»Ganz sicher wird alles anders und sicher wird vieles besser.«

In vielen Vereinen und Organisationen gibt es soziales und bürgerschaftliches Engagement rund um die Themen Bildung und Leben mit Kindern. In dieser Reihe werden einige davon vorgestellt. Ein Interview mit Leif Wetzel vom Kinderrechtebüro Sachsen .

Wie ist »Das Kinderrechtebüro Sachsen« entstanden und durch wen?

Die Initiatoren waren alle schon in den frühkindlichen Bildungseinrichtungen ihrer Kinder aktiv. Viele Probleme in Kitas bedürfen einer Lösung auf übergeordneter Ebene. Eher zufällig traf man sich, um 2008 den Stadtelternrat-Chemnitz, die selbstorganisierte kommunale Kita-Elternvertretung wieder neu zu beleben. Mit dem Grundschulalter der Kinder war es dann laut Satzung zwar noch möglich im Stadtelternrat-Chemnitz tätig zu sein, der Hort ist ja eine Kindertageseinrichtung, jedoch ist für schulische Angelegenheiten die im sächs. Schulgesetz geforderte Struktur der Elternvertretung zuständig. Wir legen großen Wert auf möglichst freie Entscheidungen und autonomes Handeln. Eine Mitarbeit in den Wahlgremien der Organisationsstruktur der Schulelternräte außerhalb der eigenen Schule kam für uns daher nicht in Betracht. Zur Lösung des Problems gründeten wir die Freie Elterninitiative Chemnitz – FrECh als Angebot für alle Eltern mit Kindern in Bildungseinrichtungen.

Gleichzeitig, im Frühjahr 2012, hatten wir die Gelegenheit einer, von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung organisierten, Veranstaltung beizuwohnen. Die »UN-Kinderrechtekonvention« wurde diskutiert und deren fehlende tiefere Umsetzung in Deutschland allseits beklagt. Allerdings hatten nicht nur wir das Gefühl, dass es den meisten Teilnehmern nicht wirklich um eine tatsächliche Verbesserung der Zu-und Umstände ging. Es wurde jedoch dazu aufgerufen, entsprechende Anlaufstellen, Kinderrechtebüros zu gründen.

Da wir sowieso mit unseren Projekten an der ganz konkreten Umsetzung von Kinderrechten vor Ort arbeiteten, war die Idee, das »Kinderrechtebüro/Chemnitz« zu eröffnen, nur folgerichtig und ein konsequenter Schritt. Womit wir allerdings nicht rechneten: Einige parteinahe Vereine in Chemnitz, forderten uns auf Stellung zu nehmen, wer uns dafür die Erlaubnis erteilt hat. Offenbar war man der Meinung, das alleinige Recht zu besitzen und hier tätig zu sein, sowie die Deutungshoheit der Auslegung von Kinderrechten inne zu haben.

Was ist das Ziel des Projekts?

Nun, die Umsetzung der Rechte von Kindern (UN-Kinderrechtekonvention) zu fordern ist das Eine, aber zu wissen, was das im Alltag konkret bedeutet, ist etwas gänzlich anderes. Wir sind der Meinung, dass uns unser preußisches Erbe allzu oft den Blick auf eine kinderbedürfnisorientierte Gesellschaft verstellt. Dieser Gesellschaft fehlt in dem Zusammenhang komplett das Verständnis für Inklusion. Das ist sicher eine radikale Meinung, aber wir sehen es genauso. Es geht also um Inklusion und darum, die Gesellschaft etwas friedlicher zu gestalten. Ein Kind, das möglichst ohne Gewalterfahrung aufwächst, wird später höchstwahrscheinlich einen friedlichen und freundlichen Umgang mit anderen Menschen pflegen. Es ist sicher nicht notwendig, einen Heranwachsenden mit Gewalt zu konfrontieren, mit dem Hinweis, dass man so nicht handelt. Es ist viel zielführender, Kinder in friedlicher Umgebung aufwachsen zu lassen. Welcher Erwachsene ist heute schon frei von kindlich erlebter Gewalt. Gewalt, die meist nicht einmal als solche wahrgenommen wurde, weil allgegenwärtig und oft psychischer Natur.

Wie erreichen Sie ihr Ziel?

Bis 2018 gab es regelmäßig Seminar-Angebote an der VHS-Chemnitz. Auf Wunsch beraten wir Elternräte oder führen Einzelgespräche. Es geht jedoch ausschließlich um Hilfe zur Selbsthilfe.

Was haben Sie bis jetzt erreichen können? Gibt es Meilensteine?

