausgerechnet ich, der Erstgeborene und Musterschüler meiner Eltern, als Einziger von ihren vier Zöglingen aus der Art geschlagen, respektive aus der Reihe, aus der Autoritätsgläubigkeit, auch aus der katholischen Kirche, getanzt bin und Friede mit dem Kind propagiere?

Lange glaubte ich, dass es wohl meine Überanpassung an die katholischen Normen und die daraus folgende fast tödliche Erkrankung in der Zeit um mein Abitur herum waren, die meinen Lebenszug aus den schönen, scheinbar so ordentlichen Schienen, die meine Eltern für mich gelegt hatten, herauskatapultierten. Ein Teilaspekt meiner Ent-Wicklung und meines Entkommens aus der Brutalität des für mich beinahe tödlichen Erziehungsdenkens meiner Jugend waren tatsächlich wohl die grotesken Übertreibungen, Verwahrlosungs- und vor allem psychischen Misshandlungssituationen in den zwanzig Jahren, in denen ich jenen beiden Menschen ausgeliefert und untertan war, die so gerne mit ihren Titeln »Mutter« und »Vater« angeredet wurden. Aus meiner heutigen Sicht schrien deren Methoden förmlich nach einer Veränderung und radikalen Loslösung. So hatte ich diese Last wohl als Baby für sie auf mich genommen, nehmen müssen, und neun Monate lang geschrien. Zu diesem Zeitpunkt war ein zweites Kind unterwegs und ich wurde abgestillt und abgestellt. Es war wohl noch nicht genug Bedürftigkeit und Stress in der Familie. Von da an war ich ruhig und begann erst mit 4 Jahren zu sprechen – und ich sprach so langsam, dass die andern sich darüber belustigten. Allerdings brachte der so schnell nachfolgende Bruder vermutlich auch einen wichtigen Vorteil für mich mit, indem er einen Teil der elterlichen Kontrollenergie von mir, dem Erstgeborenen, abzog.

»Hä, hä, hä: ›Am liebsten wär’ ich tot.‹«

Ab dem 13. Lebensjahr entwickelte ich fast täglich Selbstmordgedanken. Meine Mutter spürte eine entsprechende Bemerkung in meinem Tagebuch auf und glaubte, mir meine Gefühle mit einer Verhöhnungsszene austreiben zu müssen. Von da an verschlüsselte ich meine Aufzeichnungen, doch ihr Zugriff auf meine Intimsphäre blieb ungebrochen. Die letzten drei Jahre Gymnasium flüchtete ich in ein katholisches Internat. Um die Zeit meines Abiturs stand ich aber auch von der physischen Gesundheit her am Rand des Grabes. Ich gab mir noch zwei Jahre, während mein Vater nicht aufhörte, mir von der Dankbarkeit von Altersgenossen vorzuschwärmen, die sie ihrem Vater beispielsweise mit einem Fernseher als Geschenk gezeigt hätten. Im ersten Semester entdeckte ich die psychoanalytische Beratungsstelle für Studenten, aber ich zögerte ein Jahr, bevor ich meinen falschen Stolz ablegte und endlich die Gelegenheit wahrnahm, mir Beratung zu gönnen. Einmal der Freiheit der Gedanken und Wünsche in einer Therapiegruppe ausgesetzt, veränderte sich innerhalb von wenigen Monaten mein ganzes Weltbild. Je gesünder ich an Körper und Geist wurde, desto entsetzter und feindseliger reagierten meine Eltern. Das ging bis zu mehrfach offen geäußerten Todeswünschen, zur Verbannung und später zur Enterbung: »Dann musst du gehen. Wir müssen hier leben.« Ein Grund war ihre Scham gegenüber den Dorfbewohnern, da ich den Kirchgang von nun ab verweigerte. Dabei machte ich damals nur erste Klimmzüge an der Fahnenstange meiner Befreiung und der Aufdeckung meiner Kindheitstraumata – einer Fahnenstange, deren Ende ich bis heute beileibe nicht erreicht habe.

