Die geborenen Mobber

Dass Gewalt an Schulen nicht mit einem einfachen Täter-Opfer-Modell zu erklären ist, ist hinreichend bekannt und erforscht. Auch die Ursachen für gewalttätiges Verhalten sind bekannt. Dennoch werden Familiensysteme zu wenig in den Umgang mit Mobbing einbezogen. Ein alternativer Ansatz.

Robin Grille

Die mediale Aufmerksamkeit, die das Phänomen Mobbing in Schulen in jüngster Zeit erfährt, ist tatsächlich ein Grund zum Feiern. Endlich hat unsere Welt begonnen, die Not der Kinder ernst zu nehmen: der machtlosesten Gruppe innerhalb unserer Gemeinschaft. Die derzeit stattfindenden Aktionen in den Schulen sollen Mobber und ihre Opfer identifizieren und ihnen dann Beratung anbieten, um ihre sozialen Fertigkeiten zu verbessern. Programme wurden entwickelt, um Mobbern in Schulen alternative Verhaltensweisen, Impulskontrolle, Konfliktlösung und Verhandlungsgeschick beizubringen. Den Opfern von Mobbing wird Unterstützung, Schutz und Schulung in Durchsetzungsvermögen angeboten, wo immer dies möglich ist.

Gewalt ist ein Symptom von Familien

Obwohl dieser allopathische Ansatz einige Vorteile bietet, besteht das Problem darin, dass es sich nur um eine Teillösung handelt. Wenn wir uns beim Versuch, Gewalt aus den Schulen zu verbannen, auf die Behandlung des Mobbenden konzentrieren, gehen wir davon aus, dass er oder sie das »böse Kind« ist: der alleinige Urheber der Gewalt. Es ist allzu einfach und sehr verlockend, Täter für ihr Mobbingverhalten verantwortlich zu machen. Wir sondern sie aus, kennzeichnen sie als »Kind mit Verhaltensproblemen« oder vielleicht als Kind mit Aufmerksamkeitsdefizit. Die Chancen stehen gut, dass jemand in irgendeinem Labor gerade versucht, ein »Mobbing«-Gen zu isolieren. Es wird bestimmt ein Pharmaunternehmen geben, das nach einer biochemischen Ursache für Mobbing sucht: »Warte, bis unsere Aktionäre hören, dass wir ein ruhigstellendes Medikament für Mobbing-Kinder entwickelt haben!«

Vorbildwirkung überdenken: Aggressives Verhalten bei Kindern kann durch Nachahmen des elterlichen Verhaltens entstanden sein.

Wenn wir ein gewaltausübendes Kind bitten, die volle Verantwortung für sein aggressives Verhalten zu übernehmen, verüben wir in gewisser Weise Vergeltung, da wir jetzt den Mobber schikanieren. Das bedeutet tatsächlich, wir ignorieren den Fakt, dass jemand, der mobbt, Schmerzen hat, dass er in irgendeiner Weise verletzt wurde und dass er seinen Schmerz an anderen auslässt. Die Wahrheit ist, dass Gewalt nicht aus dem Inneren des Einzelnen heraus entsteht, sie ist ein Symptom von Familien, die gewalttätig sind, vielleicht sogar untereinander.

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