»Guten Tag, meine Damen und Herren, guten Morgen, liebe Studenten!«

Ein Kommentar von Angelika Mauel

Klaus Jürgen Hallers legendäre Begrüßung der Hörer des Mittagsmagazins von WDR 2 reizt bis heute zum Lachen. Das westdeutsche Studentenleben war in vergangenen Jahrzehnten nicht so straff durchorganisiert wie ein Studium heute. Abends blieben die Studenten länger in den Kneipen und morgens länger in den Betten. Die Pille bescherte ihnen eine lange Jugend ohne Kinder. Für euch wartet die Wissenschaft mit Social Freezing oder der Ermöglichung einer Leihmutterschaft auf. Ihr sollt von einer Karriere träumen – und: »Dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen!« Ihr seid die Generation, die die Vokabel »Stress« seit der Kindheit kennt, und ihr wisst, dass es Aufbissschienen gegen nächtliches Zähneknirschen auf Krankenschein gibt.

Frühes Heiraten, Krippen mit Töpfchenrunden und eine Einflussnahme des Staates auf Kleinkinder, das war das Lebensmodell im Osten des geteilten Landes. Eine Kopie davon wollten die Menschen im Westen lange nicht. Eltern von »drüben« hätten ihre Kinder Zahnpasta schlucken lassen, damit sie fieberten und nicht betreut werden durften, hieß es. Heute bekommen bundesweit nicht wenige kranke Kinder vor dem Kitabesuch Zäpfchen oder Saft, damit ihr Fieber sinkt. Traditionell wird in etlichen Ländern hingenommen, dass Kinder, die in ihren ersten Lebensjahren in Institutionen betreut werden, öfter krank sind als diejenigen, die »nur« in der Familie bleiben. (Das häufige Kranksein soll gut für das Immunsystem sein, der hohe Antibiotikakonsum aber sicher nicht.)

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