Die erste wissende Zeugin

Zum ersten Mal im Leben hatte ich in der Leiterin jener Beratungsstelle, Frau Dr. von Plotho, eine »wissende Zeugin« gefunden. Darunter versteht Alice Miller »einen Menschen, der um die Folgen von Verwahrlosungen und Misshandlungen von Kindern weiß. Er kann daher diesen geschädigten Menschen beistehen, ihnen Empathie bekunden und ihnen helfen, ihre ihnen selbst unverständlichen Gefühle von Angst und Ohnmacht aus ihrer Geschichte heraus besser zu verstehen, um die Optionen des heutigen Erwachsenen freier wahrnehmen zu können. […] Zu den Wissenden Zeugen gehören manche Therapeuten, aber auch aufgeklärte Lehrer, Anwälte, Berater und Autoren von Büchern.« (aus Evas Erwachen )

Allerdings basieren viele Psychotherapien auf einem negativen Menschenbild, so wie Rousseau, Kant und Freud und allzu viele andere es lehrten, wie ich heute weiß. Letzterer ging von destruktiven Trieben des Kindes aus, die dem jungen Menschen wie dem Patienten – wenn schon nicht durch schwarze – so doch wenigstens durch angebliche weiße Pädagogik – heute oft »liebevoll autoritativ« oder auch »Ritalin« genannt – ausgetrieben werden müssen. So dankbar ich jener Psychotherapeutin immer für ihren Beistand sein werde, war ihr Einfühlungsvermögen und das späterer Therapeuten doch durch das freudianisch-psychoanalytische Konzept limitiert.

Aus dieser Unklarheit erlöste mich erst mehr als zehn Jahre später, 1980, die zusammen mit einer kleinen Gruppe Lehrerkollegen vorgenommene Lektüre von Am Anfang war Erziehung . In diesem Buch stellt Alice Miller unmissverständlich klar: »Das Kind ist immer unschuldig.« »Der Erwachsene braucht Grenzen.« Wer lange genug über diese Worte nachdenkt, der wird verstehen, dass jeder Erziehungsakt ein folgenschweres Verbrechen ist, wie dieselbe Autorin es in Das verbannte Wissen deutlich ausspricht: »Viele Menschen haben noch keine Ahnung davon, dass sie Dynamit in unsere Welt legen, wenn sie ihre Kinder körperlich oder nur psychisch misshandeln.« Dieses Dynamit desorientiert, entfremdet und traumatisiert die Menschen dermaßen, dass sie dabei sind, ihre eigene Biosphäre zu vergiften und in Stücke zu reißen durch Krieg und durch die rücksichtslose Ausbeutung ihresgleichen und der Natur. Erziehung verdreht (pervertiert) das natürliche Wertesystem im göttlichen Kind – die Übergriffigkeit und das verübte Recht des unendlich Stärkeren gegen ein völlig ausgeliefertes Wesen wird als »gut« gewertet, während dessen unschuldige Bedürfnisäußerungen und der Protest gegen die Vergewaltigungen als »böse« gewertet werden. Vor diesem Hintergrund lassen sich all die gezielt destruktiven – gegen das Leben gerichteten und scheinbar wahnsinnigen – Aktivitäten der heutigen (»wohl«erzogenen) Menschheit ursächlich erklären und dechiffrieren. Der destruktive Mensch glaubt »das Richtige« zu denken und zu tun, und malt mit seiner Tat ein Bild seiner Wertepyramide, die ihm während seiner schmerzhaften Erziehung auf den Kopf gestellt wurde. Nicht Respekt vor dem Leben, Freude am Leben und Schutz des Schwächeren stehen grundsätzlich in der Erziehung zuoberst, sondern das unerbittliche Recht des Stärkeren.

Zweimal blickte ich beim Begräbnis auf

Doch die wichtigste Ursache und Erklärung für mein Heimfinden zum Frieden mit dem Kind offenbarte sich mir erst zwei Jahre später – ich war damals 36 Jahre alt. Meine Mutter war gestorben und ich war zum Begräbnis in das Dorf meiner Kindheit gefahren.

Ein Mensch, bei dem ich früh ein Stück Achtung erfahren durfte.

