Die Seelenprügel enden nicht mit der Schultüte

Gewalt gegenüber jungen Menschen in Institutionen äußert sich insbesondere in psychischer Form und ist keine Seltenheit – scheint sogar zuzunehmen. Nicht nur personale Gewalt muss in den Blick genommen werden, sondern der gesamte Kontext, die Strukturen, innerhalb der sie geschieht. Was es braucht, sind ein Aufdecken und Umdenken.

Franziska Klinkigt

Englischunterricht, Anfang 5. Klasse. Der Lehrer schreibt Vokabeln an die Tafel. Ein Junge meldet sich und fragt, ob der Lehrer ein bisschen deutlicher schreiben könne, er könne die Schrift nicht lesen. Daraufhin der Lehrer: »Ich schreib halt so, daran musst du dich halt gewöhnen, wirst du schon irgendwann lesen können.« Ein Mädchen hatte eigentlich auch etwas sagen wollen, traute sich aber nach diesem Kommentar nicht mehr. Sie hatte sich Sorgen gemacht, dass sie die Wörter falsch abschreibt und dann in den wöchentlichen Vokabeltests falsch wiedergibt.

Stellen wir uns ein solches Verhalten in einem anderen Kontext vor: Hätte derselbe Mensch als Leiter eines Seminars Erwachsenen gegenüber gewagt, auf eine derartige Weise auf eine solche Frage zu reagieren? Nein, vermutlich wäre es ihm peinlich gewesen und er hätte um Entschuldigung gebeten und sich vielleicht sogar um eine leserlichere Schrift bemüht. Adultismus lautet der langsam immer bekanntere Fachbegriff für dieses Phänomen: die Diskriminierung jüngerer Menschen allein aufgrund ihres Alters als Folge einer Machtungleichheit zwischen Kindern und Erwachsenen. Die Pädagogin und Psychologin Dr. Anke Elisabeth Ballmann hat einen anderen sehr treffenden Begriff eingebracht: Seelenprügel. Mit ihrem gleichnamigen aktuell erschienenen Buch (siehe Rezension S. 54 und Interview S. 12) hat sie einen dicken Stein aus der Mauer rund um das Tabuthema der psychischen Gewalt gegenüber Heranwachsenden gezogen, welches noch immer zu wenig gesehen und ernst genommen wird. Dabei zeigen auch statistische Erhebungen, dass körperliche Gewalt in der Erziehung zwar tendenziell seltener wird, psychische Gewalt aber in den letzten Jahren zugenommen hat. »Den größten Anteil an der Gewalt an Kindern stellt dabei die psychische Gewalt dar«, schreibt auch Ballmann. »Kinder werden eingeschüchtert, gedemütigt, zurückgewiesen, beleidigt, erpresst, feindselig behandelt, verängstigt, ausgegrenzt, lächerlich gemacht, bedroht, isoliert und ignoriert«, zählt sie auf. »Diese seelischen Gewalttaten oder Seelenprügel, wie ich das nenne, sind nicht nur, wie es bei körperlicher Gewalt meist der Fall ist, im häuslichen Umfeld zu finden. Diese Gewalt ist institutionalisiert und findet in zahlreichen Kinderkrippen und Kindergärten statt. … Es sind nicht nur manche Eltern, die vollkommen versagen, gewalttätig werden und damit Verbrechen an Kindern begehen, es sind auch zahlreiche Erzieherinnen und Lehrer, die ihren Schutzbefohlenen extrem schaden und dabei auch noch – auf Staatskosten – eklatant gegen Artikel 19 der UN-Kinderrechtskonvention, das Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung, verstoßen.« Auch ein weiteres Tabu liegt damit auf dem Tisch: (Erzieherische) Gewalt gegen junge Menschen in Institutionen.

Kindeswohlgefährdung in Institutionen? Gibt es nicht!

