Wanderndes Lernen

Seit fünf Jahren begeben sich junge Menschen mit der Wanderuni auf ihren eigenen, selbstbestimmten Bildungsweg. Die halbjährlichen »StudienGänge« laden ein, das Leben mit der Natur und in Gemeinschaft zu erforschen und auf der Wanderschaft eigene Interessen zu entfalten.

Manoel Eisenbacher

Plätscherndes Wasser, ein sternklarer Himmel oder der Geruch des Waldes. Im Sand vergrabene Füße, während in der Nähe ein Feuer knistert. Wer bei diesen Beschreibungen an eine Universität denkt, dem würde man wohl landläufig irgendetwas zwischen überbordender Fantasie und Weltfremdheit attestieren. Hörsäle – wahlweise überfüllt oder überdimensioniert, große Bibliotheken und alte Gebäude bestimmen hierzulande das Bild der Hochschulen. Und doch gibt es seit einigen Jahren eine Initiative, die das Lernen nach der Schule nach draußen verlagert, raus aus den Hörsälen, rein in die Natur: die Wanderuni.

Als freie Bildungsinitiative möchte sie einen Gegenpol schaffen zur starren, modularisierten und anonymisierten Bildung an den Universitäten. Sie lädt junge Menschen ein, ihren eigenen, selbstbestimmten Weg zu gehen, und das nicht nur im übertragenen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes. Zwischen 18 und 30 Jahre alt sind meist die Menschen, die sich für ein halbes Jahr auf ihre selbstorganisierte gemeinsame Wanderschaft begeben. Es ist ein Semester des Lernens und Entdeckens, des Erfahrens von Gemeinschaft, der Begegnung mit anderen und mit sich selbst. Vorgegebene Rahmenbedingungen existieren dabei praktisch nicht. Seit dem vergangenen Jahr gibt es zu Beginn und Ende des Sommers jeweils ein mehrtägiges Fest, organisiert von früheren Wanderstudierenden, um die Gruppen des aktuellen Jahrgangs in ihre Wanderschaft zu verabschieden und am Ende wieder gebührend willkommen zu heißen. Was dazwischen passiert, ist den Wandernden vollkommen selbst überlassen. Welche Richtung sie einschlagen, welche Orte sie besuchen, welche Menschen sie treffen, ob sie sich laufend, trampend oder anders fortbewegen, ob sie sich den großen Fragen der Menschheit oder den kleinen Kräutern am Wegesrand widmen – all das ist ihre Entscheidung. Es ist ein Studium nach eigenen Interessen und Vorstellungen.

Vision vom eigenen, freien Bildungsweg

Aus der Taufe gehoben wurde die Idee eines Wanderstudiums im Sommer 2015, inspiriert von der damaligen Schüler-Bewegung Funkenflug . Mehrere Jahre in Folge begaben sich Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland zu Fuß auf den Weg nach Berlin, um für Veränderungen in der Bildungslandschaft einzustehen, zuletzt 2014. Unter ihnen war auch Wanderuni-Initiator Emil Allmenröder. »Ich habe mir damals gedacht: Jetzt gehen sogar schon die Schüler auf die Straße und die Studenten in ihren Unis kriegen es nicht hin«, sagt er gern, wenn er heute von der Entstehung des Projekts erzählt. Er hatte den Gedanken, aus den Märschen, die meist ein paar Wochen dauerten, einen ganzen Sommer zu machen. Ein Jahr später zog er gemeinsam mit fünf Mitwandernden los. Die Wanderuni war geboren.

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