Während jenem Trauergottesdienst saß ich unter meinen Verwandten im vorderen rechten Teil der Kirche. Im Gang vor uns stand der Sarg auf einem Fahrgestell unter einem schwarzen Tuch. Die Kirche war brechend voll. Unsere Verwandtschaft war umfangreich, aber meine Mutter hatte sich auch viel Achtung im Dorf erarbeitet. Gerne hätte ich mir die Menschen angesehen, wen ich davon kennen bzw. erkennen würde, doch ich unterdrückte dieses Verlangen.

Erst als wir durch den Mittelgang hinausgingen, erlaubte ich mir einen einzigen suchenden Blick in die noch in den Bänken verharrende Menge. Mein Blick traf auf das Gesicht von »Tante Lies«. Sie war eine Großtante mütterlicherseits, und zugleich war sie Nachbarin meiner Oma in meinem Geburtsort, in deren Hof ich mit den Eltern meine ersten beiden Lebensjahre zugebracht hatte. Ich hatte sie bestimmt zwanzig Jahre nicht mehr gesehen, auch ganz vergessen und staunte jetzt, dass sie noch unter den Lebenden weilte. Fünfzehn Schritte später war mir schon klar, dass dieser »Zu-Fall« eine Fügung war. »Soeben habe ich meine wahre Mutter gesehen«, sagte etwas in mir. Ich erinnerte mich noch dunkel, dass ich zwei- oder dreimal vor unserem Umzug bei ihr in der Küche im Schränkchen unter dem Spülbecken mit einem emaillierten Becher gespielt hatte, auch wie gern ich ihn mit der in Gelb darauf gemalten Gans gehabt hatte.

Auf dem Friedhof gingen wir Angehörigen als Erste hinter dem Sarg zum Grab und mussten wieder durch die Menschenmenge, die an der Beerdigungszeremonie teilnahm. Wieder gönnte ich mir ganz bewusst einen einzigen neugierigen Blick in die Menge. Erwartet hatte ich das nicht, aber es wunderte mich kaum noch, dass es wieder Tante Lies war, deren Gesicht ich unter all den Menschen erblickte. Es war klar, dass ich unbedingt mit ihr sprechen wollte. Noch auf dem Friedhof verabredete ich mich mit ihr beim üblichen Leichenschmaus.

Meine rettende Zeugin

In der Gastwirtschaft hatte Tante Lies mir zu ihrer Linken einen Platz freigehalten. Zuallererst erklärte ich ihr, dass ich einen neuen Namen trage. Wie sie das aufnahm, ist für mich auch heute noch kaum glaublich. Diese über 80-jährige Frau stellte dazu nicht eine Frage und in all den Gesprächen, die wir danach noch hatten, nannte sie mich immer bei meinem neuen Namen – ohne sich ein einziges Mal zu versprechen. Ich habe das bei keinem anderen Menschen, der mich mit altem Namen kannte, erlebt und bin mir selbst nicht sicher, bei anderen Menschen ein solches Maß an Achtsamkeit und Flexibilität aufzubringen.

Ich wusste nicht mehr, dass meine Eltern mich wegen ihres Hausbaus die meisten Tage meines zweiten Lebensjahres der Obhut von Tante Lies anvertraut hatten. Wir wohnten im Haus meiner Oma, dem neben Tante Lies. »Du kamst jeden Morgen um die Ecke geflitzt.« Oha – ich, der ich im ersten Schuljahr neben fünf weiteren Spitznamen den eines »Steifchens« zu tragen hatte, hatte mit etwas mehr als einem Jahr »flitzen« können! Sie fasste die Situation im Hause ihrer Schwägerin, meiner Oma, in einem Satz zusammen: »Dort herrschte damals eine schlimme Atmosphäre.«

Ohne Tante Lies hätte ich keine Chance gehabt.