Die Mutter einer jungen Teenagerin berichtet von großen Sorgen um ihre Tochter. Einige Zeit nach einem Schulwechsel sei diese wie wesensverändert, aggressiv, beschimpfe ihre Mutter in einer Art und Weise, die sich nicht mehr durch die Pubertät erklären lässt. Die Mutter befürchtet eine Gefährdung durch das aktuelle Milieu. Ihre vielen besorgniserregenden Beobachtungen lassen sie sich ratsuchend ans Jugendamt wenden. Die dortige Ansprechpartnerin sieht keine Zuständigkeit oder Möglichkeit ihrerseits zum Handeln. »Angenommen, die Schule hätte genau diese Auffälligkeiten beobachtet. Dann würde doch sofort das Jugendamt auf meiner Matte stehen«, fragt die Mutter und erhält Zustimmung sogar von der Jugendamtsmitarbeiterin.

Gewalt öffentlich machen!

Neben vielen vorliegenden Anekdoten und Berichten, die auf Verarbeitung in weiteren Veröffentlichungen warten, gibt es unerzählte und täglich neue Gewalterfahrungen junger Menschen. Um auf das Grundproblem aufmerksam zu machen und einen Wandel anzuregen, wäre es wichtig, den Deckmantel des Schweigens zu lüften. Wer seine Erfahrungen teilen möchte, darf diese gern an Franziska Klinkigt senden: erziehungsgewaltreport@gmx.net

Das Konzept der Kindeswohlgefährdung hat primär die Eltern als »Täter« im Blick. Gefährdungen durch Menschen, die in Institutionen arbeiten, sind ein Tabuthema, welches Frau Dr. Ballmann mit Seelenprügel angetastet und damit für Aufregung gesorgt hat. Ganz besonders tabu ist das Thema jedoch im Bereich Schule, der einer gesetzlichen Pflicht, genauer einem Zwang, unterliegt. Obwohl der schulische Alltag einerseits ganz offensichtlich von täglichen mehr oder weniger subtilen Gewalttaten seitens Erwachsener gegenüber Heranwachsenden geprägt ist, wird dies nicht offen und öffentlich thematisiert und diskutiert. Meist wird das Problem durch Aussagen vom Tisch gewischt, wie es handele sich nur um Einzelfälle, es gebe ja auch so viele gute und wohlmeinende Lehrer und Pädagogen. Damit wird das tägliche Leid, das sich tatsächlich dennoch in Klassenzimmern abspielt, wieder aus dem Fokus gedrängt. In der Vorbereitung auf diesen Artikel habe ich ein paar Menschen um Beispiele gebeten, was sie in letzter Zeit als Gewalt im Zusammenhang mit Schule wahrgenommen und erlebt haben. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich so viele Anekdoten zusammen, dass sie allein diesen Artikel hätten füllen können. Sowohl mir bekannte Schulbegleiter und Integrationshelfer, die in ihrem Arbeitsalltag jeweils Einblick in mehrere Schulen haben, als auch Lehrer selbst, bestätigen mir, dass emotionale Gewalt in Schulen an der Tagesordnung ist. Dennoch wird nur hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen, begleitet von einem Gefühl der Hilflosigkeit, es sei halt so und man könne eh nichts daran ändern. Frau Dr. Ballmann schreibt: »Das Problem dabei: Viele betrachten diese verbalen Ausfälle und Übergriffe immer noch als ganz normale Erziehungsmethoden oder angebrachte Kommunikationsformen im Umgang mit Kindern – ohne sich darüber im Klaren zu sein, welche negativen Auswirkungen dies auf deren ganzes Leben haben wird. Genau deshalb ist jede einzelne seelische Misshandlung genau eine zu viel! Wir müssen eine Null-Toleranz-Haltung zu diesem Thema in die Köpfe der Menschen pflanzen. Wir müssen – vor allem auch bei psychischer Gewalt – sehr viel schneller und sehr viel öfter eingreifen, um Kinder zu schützen. Wir müssen endlich alle genauer hinsehen!« Und darüber sprechen und schreiben.

