»… dass der Schaden im Wesentlichen ›lebenslang‹ bedeutet«

In vielen Vereinen und Organisationen gibt es soziales und bürgerschaftliches Engagement rund um die Themen Bildung und Leben mit Kindern. In dieser Reihe werden einige davon vorgestellt. Ein Interview mit Andreas Stark, Vorsitzender des netzwerkB e. V .

Wie ist der »netzwerkB e. V.« entstanden und durch wen?

Das netzwerkB – das Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt – entstand 2011 durch Eintragung als Verein als Zusammenschluss von Betroffenen sexualisierter Gewalt. Der Verein hat durch die veröffentlichte Geschichte von Norbert Denef, der als Kind und Jugendlicher im Alter von 10 bis 18 Jahren von einem Priester und einem Organisten missbraucht wurde, nachzulesen in seinem Buch »Ich wurde sexuell missbraucht«, und durch punktgenaue Statements gegenüber politischen Äußerungen zum Thema Missbrauch schnell an Wahrnehmung gewonnen. Er hat absoluten Respekt verdient, da er große Teile seiner Lebenszeit für das Thema Missbrauch (also gegen) gewidmet hat. Seine Familie hat das mitgetragen. Trotz Erkrankungen immer aktiv gekämpft. Seine jetzige Schadensersatzklage gegen die Kirche hat mehr als nur symbolischen Charakter, da bei der Forderung von einer Million Euro eine klare Position gegen die »symbolischen Gelder« der Kirche steht – und: Die Feststellung, dass der Schaden im Wesentlichen »lebenslang« bedeutet.

Was ist der Zweck/Ziel des Vereins?

Wir streben die Aufhebung der zivilrechtlichen Verjährungsfristen sowie die Aufhebung der strafrechtlichen Verjährungsfristen bei Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung an. Dazu rufen wir entsprechende Initiativen ins Leben. Wir möchten natürlich aufklären, aufrütteln und auf politischer Ebene eine Sensibilisierung für das Thema schaffen.

Was meinen Sie mit der »Aufhebung der strafrechtlichen Verjährungsfristen«?

Die Verjährungsfristen müssen komplett aufgehoben werden. Das Traumageschehen wirkt lebenslang nach, und es ist allgemein anerkannt, dass das Aufmachen eines Missbrauchsgeschehens sehr lange dauern kann. Also ist es natürlich widersinnig, für das Aufmachen eine Frist zu setzen. Zudem sehen wir im netzwerkB Missbrauch als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Also fordern wir die Aufhebung des Rückwirkungsverbotes im Strafrecht. Im Normalfall bedeutet das nämlich, dass bei Eintreten neuer Verjährungsfristen eine Tat, die nach dem vorherigen Recht schon verjährt war, weiterhin nicht mehr verfolgt werden kann.

Wie erreichen Sie diesen?

Wir versenden Pressemitteilungen, publizieren Veröffentlichungen zur Aufklärung, treten bei politischen Veranstaltungen auf und im Fernsehen. Also Medien generell spielen in unserer Arbeit eine große Rolle, falls das Thema die Medien gerade mal interessiert. Dann greifen wir es schnell auf und melden uns dazu.

Wir reichen Petitionen ein, wirken an wissenschaftlichen Erarbeitungen mit und an der Erstellung von Interviewleitfäden für Ämter und Organe. Wir sprechen auf Parteitagen von verschiedenen Parteien, um mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu bekommen – zuletzt beim FDP-Landesparteitag in Baden-Württemberg im Juli 2019.

Andreas Stark vom netzwerkB e. V.

Mehr wäre natürlich wünschenswert. Aber, viele Medien interessieren sich gar nicht für Betroffene. Die scheinen denen völlig gleichgültig zu sein. Fokus der meisten Darstellungen liegt darauf, dass eine Organisation, ein Prominenter o. ä. (zu Recht) zerrissen werden soll. Es geht um den Skandal. Die Interviews mit Betroffenen sind eher die Begleitung des Skandals, um Emotionen zu bedienen. Aber es ist fast nie Thema, dass ca. 75 % der Fälle in der Familie stattfinden. Es ist fast nie Thema, dass in diesem Lande Missbrauch in den Familien als »normal« gesehen wird. Gewalt in der Familie ist KEIN Thema in diesem Lande. Allein die Fälle in Lügde zeigen, wie eng Instanzen, Organe, Täter und Mitmenschen miteinander verknüpft sind, Missbrauch tolerieren, gemeinsam hinwegsehen und sich anschließend gegenseitig decken.

Der Kampf gegen das aktuelle Opferentschädigungsgesetz (OEG) ist ebenfalls wichtig. Es kann nicht sein, dass sich Betroffene beim Entschädigungsverfahren erneut so »entblößen« müssen, dass eine Retraumatisierung/Reviktimisierung erfolgen kann.

Was haben Sie bis jetzt erreichen können? Gibt es Meilensteine?

Die Diskussion über Verjährungsfristen war ein Meilenstein, auch wenn sie wenig erfolgreich war, da sie zu wenig geführt wurde. Alle Auftritte von Norbert Denef im Fernsehen waren Meilensteine, da wir hier mit einem mutigen und offenen Betroffenen Bewusstsein für das Thema schaffen konnten. Wir konnten für das Thema sensibilisieren, das ist auch ein Meilenstein. Das alles reicht aber noch nicht, da fehlen noch viele Meilen.