Die groben Fakten der Traumata aus zwei Weltkriegen in meiner Familie waren mir bekannt, aber dass sich die Menschen, die mich damals umgaben, oft das Leben zur Hölle gemacht hatten, erfuhr ich erst jetzt. Tante Lies erzählte nicht viele Details, doch ein harmloseres mag einen winzigen Eindruck von der Luft wiedergeben, in der ich damals aufwuchs: Ich wusste, dass in unseren katholischen Haushalten Zärtlichkeit völlig verpönt war. Tante Lies erzählte nun, wie später mein um neun Monate jüngerer Vetter auch öfter bei ihr war und sich mit ihr darüber ausgetauscht hatte, dass es Streicheleinheiten oder Küsschen nur bei seiner (aus der Stadt eingeheirateten) Mutter und bei seinem Papa gäbe, aber nicht beim Rest jener Sippe.

So stieß ich völlig unerwartet beim Begräbnis meiner Mutter, die übrigens nie meinen neuen Namen über die Lippen gebracht hatte, auf einen Menschen, bei dem ich im Alter von eins bis zwei eine andere, freie Atmosphäre hatte atmen können – im Gegensatz zum Kontrollfeld von meinen Eltern und Großeltern.

In Das verbannte Wissen schreibt Alice Miller: »Das Baby braucht die Gewissheit, dass es in jeder Situation geschützt wird, dass sein Kommen erwünscht war, dass sein Schreien gehört, seine Blicke beantwortet und seine Angst beruhigt werden. Es braucht die Sicherheit, dass sein Hunger und Durst gestillt, sein Körper liebevoll gepflegt und seine Not niemals ignoriert werden. Ist das zu viel verlangt? Unter Umständen …«

»Ein Gegengewicht zur Grausamkeit«

Beim Umzug unserer Kleinfamilie in das neuerbaute Haus gab es keinen bewussten Abschied von Tante Lies. Doch da ihr Sohn das Friseurhandwerk gelernt hatte, sollte ich in ihrer Küche, beim ersten Besuch zurück, von der seit meiner Geburt gediehenen Einstein’schen Lockenpracht befreit werden. Nach dem Mittagessen bei Oma sollte es losgehen. Doch diesmal flitzte ich nicht dorthin, sondern stemmte mich »Nicht die Ohren!« schreiend mit aller Kraft gegen die, die mich links und rechts gepackt hatten und dorthin schleppten. Eine 16-jährige Verwandte hatte gesagt, »der schneidet dir auch die Ohren ab«, und so schrie ich noch »Nicht die Ohren!«, als die Haarpracht schon am Fallen war. Hatte meine Sippe mit diesem Unternehmen, das mir als Gewaltakt im Gedächtnis geblieben ist – bewusst oder unbewusst die Beziehung zu Tante Lies und zugleich meine gute Erinnerung an die befreite Atmosphäre dort in mir auslöschen wollen und dies auch großenteils erreicht?

Von nun an hatten jedenfalls meine Eltern die ausschließliche Herrschaft über ihre inzwischen zwei Söhne. Von nun an war ich ihnen für fast zwei Jahrzehnte ausgeliefert und entkam nur knapp dem Tod durch Krankheit oder Suizid, dem Wahnsinn und Alkoholismus oder auch wahlweise einem schlimmen Tätersein. Dass mir das so schlecht und recht gelungen ist – diesen feinen Unterschied verdanke ich einem Engel in Menschengestalt, bei dem ich früh ein Stück bedingungslose Achtung erfahren durfte.

Alice Miller spricht in ihren Büchern davon, welch entscheidende Bedeutung ein »helfender Zeuge« für die Rettung eines Menschen haben kann: »Ein ›Helfender Zeuge‹ ist für mich ein Mensch, der einem misshandelten Kind beisteht (und sei es noch so selten), der ihm Stütze bietet, ein Gegengewicht zur Grausamkeit, die seinen Alltag bestimmt. Das kann jeder Mensch aus seiner Umgebung sein: ein Lehrer, eine Nachbarin, die Hausangestellte oder die Großmutter. Sehr häufig sind es die eigenen Geschwister. Dieser Zeuge ist eine Person, die dem geschlagenen oder verwahrlosten Kind etwas Sympathie oder gar Liebe entgegenbringt, es nicht aus erzieherischen Gründen manipulieren will, ihm vertraut und ihm das Gefühl vermittelt, dass es nicht böse ist und dass es Freundlichkeit verdient. Dank dieses Zeugen, der sich seiner entscheidenden, rettenden Rolle nicht einmal bewusst sein muss, erfährt das Kind, dass es in dieser Welt so etwas wie Liebe gibt.« (aus: Evas Erwachen )