Verhaltenssteuerung bei Schulkindern

»Wir müssen beim Essen, wenn die Erwachsenen ›Leisezeit‹ sagen, mucksmäuschenstill sein. Wer da redet, kommt sofort eine Klammer runter. Die Erwachsenen reden aber selber die ganze Zeit«, erzählt die 7-jährige Lilly abends ihrer Mutter beim Zubettgehen. »Und wie fühlst du dich dabei?«, fragt die Mutter. »Ich hab Angst, was falsch zu machen. Dann bin ich still. Es gibt ja keine andere Möglichkeit.«

In dieser Klasse gibt es eine Lernampel mit folgenden Kategorien: »Fantastisch. Super. Prima. Startklar zum Lernen. Ermahnung. Verwarnung«. Für jeden Schüler gibt es eine Klammer, die am Anfang der Woche bei »Startklar zum Lernen« startet und je nach Verhalten nach oben oder unten versetzt wird. Letzteres heißt im Prinzip Auszeit, da werden die Schüler in eine andere Klasse gebracht und von der Gruppe getrennt. Die Frage, was der Unterschied zwischen »Fantastisch«, »Super« und »Prima« ist, konnte das Mädchen nicht beantworten. Denkt möglicherweise am Ende der Woche der eine oder die andere »Mist, ich war diese Woche nur super!«?

Derartige Bewertungssysteme sind keine Einzelfälle, sondern scheinen zum schulischen Standardrepertoire geworden zu sein. Eine Mutter schreibt in einem sozialen Netzwerk: »Unser 8-Jähriger hat uns heute total niedergeschlagen erzählt, dass die Lehrerin ein Strichesystem hat. Wenn ein Kind stört, nicht aufpasst usw. wird ein Strich an der Tafel gemacht. Bei zehn Strichen gibt es Pausenverbot. Das Kind muss die Pause vor dem Lehrerzimmer verbringen und dabei aus dem Fenster schauen, wie die anderen Kinder Spaß haben. Essen, Trinken und Toilettengang sind nicht erlaubt. Wir sind geschockt ohne Ende. Es ist nicht nur demütigend, sondern isoliert das Kind auch von den anderen.«

»Neben Ampelsystemen in jeder Klasse gibt es noch Murmelgläser«, erzählt eine Integrationsfachkraft. »Murmelgläser sind eine ganz willkürliche Angelegenheit. Die Lehrer geben den Kindern Murmeln, immer wenn die Stunde toll war oder sie etwas gut gemacht haben. Wenn das Murmelglas voll ist, sollen angeblich irgendwelche tollen Sachen gemacht werden. Letztes Jahr war das Murmelglas voll, die Lehrerin hatte aber keine Lust, irgendwas zu machen.«

Gehorsamsein-Sollen und Funktionieren-Müssen sind zur Normalität geworden.

Schon vor 15 Jahren beschrieb der amerikanische Sozialwissenschaftler Alfie Kohn den Trend, dass die Tierversuchsmethoden des Behavioristen B. F. Skinner in den 1950er Jahren Einzug in die Kindererziehung fanden: »So veröffentlichte ein Kollege Skinners im Jahr 1958 einen Artikel mit dem Titel ›Verhaltenssteuerung bei Schimpansen und Tauben durch Auszeit von positiver Verstärkung‹. Binnen weniger Jahre erschienen in denselben Zeitschriften über experimentelle Psychologie mehrere Artikel mit Titeln wie ›Dauer der Auszeit und Unterdrückung von abweichendem Verhalten bei Kindern‹.« Diese Methoden sollten »zurückgebliebene Heimkinder« betroffen haben. »Doch bald wurde diese Art des Eingreifens ganz allgemein empfohlen, und sogar Erziehungsexperten, die über die Vorstellung, Kinder wie Versuchstiere zu behandeln, entsetzt gewesen wären, gaben Eltern enthusiastisch den Rat, ihren Kindern eine Auszeit zu geben, wenn sie etwas Falsches getan hatten. … Wir sprechen also von einer Methode, die ursprünglich zur Steuerung tierischen Verhaltens eingesetzt wurde. Jedes dieser drei Worte kann Anlass zu Fragen geben, die uns beunruhigen können«, so Kohn in seinem Buch Liebe und Eigenständigkeit . Stattdessen sind es genau diese Art von Methoden, die mittlerweile einer Seuche gleichen sowohl in ihrer Verbreitung als auch ihren schädigenden Auswirkungen. Belohnungssysteme, die es zu meiner Schulzeit in den 90er Jahren so nicht – jedenfalls keineswegs in diesem Ausmaß – gab, sind, ebenso wie Bestrafungen, die damals als veraltete Erziehungsmethoden galten, zur Normalität in unseren Klassenzimmern geworden.