Die Neuordnung der Speiseversorgung in Chemnitzer Bildungseinrichtungen, mit der Einführung von Qualitätsstandards, ist sicher so ein Meilenstein. Darauf wurden auch Eltern in anderen Kommunen aufmerksam, die wir dazu beraten durften.

Es sollte mittlerweile auch möglich sein, dass souveräne und mündige Eltern hier in Sachsen das Recht ihrer Kinder auf freiere Bildung besser in Anspruch nehmen können als noch vor 3 Jahren. Zumindest berichten uns das die betreffenden Eltern, die untereinander sehr gut vernetzt sind. Den einen oder anderen Tipp konnten wir sicher geben.

Was erschwert Ihnen die Arbeit?

Es geht weniger um unsere Tätigkeit, die ja kein Selbstzweck ist, sondern um die Umsetzung der Kinderrechte, die ja auch nur Menschenrechte sind. Bezogen auf die Würde der jungen Menschen sind die Länder der BRD bei genauer Betrachtung Entwicklungsland.

Es mangelt, bezogen auf die Stätten der Fremdbetreuung, ganz sicher an genügend möglichst souveränen und mündigen Eltern, die gerade dann ganz genau hinschauen, wenn sich ihre Kinder nicht in ihrer Obhut befinden.

Leif Wetzel.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass wir durch unsere oft komplett andere Sicht auf die Dinge eher die ungeliebten Schmuddelkinder sind, mit denen man lieber nicht spielt oder spielen darf. Die Grenzen werden gefühlt enger, innerhalb derer Politik und Verwaltung abweichende Meinung toleriert. Die Beteiligten im Bildungssektor sind hier offenbar sehr sensibel. Zumal wir auch »Nureltern« sind.

Trotzdem glauben wir fest daran, dass wir, rückblickend von 2035 auf heute, auf einem guten Weg sind. Wir befinden uns innerhalb großer Veränderungsprozesse, die die gesamte Gesellschaft erfassen. Ganz sicher wird alles anders und sicher wird vieles besser.

Wie können Interessierte Sie unterstützen?

Wir haben ganz sicher massive Probleme auf der Haltungsebene. Diese manifestieren sich allerdings auf der Handlungsebene. Um das grundlegend zu ändern, könnte man uns Geld spenden, und zwar viel – sehr viel. Mit Geld kann man ja auch eine Menge Gutes anrichten

Dann würden wir eine Werbefirma beauftragen, eine Kampagne zu entwickeln, mit dem Ziel, der Bevölkerung zu vermitteln, dass ein gewaltfreies und inkludierendes Schulsystem doch besser ins 21. Jahrhundert passt als das deutsche Schulsystem preußischer Ordnung. Wir müssten es nur mit dem frühkindlichen Bereich harmonisieren. Die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen wären enorm. Wir schätzen, als Jahresbudget sollten 230 Millionen Euro reichen. Vielleicht sind wir dann in 5 Jahren auf dem halben Weg. Nein, im Ernst … auch wenn diese Ironie etwas verzweifelt klingt, zumindest sind wir recht ratlos.

Wissen Sie von Nachahmern bzw. anderen Initiativen, die dem Aufruf, ein Kinderrechtbüro zu gründen, gefolgt sind?

Nein! Wir wissen von keinen ehrenamtlich tätigen Nureltern, die ähnliche Ziele über einen doch recht langen Zeitraum verfolgen. Es wird diese jedoch geben. Und es wäre toll, wenn andere diesen Aufruf hören und ihm folgen.

Welche Frage würden Sie gern gestellt bekommen und beantworten?

Müssen Kinderrechte unbedingt ins Grundgesetz?

Und? Müssen sie?

Aus unserer Sicht nicht. Kinderrechte sind Menschenrechte. Das Grundgesetz ist auch nur schwarze Tinte auf weißem Papier, d. h., wenn die Haltung nicht stimmt, nützt auch das blumigste Gesetz nichts. Oder anders: Auch ohne Gesetz kann ich ethisch handeln. Uns ist ganz einfach die Gefahr zu groß, dass bestimmte Kräfte versuchen werden, mit dem Verweis auf grundgesetzlich verankerte Kinderrechte noch leichter in das Sorgerecht einzugreifen – immer zum Wohl des Kindes natürlich. Uns ist der Satz von Olaf Scholz (SPD) im Gedächtnis: »Wir wollen die Lufthoheit über den Kinderbetten erobern.« Nachzulesen in einem Artikel der »Welt« aus dem Jahr 2012.

Vielen Dank für das Gespräch. sr

Das Kinderrechtebüro Sachsen

Gründung: 2012

Sitz: Chemnitz

Aktionsraum: Deutschland

Kontakt: info@kinderrechtebüro.de

Tel. 0163 / 81 66 554

Website: www.kinderrechtebuero.de