Stolpersteine für Opfer wie für Täter

Heute ist es mir noch mehr bewusst als damals, dass das Vermeiden von Selbstmord oder Wahnsinn oder frühem Tod einerseits – aber auch von massiver Weitergabe der erlittenen Misshandlungen, von Vatermord, Rache, Amoklauf und anderweitiger Flucht ins Tätersein nicht nur mein eigenes Verdienst ist, sondern ebenso unverdiente Gnade und Geschenk von außen. Dasselbe gilt für mein Erkennen, dass der Friede mit dem Kind für das eigene Lebensglück wie für das Überleben der Menschheit von grundlegender Bedeutung ist. Ich bin sehr froh und dankbar über und für dieses Bewusstsein, erkenne auch mein eigenes Verdienst in dieser Sache an, aber ich weiß, dass ohne jene stille Zeugin und eine Reihe anderer Begegnungen mein Weg sehr leicht in eine destruktive Richtung hätte führen können.

Der im selben Jahr wie ich geborene Kindermörder Jürgen Bartsch hatte vor seinen Taten keinen rettenden Zeugen. Der Autor Paul Moor gibt ein aufschlussreiches Wort von Jürgen Bartsch wieder: »An einen guten Traum kann ich mich überhaupt nicht entsinnen.« (aus: Jürgen Bartsch – Opfer und Täter ) Ich habe aus jener Zeit, in der ich etwa anderthalb Jahre war und also regelmäßig bei Tante Lies gewesen sein muss, erste Erinnerungen an Serien von Fallträumen und an eine sehr detaillierte Traumszene. In meiner ersten Therapie hatte ich ja einiges an bildlichem Verständnis und psychoanalytischem Wissen zu Träumen geschenkt bekommen und erkenne seitdem, wie jener frühe Albtraum den gesamten damaligen Wahnsinn meiner Kleinfamilie unmissverständlich bloßlegte. Mir wird erst jetzt bewusst, dass ich es ebenfalls Tante Lies verdanke, dass damals in mir so viel Distanz und Klarheit waren, dass ich jenen ersten mir im Detail bewussten Traum träumen und auch in Erinnerung behalten konnte.

»Wie kann ich fühlen, wenn meine Gefühle immer abgelehnt wurden?«

Schon im Mutterleib und als Neugeborene beginnen wir, unseren freien Willen zu fühlen und zu entfalten. Im Idealfall wachsen wir in ein kooperatives und selbstverantwortliches Handeln hinein. Als Erwachsene sind wir zu 100 Prozent für unser Tun verantwortlich. Und doch sind diese 100 Prozent freier Wille auch abhängig von unserer frühen Umgebung. Als Kind sind wir unseren Eltern und manchmal auch Pfarrern und Lehrern völlig ausgeliefert. Im Guten oder im Bösen, also im bedingungslosen Frieden oder im schlimmsten und folgenreichsten aller Kriege, dem Erziehungskrieg, erziehungsfrei oder eben erzogen. Natürlich machen wir alle Fehler, aber es ist wichtig, dass wir diese dann auch als Fehler anerkennen. Deshalb ist die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen lebensfreundlich oder mörderisch so wichtig. Alice Miller stellt das eindeutig klar: »Wir müssen als Erwachsene den Mut finden zu urteilen , das Böse zu benennen, es nicht zu tolerieren .« (aus: Evas Erwachen )

Wenn nun erwachsene Menschen ihre unendliche physische und auch intellektuelle Überlegenheit gegen den jungen Menschen ausspielen, hat dieser ohne Zeugen keine Chance, er unterwirft sich, muss sich selbst und die ihm angeborene Menschlichkeit verraten. Dann wird er zu 100 Prozent fremdbestimmt. Alice Miller erklärt das folgendermaßen: »Ein Kind tut alles, um die Liebe der Mutter zu gewinnen, weil es ohne diese Liebe nicht leben kann.« (aus: Das verbannte Wissen )