An diesem Beispiel offenbart sich die Dramatik, die der institutionellen Gewalt gegen junge Menschen zugrunde liegt: Sie ist nicht nur als ausgehend von einzelnen Personen, von einigen »schwarzen Schafen«, zu beobachten, sondern systematisch und strukturell verankert. Sie ist zur Normalität geworden und es ist, wie der Arzt und Psychotherapeut Wolf Büntig sagt: Wenn Menschen (und damit alle Beteiligten – Mütter, Väter Lehrer wie Schüler und Schülerinnen usw.) durch Erziehungsnormen in (ein vermeintlich) notwendiges Verhalten gedrängt werden, kann eine kollektive Krankheit entstehen, die keiner mehr wahrhaben will und nur noch wenige erkennen können. (Diese werden dann nicht selten gemobbt, ausgegrenzt, beschimpft und diffamiert.)

Die Verwobenheit personaler und struktureller Gewalt

»Die Sportlehrerin sagte einmal zu einer Klassenkameradin meiner Tochter: ›Deine Mutter war schon übelst schlecht in Sport, was soll da bei dir schon rumkommen?!‹«

»Im Musikunterricht wurde getrommelt. Mein Sohn sagte, dass ihm die Hand weh tut und er aufhören möchte. Die Reaktion der Lehrerin war die Aufforderung an die Klasse: ›Einmal eine Runde Mitleid für Leon.‹«

Es gibt tagtäglich genügend derartige und schlimmere Geschichten von Beschämung und Demütigung, die sich fragen lassen, ob manche der hier agierenden Erwachsenen einen persönlichen Sadismus pflegen. Personale Gewalt , physische wie psychische, geht von Tätern aus. Jedoch sind diese »Täter« eingebettet in ein Umfeld, welches so beschaffen ist, dass es Gewalt wahrscheinlicher oder weniger wahrscheinlich sein lässt. So sind die sogenannten »Täter« nicht einfach »böse Menschen«, sondern selbst (unreflektierte) Leidtragende, die dieses Leid weitergeben. Den Fokus möchte ich allerdings auf die strukturelle Gewalt lenken, die nicht von einzelnen Tätern ausgeht, sondern Folge der gesellschaftlichen Bedingungen ist. Beides ist miteinander verwoben, verstrickt, da sowohl jeder einzelne Mensch die gesellschaftlichen Bedingungen beeinflusst und mitgestaltet und umgekehrt diese sich auf den Einzelnen auswirken.

»Meine 7-jährige Tochter hat mir erzählt, ihre Klassenkameradin hat zuhause in ihrem Matheheft weitergearbeitet und so weit sie kam mit Bleistift seitenweise Aufgaben ausgefüllt, weil es ihr so Spaß gemacht hat. In der Schule musste sie alles wieder wegradieren. – Ich fass es einfach nicht! Solche Geschichten machen mich so krass wütend. Dass die Eltern das mitmachen! Dass die Gesellschaft das mitmacht! Dass alle das mitmachen und sich gefallen lassen! Ich kann es einfach nicht verstehen!«

Kinder, die sich der kranken Normalität widersetzen, müssen gehört werden.