Was erschwert Ihnen die Arbeit?

Menschen, die nicht sehen wollen, was um sie herum geschieht. Menschen, die wegsehen. Politiker, die sehen – jedoch lieber Themen besetzen, mit denen sie besser punkten können (oder dies zumindest glauben). Täter mit politischem Einfluss erschweren sehr.

Wie können Interessierte Sie unterstützen?

Machen Sie mit! Stehen Sie auf! Stellen Sie Fragen, öffentlich!

Stehen Sie zu Ihrer eigenen Vergangenheit und stehen Sie für eine gesunde Zukunft für die Kinder ein, die heute leben. Also wir müssen aus der Vergangenheit lernen und auch zu dieser stehen, jedoch nicht in der Vergangenheit verhaftet bleiben.

Was ganz konkret können Menschen tun, die Sie unterstützen wollen, um dieses von Ihnen geschilderte Bewusstsein bei den Menschen zu schaffen?

Ich wünsche mir, dass Menschen Mut haben, sich zu zeigen. Veranstaltungen, die Organisationen ins Leben rufen und gegen Missbrauch antreten, sind fast immer nur Veranstaltungen ohne große Unterstützung. Ich wünsche mir, dass Menschen da mitmachen. Natürlich sind Spenden sehr wichtig, da viele Organisationen (wie wir auch) absolut ehrenamtlich tätig sind. netzwerkB muss ehrenamtlich tätig sein, damit wir nicht in ungewollte Abhängigkeiten von Instanzen, Organisationen geraten. Abhängigkeit bedeutet, dass wer Zuwendungen für nicht nur ehrenamtliche Arbeit gibt, letztlich auch beeinflusst, in welche inhaltliche Richtung gearbeitet wird, dass Mitarbeiter über kurzfristige Förderungen an der politisch gewollten Stange gehalten werden, also teilweise keine langfristige Arbeitsplatzperspektive haben. Betroffene haben immer einen Verlust an Seele, Gesundheit, Vertrauen und in der Folge häufig einen Verlust an Arbeitsfähigkeit (zeitweise, auch dauerhaft). Damit ist das Einkommen von Betroffenen oft auf absolut niedrigem Niveau, sodass jede Unterstützungsform gern gesehen wird.

Ganz besonders also: Unterstützung dabei, dass Hilfe bei Gewalt eine Pflichtaufgabe von Staat und Kommunen ist!

Welche Frage würden Sie gern gestellt bekommen und beantworten?

Warum machst du das?

Warum gibst du nicht auf trotz der vielen und scheinbar endlosen Kämpfe?

Warum bist du so geduldig? Warum bist du nicht wütend?

Also: Warum machen Sie das? Warum geben Sie nicht auf trotz der vielen und scheinbar sinnlosen Kämpfe? Warum sind Sie so geduldig und nicht wütend?

Warum mache ich das? Weil ich Mensch bin.

Meine eigene Vergangenheit spielte ganz sicher dabei eine Rolle, dass mein Blick in die Gegenwart und meine Umgebung sich völlig verändert hatte. Ich kann irgendwie nicht Mensch sein und gleichzeitig zusehen, wie im Bereich Gewalt gegen Kinder, Menschen wenig bis nichts geschieht. Dass ich meine eigene Geschichte nicht öffentlich im Vordergrund habe, hat auch damit zu tun, dass ich eben nicht in die obengenannte emotionale Bedienung von Medien mit hinein möchte. Mir geht es um die Kinder von heute und von morgen. Keine Wut zu empfinden wäre auch sicher falsch formuliert, da es sich bei mir um ein bejahendes Gefühl handelt. Heißt, ich habe das Gefühl, verfalle aber nicht in unbedachte Raserei. Wenn ich in der Raserei die Würde eines anderen Menschen unbedachtsam verletzen würde, dann wäre ich auf der Plattform der Täter, der Seele, Würde und Körper verletzt und dabei dann auch noch Lust und erfüllende Macht empfindet. Auf diese Plattform gehöre ich nicht, also Geduld und Achtsamkeit. Die scheinbare Sinnlosigkeit der Kämpfe ist eben tatsächlich scheinbar. Kleine Erfolge, wie eben die Aufmerksamkeit bei der Rede auf dem Landesparteitag der FDP in BaWü mit dem Inhalt, dass Politik sich um Menschen zu kümmern hat, sind auch ein kleiner Erfolg. Nur so kann dann auch initiativ auf Gesetze eingewirkt werden. Auch die Hilfe bei der Erstellung eines Interviewleitfadens für Instanzen, also worauf beim Verdacht auf Vorliegen sexualisierter Gewalt zu achten ist, ist ein Erfolg. Es wird dann (hoffentlich) besser erkannt und eingewirkt.

Ich kann nicht einfach in diesem Leben sein, ohne das Leben der anderen zu achten und mit schützen zu wollen. Ich bin wohl einfach nicht gleichgültig gegenüber der Welt um mich herum.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Stark. sr

netzwerkB e. V.

Gründung: 2011

Sitz: Freudenstadt

Aktionsraum: Deutschland

Kontakt: info@netzwerkb.org

Tel.: 07441/9171618

Website: www.netzwerkb.org