So bin ich natürlich froh und auch ein wenig stolz, dass es mir gelungen ist, in Abgrenzung von meinen Eltern den Wert des Friedens mit dem Kind zu entdecken, zu erforschen, zu propagieren und umzusetzen. Doch ich weiß auch von Situationen, in denen ich noch nicht so weit war, oder in denen ich mich plötzlich in alten Mustern wiederfand. Und ich weiß, dass es neben den 100 Prozent eigener Erkenntnis und eigener Entschlusskraft paradoxerweise auch noch 100 Prozent Gnade von außen brauchte, der ich das zu verdanken habe.

Täter sind in meinen Augen weniger oder zumindest nicht mehr für ihr Zerstörungswerk verantwortlich als diejenigen, denen sie in der Kindheit ausgeliefert waren, und auch nicht mehr als diejenigen, welche heute noch für das Erpressen und Bestechen, die Ausübung des Rechts des Stärkeren gegen wehrlose Kinder, auch Erziehung oder gar Therapie genannt, einstehen. Unsere Gesellschaft, sofern sie für sich in Anspruch nimmt, Verantwortlichkeit und konstruktive Werte zu leben, müsste zuallererst die Abkehr von Erziehung und Zuwendung zu unverbrüchlichem Frieden mit dem Kind als ihr Paradigma proklamieren. Dasselbe gilt auch für jeden Einzelnen. Wenn das so offensichtlich ist: Was hindert so viele an diesem Wechsel?

Von der Angst, die ­Eltern in Frage zu stellen

Wenn ich mich nun umsehe und beispielsweise an zustimmende oder gar schadenfrohe Reaktionen auf die Elternschule denke, erkenne ich, dass viele Zeitgenossen ihre Ent- oder Aus-Wicklung aus dem Erziehungskrieg gegen die Kinder nicht oder noch nicht geschafft haben. Sie liegen noch verschanzt in den Schützengräben gegen die wehrloseste aller menschlichen Minderheiten. So empörend ich deren schadenfrohes Lachen über die Situationen auch finden mag, in denen die in der Klinik gequälten (»behandelten«) Kinder weinten, – ohne Tante Lies würde ich womöglich in derselben Gefühls- oder Täterfalle sitzen – wenn ich überhaupt noch am Leben wäre.

Alice Miller erklärt in Das verbannte Wissen , wie es allzu vielen Menschen ergangen ist und auch mir ohne meine wissenden und helfenden Zeugen wahrscheinlich ergangen wäre. Wer sich selbst verstehen will und dazu auch das Massenphänomen der Anwendung von Zwang gegen Kinder sowie die oft gleichzeitig damit einhergehende Verhöhnung der Opfer, dem könnten ihre schon vor über dreißig Jahren geschriebenen Worte auch im Hinblick auf einen Film wie Elternschule wie eine Prophetie erscheinen. Millers Analyse könnte nicht nur für unsere eigene Selbsterkenntnis hilfreich sein, sondern auch im Umgang und Gespräch mit erzogen denkenden Mitmenschen, Lehrern, Ärzten oder Therapeuten: »Die einzige Möglichkeit zur Selbsthilfe, die einem Baby übrigbleibt, wenn sein Schrei nicht erhört wird, ist die Verdrängung der Schmerzen, was eine Verstümmelung der eigenen Seele bedeutet. Denn dadurch wird seine Fähigkeit zu fühlen, wahrzunehmen und sich zu erinnern zerstört.«

Darauf erklärt sie, wozu das führt: »Das eigene Leiden nicht ernst zu nehmen, es zu bagatellisieren oder sogar darüber zu lachen, gehört in unserer Kultur zum guten Ton. Diese Haltung wird sogar als Tugend bezeichnet, und viele Menschen, zu denen ich früher auch gehörte, sind stolz auf ihren Mangel an Sensibilität ihrem eigenen Schicksal und vor allem ihrer Kindheit gegenüber.«

Laut Miller werden Eltern ihre Taten wiederholen, um das schreiende – auch das eigene innere – Kind zum Schweigen zu bringen, solange es das gesellschaftliche Tabu gibt, die Eltern zu hinterfragen.