Was geht hier vor? Weshalb musste das Mädchen ihre aus eigenem Antrieb gebrachte Vorleistung rückgängig machen (das ist doch Seelenprügel vom Feinsten, nicht wahr?)? War dies ein persönlicher Gewaltakt der Lehrerin (personal) oder eine Anweisung »von oben«, sprich: Der Lehrplan verbietet dies (strukturell)? Weshalb machen die Eltern das mit? Weil sie der Lehrerin beipflichten? Es nicht schlimm finden? Weil sie Angst haben, etwas zu sagen? Weil sie denken: »Schule ist halt so, da kann man eh nichts machen«? Fakt ist: Jeder, der derartige Handlungen – hier beispielhaft für Hunderte, Tausende ähnlicher Geschichten – gutheißt, duldet, der tatenlos zusieht, ist Teil des Gewaltakts, sozusagen Mittäter.

Altersdiskriminierung ist ein Beispiel für strukturelle Gewalt im Sinne des norwegischen Friedensforschers Johan Galtung, der diesen Begriff geprägt hat. Demnach können wir mindestens Handlungen gegenüber heranwachsenden Menschen als Gewalt bezeichnen, die gegenüber Erwachsenen Gewalt wären, undenkbar, vielleicht sogar strafbar.

Die erkrankte Normalität

Sie ist von nicht wenigen namhaften Menschen erkannt und thematisiert worden. »Die Normalsten sind die Kränkesten und die Kranken sind die Gesündesten«, stellte Erich Fromm fest. Laufen die Lebensbedingungen der menschlichen Natur zuwider, so ist eine Reaktionsmöglichkeit des Menschen, sich so weit von dem, was ihm eigen ist, zu entfernen, zu entfremden, sozusagen »abzustumpfen«, dass er keinen Konflikt mit den unmenschlichen Bedingungen mehr empfindet.

Mich erreichte vor Kurzem eine Sprachnachricht, in welcher mir mit schwacher, trauriger Stimme eine Freundin berichtete: »Meine Tochter sagte heute Morgen: ›Mama, es riecht so gut nach Herbst. Ich vermisse den Waldkindergarten so. Da waren wir immer draußen. Ich würde da so gern jetzt hinfahren.‹ Es ist ja auch alles miteinander verbunden. Sie hat von Natur aus einfach das Bedürfnis, viel draußen zu sein und mit Leuten zusammen zu sein, die sie so nehmen, wie sie ist, wo sie so sein darf, wie sie einfach ist und sie wird dafür einfach geliebt und bekommt Anerkennung. Nun hatte sie gestern Englisch und hat den Test zurückbekommen und sie hatte 8 Punkte von 13 und jetzt soll sie aufschreiben, warum sie diese Fehler gemacht hat, die sie gemacht hat, und was sie hätte besser machen können und dann soll sie sich selbst noch korrigieren. Und sie findet das so demütigend, zu Recht meiner Meinung nach und ich hab das Gefühl, ich kann ihr nicht wirklich helfen …« Ist die feinfühlige, natur- und freiheitsliebende Tochter krank, weil sie in der Schule leidet und sich dort als Versagerin empfindet? Wäre sie gesünder, wenn sie den Herbst nicht mehr riechen, den Waldkindergarten vergessen und einsehen würde, dass Testkorrekturen und bessere Noten das Wichtige(re) im Leben sind? Wäre sie krank, wenn sie sagte, »Englisch ist jetzt bei mir nicht dran, es ist nicht wichtig, andere Interessen und Themen sind gerade wichtiger, ich brauche die Korrekturen nicht.« Ist es gesund, etwas zu tun, was jemand von mir verlangt, obwohl ich es als demütigend empfinde? Und was ist mit der Mutter? Ist sie eine schwache Mutter, weil sie Hilflosigkeit verspürt? Wäre sie eine gute Mutter, wenn sie ihrer Tochter freundlich, aber bestimmt, klarmacht, dass das Leben nun mal so ist (kein Ponyhof), dass wir nicht immer tun können, was wir wollen, dass die Schulleistungen für ihre Zukunft wichtiger sind als ihre Träume und Bedürfnisse? Wäre sie eine schlechte Mutter, wenn sie ihr sagte »Bleib dir treu, wenn du es als demütigend empfindest, dann ist es so« oder »Lass die Aufgaben Aufgaben sein, wir gehen raus«.

