Was ungefragte Belehrung bei jungen Menschen bewirkt

Menschen lernen durch ihre eigene Begeisterung, nicht durch Belehrung. Schon gar nicht, wenn sie an einem Thema nicht interessiert sind. Das ist längst kein Geheimnis mehr. Naomi Aldort stellt hier noch einmal klar, warum das so ist. Und warum es gerade für Eltern so wichtig ist, sich ungefragten Belehrens bewusst zu werden …

Naomi Aldort

Eine Klientin kam mit folgendem Anliegen zu mir: »Ich kann meine Kinder (13, 10 und 7) für nichts Sinnvolles begeistern. Ich stelle eine »anregende Umgebung« her, biete Aktivitäten in der Natur an. Aber es interessiert sie nicht. Alles, was sie wollen, ist zu spielen. Nichts, was ich anbiete, scheint ihr Interesse zu wecken. Sie wollen keine Baumnamen kennen, keine Seen, keine Berge, nichts. Woran liegt es? Und wie werden sie etwas lernen?« Eine andere Mutter kam mit dieser Geschichte zu mir: Sie holte ihre beiden Kinder bei ihrem erwachsenen Freund David ab. Die Kinder erzählten ihr, dass David aus dem Essen eine Lehrstunde gemacht hatte und wie unmöglich sie das fanden. Ihr Sohn hatte sich unter den Tisch verkrochen, um sein Desinteresse zu verbergen und David »seine Show zu lassen«. Der Sohn sagte zur Mutter: »David erzählte irgendetwas über Reisanbau in China. Er hatte einfach den Drang, uns zu belehren. Also warteten wir, bis er es erledigt hatte; dann konnten wir essen.«

Ich finde das Verhalten dieses Jungen sehr großzügig und einfühlsam: Er hatte begriffen, wie wichtig es für David war, eine Lehrstunde abzuhalten, und er fand seinen persönlichen Weg, Davids Enthusiasmus nicht lächerlich zu machen.

Belehrungsdrang ist ansteckend

Ich bezeichne den Drang, (be)lehren zu wollen – und die meisten Erwachsenen sind davon betroffen – als »Belehreritis«. Es handelt sich dabei um das dringende Verlangen, Lektionen zu erteilen. Diese »Krankheit« ist nicht heilbar. Noch dazu ansteckend. Und lässt sich nicht durch Händewaschen und ein bisschen Vitamin C verscheuchen. Eltern können allerdings die Symptome in den Griff bekommen, sodass ihre Kinder verschont bleiben. Zum Beispiel können sie ihr Lehr-Bedürfnis in einem anderen Rahmen, wie in einer Bildungseinrichtung, ausleben.

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