Ich sehe in all den erzieherisch Gesinnten, seien sie nun Eltern oder mit Titeln oder Preisen ausgezeichnete Psychologen oder Ärzte ein gemeinsames Wesensmerkmal – nämlich die Angst vor den Eltern ihrer Kindheit, aber auch die bedingungslose bisher nicht hinterfragte Liebe zu diesen Menschen. Ruinieren wir aus falsch verstandener Liebe zu unseren Eltern unser Lebensglück und die Natur?

Das Wissen um die Entstehung »des Bösen«, um die Ursache des Mangels an Empathie und um die Verkehrung der Werte in uns Menschen gibt uns viel effektivere und konstruktivere Möglichkeiten zur Austrocknung der menschengemachten Zerstörung an die Hand als jede Kampfstrategie gegen »das sogenannte Böse« oder gegen all die Symptome der Zerstörung. Wenn wir »den Bösen« verstehen, so heißt das in keiner Weise, dass wir »das Böse« billigen oder nichts zur Aufklärung tun. Mit unserem Verständnis wächst unsere Empathiefähigkeit sowohl mit uns selbst als auch mit Tätern und Opfern. Mit unserem Verständnis wächst auch unser durch Erziehung schwer beschädigter Selbstwert, unser positives Bild von uns selbst, wie vom Menschen und seinen geistigen Möglichkeiten allgemein.

Wie wirklich helfende, zu körperlicher und seelischer Gesundheit führende Therapie aussehen müsste, definiert Miller folgendermaßen: »Eine ähnliche Rolle wie der ›helfende Zeuge‹ in der Kindheit kann im Leben eines Erwachsenen der ›wissende Zeuge‹ spielen. Darunter verstehe ich einen Menschen, der um die Folgen von Verwahrlosungen und Misshandlungen von Kindern weiß. Er kann daher diesen geschädigten Menschen beistehen, ihnen Empathie bekunden und ihnen helfen, ihre ihnen selbst unverständlichen Gefühle von Angst und Ohnmacht aus ihrer Geschichte heraus besser zu verstehen, um die Optionen des heute Erwachsenen besser wahrnehmen zu können.« (aus: Dein gerettetes Leben )

Du sollst Vater und Mutter ehren

Kein Lebewesen ist mehr und länger auf Begleitung seitens seiner Eltern angewiesen als der »Homo sapiens«. Bei Familien, die den Wert des wahren Selbst bei sich und bei ihrem Kind kennen und schätzen, läuft die Ablösung leicht ab. Je weniger ein Mensch seine Bedürfnisse seitens seiner Eltern erfüllt bekam, desto größer ist die Gefahr des Selbstverrats und dass er zeitlebens darauf hofft, von den Eltern oder anderen »Autoritäten« doch noch das in der Kindheit so schmerzlich Vermisste zu bekommen oder sich durch Wohlverhalten oder Leistung verdienen zu können. Ich werde mich vielleicht bis zum Ende meines Lebens fragen, ob es besser gewesen wäre, den Kontakt mit meinen Eltern mit 13 oder 23 konsequent abzubrechen. Ich habe diesen endgültigen Schritt erst ein Jahr vor meines Vaters Tod geschafft. Ich habe seine und meiner Mutter Ablehnung nie ernst genug genommen, mir immer wieder neue Illusionen über seine und ihre Menschlichkeit mir gegenüber gemacht – Illusionen, die ich aber vielleicht gerade auch dann noch um so mehr hätte, wenn ich mir nicht immer wieder von Neuem das Gegenteil hätte beweisen lassen.

Bedürfniserfüllung in früher Kindheit erleichtert die spätere Ablösung.