Was geschieht, wenn sich der Mensch dem, was vorgegeben wird, der Normalität, verweigert? Wenn die Tochter sich weigert, den Test zu korrigieren; wenn die Mutter sich weigert, »mit der Schule an einem Strang zu ziehen«? In einem bewegenden Vortrag hat die deutsche Theaterpädagogin und Autorin Maike Plath diese beantwortenden Worte gefunden: »Das Drama derzeit in unserer Schule und unserem Bildungssystem und auch das Absurde ist aber, dass eine Gehorsamshaltung weiter verstärkt wird, statt ihr bewusst entgegenzuwirken. … Trotz buntem, freundlich, demokratisch erscheinendem äußeren Erscheinungsbild, wirkt in unseren Schulen noch immer ein tief verwurzeltes Obrigkeitsdenken … Fremdbestimmter Anpassungszwang, wie er in Schulen herrscht, blockiert das Ausbilden eigener ›Integrität‹ und des eigenen Selbstwerts … Menschen dagegen, die dem gesunden Impuls folgen, ihre ›Integrität‹ zu verteidigen und darum kämpfen, werden in der Schule als Störung oder gar als Bedrohung wahrgenommen. Kinder, die sich widersetzen, werden durch die Instrumente des Gehorsams – das sind Belohnung, Bestrafung, Beschämung, Manipulation – in die Anpassungsspur gebracht. Auf Kosten ihrer eigenen ›Integrität‹, auf Kosten von gelebter Vielfalt, auf Kosten von Gleichwürdigkeit und demokratischen Werten.«

In einem schneearmen Winter hatte es einen Tag geschneit – die einzige Gelegenheit, einmal rodeln zu gehen. Ein Junge fragte daraufhin seine Lehrerin, ob er noch einen Tag Aufschub bekommen könnte für die Abgabe eines Plakats. Die Lehrerin antwortete: »Ja, wenn’s denn sein muss, kannst du das machen, aber ich bin sehr enttäuscht, wenn du es morgen nicht mitbringst.« Er war rodeln, aber nicht lange, weil er unbedingt das Plakat machen wollte. Aber er war dabei sehr traurig.

Gehorsamsein-Sollen und Funktionieren-Müssen sind zur Normalität geworden. Jedoch, wie sagte einst Krishnamurti: »Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.«

Das Menschenbild vom »Kind«

Es gibt eine Aussage in einem oberlandesgerichtlichen Beschluss, bei der ich jedes Mal, wenn ich sie lese (und sie wird immer wieder und wieder zitiert, auch ohne Quellenangabe, sondern einfach als gesetzte Tatsache), nicht weiß, ob ich darüber (zynisch) lachen oder mich ärgern soll: »Denn soziale Kompetenz im Umgang auch mit Andersdenkenden, gelebte Toleranz, Durchsetzungsvermögen und Selbstbehauptung einer von der Mehrheit abweichenden Überzeugung können effektiver eingeübt werden, wenn Kontakte mit der Gesellschaft und den in ihr vertretenen unterschiedlichsten Auffassungen nicht nur gelegentlich stattfinden, sondern Teil einer mit dem regelmäßigen Schulbesuch verbundenen Alltagserfahrung sind.«

Da ja bekanntlich der junge Mensch ein Recht auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen Persönlichkeit hat, möchte ich zwei Anekdoten zweier junger Menschen anbringen, die in der Lage sind, anders zu denken, und mutig genug, für sich selbst zu sprechen.

