Das erziehungsfreie Leben im Alltag (und seine Tücken)

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Eine Antwort von Sylvia K. Will

Frage: Vor zwei Wochen hat mein Mann mir gesagt, dass er sich von mir trennen möchte. Wir haben schon seit ungefähr zwei Jahren Probleme, jetzt hat er wohl eine andere Frau kennengelernt. Unsere Tochter ist sechs Jahre alt. Mein Mann sagt, dass er sich zukünftig den Umgang hälftig mit mir teilen möchte. Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen. Ich finde, ein Kind gehört zu seiner Mutter. Und in den letzten Jahren war er hauptsächlich arbeiten und hat für meine Begriffe keine Ahnung, wie man mit einem Kind richtig umgeht. Ich weiß auch gar nicht, ob er überhaupt jemals mit ihr Zeit alleine verbracht hat, ob er mit ihr spielen kann und mitbekommt, was sie braucht. Ich habe Angst, dass mein Kind durch die viele Zeit beim Vater nicht so aufwächst, wie ich mir das vorstelle. Was soll ich tun?

Es ist spannend zu sehen, wie sich in den letzten beiden Jahrzehnten ein Verständnis von Familie entwickelt hat, welches die Verantwortung für die Begleitung eines gemeinsamen Kindes bis ins Erwachsenenalter anders verteilt, als das noch zu Ende des 20. Jahrhunderts der Fall war. Sicherlich hat auch die Rechtsprechung mit ihren Bestimmungen zu dieser Entwicklung beigetragen, aber eins ist deutlich zu beobachten: Viele Väter wollen mehr Anteil am Aufwachsen ihrer Kinder haben. Manchmal ist es jedoch nicht einfach, für diesen Wunsch geeignete Vorbilder zu finden oder Ideen zu entwickeln, insbesondere dann, wenn im näheren Umfeld eher die klassischen Ideen von Erziehung und Familie gelebt werden.

Was sich in Ihrer Frage offenbart ist ein bereits bestehendes Ungleichgewicht in der Wertigkeit der mütterlichen und väterlichen Rolle – in der Bedeutung, die diesen Menschen im Leben des Kindes zugeschrieben wird. Nicht selten findet dieses Ungleichgewicht bereits innerhalb der Partnerschaft seinen Ausdruck, kann aber durch die Gestaltung des Zusammenlebens und des gemeinsamen Alltags maskiert werden. Die Frage, die sich stellt – und die auf den ersten Blick so unbedeutend scheinen mag – ist, inwiefern sich diese verdeckt oder offen ausgelebte Haltung, dass ein Elternteil wertvoller sei als der andere, im gemeinsamen Elternsein auswirkt. Inwiefern kann es gelingen, gemeinsame Absprachen und Entscheidungen zu treffen, wenn einer sich kompetenter darin fühlt, dies zu tun, als der andere? Inwiefern kann ein Elternteil, welches sich in seiner Elternrolle nachrangig fühlt, seinen Platz innerhalb des Familiensystems finden, eigenen Bedürfnissen und Wünschen Ausdruck verleihen und vor allem bei Konflikten einen eigenen, tragfähigen Standpunkt entwickeln?

Nicht selten wird es bei einem zugrunde liegenden Ungleichgewicht in der Elternverantwortung für den nachrangigen Elternteil schwierig bis unmöglich, ein eigenständig entwickeltes Bild von sich selbst zu definieren mit all den Fragen, die dazu gehören. Welche Werte sind für mich wichtig? Welche Art Mutter oder Vater möchte ich sein? Wie möchte ich Familie leben? Welchen Umgang miteinander möchte ich fördern? Kommt es in diesen Familien – so wie in Ihrer – zur Trennung, offenbart sich die gelebte Schieflage mit voller Kraft. Sie sprechen dem Vater Ihres Kindes die Fähigkeit ab, sich gut um seinen Nachwuchs kümmern zu können und auch die, dies lernen zu können, wenn das in der Vergangenheit keine Notwendigkeit war. Sicherlich ist ein Wechselmodell im Vergleich zum Klassiker des Residenzmodells eine besondere Herausforderung für alle Beteiligten. Insbesondere deshalb, weil die Dinge, die vermeintlich durch eine Trennung gelöst werden wie z. B. Schwierigkeiten in der Kommunikation und im Vertrauen ineinander, weiterhin wesentlicher Bestandteil des elterlichen Miteinanders bleiben. Eltern müssen es also schaffen trotz des Abschieds von der Paarebene, Lösungen für ihre zwischenmenschlichen Konflikte zu finden. Geben Sie dem Vater die Möglichkeit, an der neu gewonnenen Verantwortung zu wachsen, und Ihrem Kind die Chance, beide Elternteile gleichermaßen und in gleicher Wertigkeit als zentralen Bestandteil seines Lebens zu begreifen. Und nicht zuletzt ist dieser Prozess auch hilfreich auf dem Weg dahin, eigene Vorstellungen über das Leben und Aufwachsen des eigenen Kindes sowie die Illusion, dass wir mit mehr Kontrolle Macht darüber ausüben können, in welche Richtung sich unsere Kinder entwickeln, ziehen zu lassen. ■

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