Wenn wir nicht friedvolle, antipädagogisch gesinnte Eltern hatten, beinhaltet unser persönlicher Weg zu einer solchen erziehungsfreien Einstellung immer auch den Aspekt der Loslösung von diesen Eltern. Den Einfluss, den Eltern in der Regel auf ihr Kind haben – im Guten oder im Bösen – drückt sich in Sprichwörtern aus wie »Der Apfel fällt nicht weit von Stamm« oder »Wie die Alten sungen, so zwitschern heut’ die Jungen«. Tabus, wie sie sich im 4. Gebot oder in anderen »Elternschutzaktionen« wie denen von Sigmund Freud niederschlagen, erschweren für viele die Schritte zur Abnabelung. Glaubhafte politische Vergangenheitsbewältigung und Gegenwartsgestaltung, also die Abkehr von unmenschlichen Ideologien und vom Recht des Stärkeren, braucht als ersten Schritt und als Grundlage Klarheit in der Abwendung von der Erziehungsgewalt und in der Rückkehr zum Frieden mit dem Kind. Die Bedeutung der Reflexion der Bedingungen für diese individuellen wie gesellschaftlichen Befreiungsprozesse kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Tante Lies hat mir nicht nur eine frühe Phase meiner Kindheit erträglicher gestaltet. Meine eigenen langen Verstrickungen mit meinen Eltern machen noch einmal umso deutlicher, was die im Gespräch mit Tante Lies gemachten Entdeckungen bereits zeigten: Wie knapp mein Entkommen aus der Erziehung ins Leben war und dass sie meine rettende Zeugin war, ohne die ich wohl keine Chance gehabt hätte. Sie hat mich im prägenden zweiten Lebensjahr fühlen lassen, dass es Alternativen gibt zur Grausamkeit und bedingungslosen Unterwerfung. So konnte ich später bedeutende Teile der Erziehung meiner Eltern aufarbeiten und den Sinn des naheliegenden und doch für viele so fernen Friedens mit Kindern und eigentlich mit allen Menschen erfassen und dafür eintreten.

Alice Miller hat mit ihrem Konzept vom »Rettenden«, »Helfenden« und »Wissenden Zeugen« auf etwas hingewiesen, das jedem, der den Wert erziehungsfreien Denkens bereits erkannt hat, große Wirkmöglichkeiten eröffnet – bewusst und unbewusst. Die Früchte der von uns gesäten Impulse müssen nicht immer gleich sichtbar werden, aber wir brauchen nicht an der Wirksamkeit unserer Samenkörner zu zweifeln.

Bis heute verkörpern die Bücher und Konzepte von Alice Miller für mich ebenfalls gewissermaßen »helfende Zeugen«. Dabei hat auch der Sohn dieser Autorin, Martin Miller, sehr gelitten unter seinen Eltern. Mit seinem Buch Das wahre »Drama des begabten Kindes« ist er 2013 mit seinem heftigen Auseinandersetzungsprozess über seine Kindheit an die Öffentlichkeit getreten. Voraussichtlich in diesem Jahr wird es Gelegenheit geben, Einblicke in seine dramatische Aufarbeitung der Vergangenheit seiner Familie zu bekommen. Die in diesen Zeugnissen zutage tretenden Widersprüche zwischen Alice Millers Theorie und der Praxis mit ihrem Sohn sind tragisch. Das macht ihre Mahnungen um so dringlicher, dass wir unser Bild vom jungen Menschen und damit von uns selbst bereinigen dürfen und die hochsozialen Anlagen, mit denen junge Menschenkinder auf die Welt kommen, wahrnehmen und sie entsprechend achtungsvoll behandeln, anstatt sie durch Erziehung zu korrumpieren. Alice Millers Beispiel bestätigt, dass wir als Menschen fehlbar sind und Geduld und Verständnis mit und für uns selber und andere brauchen und wir unsere Fehler nicht als Schampotential, sondern als fruchtbare Hilfen für unser Lernen und unsere Befreiung ansehen dürfen. ■

Alexej Sesterheim

wurde zwei Monate nach dem Weltkrieg gezeugt und erlebte, wie er mit seinen Mitmenschen systematisch durch Erziehung traumatisiert wurde und die Rückkehr zur Menschlichkeit bisher nicht mit dem technischen Fortschritt mithalten kann. Als Lehrer und als Hiroshima-Aussteller entdeckte er den Frieden mit dem Kind und verfasste einen Friedensvertrag zwischen Erwachsenem und Kind, der einseitig vom Erwachsenen einzuhalten ist.