Die Mutter eines 11-jährigen Jungen berichtet: »Die Unterstufenkoordinatorin holte meinen Sohn aus dem Unterricht, um mit ihm über sein Verhalten zu sprechen. Dabei fiel die Aussage: ›Du musst einfach wissen: Wir haben mehr Erfahrung und deshalb solltest du einfach tun, was wir dir sagen.‹ Daraufhin fragte mein Sohn: ›Ja, inwiefern haben Sie denn jetzt mehr Erfahrung?‹ – ›Genau diese Fragen machen dir das Leben hier an der Schule schwer!‹«

Eine 10-Jährige, die seit einiger Zeit nicht mehr zur Schule ging, wurde während einer Verhandlung von einer Richterin befragt. Ihre Mutter erzählt: »Dann hat der Verfahrensbeistand so merkwürdige Fangfragen gestellt, aber meine Tochter ist ganz selbstbewusst aufgetreten. Sie wurde gefragt, was sie den ganzen Tag macht, wenn sie nicht in der Schule ist, und wie sie lernt. Sie erzählte u. a., sie hätte ein Haus gebaut und dann Filme gedreht und hatte zu der Richterin gesagt, sie könne ihr zeigen, wie man Filme dreht; und dann hat die Richterin in der Verhandlung gesagt: ›Was maßt sich dieses Kind an, mir zu erklären, wie man einen Film dreht!‹ Und sie bezeichnete meine Tochter als altklug und ihre Sprache entspreche nicht der einer 10-Jährigen.«

So wird jungen Menschen mangelnde soziale Kompetenz im Umgang auch mit Andersdenkenden vorgelebt, ihnen mangelnde gelebte Toleranz entgegengebracht, ihr Durchsetzungsvermögen und Selbstbehauptung einer von der Mehrheit abweichenden Überzeugung erschwert bis verunmöglicht. Und dies ist anzunehmenderweise erheblicher Teil einer mit dem regelmäßigen Schulbesuch verbundenen Alltagserfahrung.

So bleibt, nicht zum ersten Mal, mir zu guter Letzt nicht viel, als Ekkehard von Braunmühl in Musterkind zu zitieren: »Natürlich sind die Kinder die Opfer. Aber sie sind es nur, solange die Täter glauben, sie täten etwas Gutes, und solange die Opfer glauben, sie müssten es sich gefallen lassen.«

Viele, vielleicht sogar die meisten der Täter haben längst Zweifel daran, dass das, was sie tun bzw. auch wogegen sie nichts tun, etwas Gutes ist. Ihnen ist nur zu wünschen, allen Mut zusammenzunehmen und nicht wegzusehen, sondern hinzuschauen und ihre Zweifel ernst zu nehmen. Der wachsenden Zahl junger Menschen, die die Opferrolle nicht annehmen bzw. ablegen, die nicht glauben, sich alles gefallen zu lassen, ist nur zu wünschen, dass sie mutige Erwachsene um sich haben, die ihnen beistehen. ■

1 https://www.youtube.com/watch?v=DWab7ViYtt8

2 https://openjur.de/u/202548.html

Franziska Klinkigt

ist Diplom-Psychologin und Systemische (Familien-)Therapeutin, die sich u. a. intensiv mit Fragen der Gewalt in Kontexten der Kindheit und der Schule beschäftigt. Sie berät und begleitet Mütter und Väter, die sich einen liebevollen, authentischen und gewaltfreien Umgang mit ihren Töchtern und Söhnen wünschen, unterstützt junge Menschen und ihre Familien auf selbstbestimmten Bildungswegen und ist deutschlandweit zu Vorträgen und Seminaren unterwegs. Sie lebt in Gießen und ist Mutter zweier Töchter und eines Sohnes.