Schwarze Pädagogik adé!

Dr. Anke Ballmann hat 2007 das Institut Lernmeer gegründet, mit dem Ziel, eine kindgerechte und positive Pädagogik zu etablieren. Sie bietet Fort- und Weiterbildungen für Menschen an, die sich und ihre Arbeit reflektieren und weiterentwickeln wollen. Dieses Jahr hat sie das Buch Seelenprügel veröffentlicht. Darin benennt sie die institutionelle Gewalt in Kitas.

Anke Ballmann hat mit mir via E-Mail und Telefon Gedanken und Ideen ausgetauscht. Wir teilen eine Idee der Zukunft der kindgerechten Pädagogik – ohne dabei zu vergessen, realistisch auf die Dinge zu schauen.

Zahlreiche Leser scheinen auf ein Buch gewartet zu haben, das Dinge ausspricht, über die Eltern und Erzieherinnen oft nur schwer miteinander reden können. Nutzen wir die Chance zu mehr Offenheit. Was haben Ihnen Eltern und Erzieherinnen berichtet? Wie war die Resonanz auf Ihr Buch?

Die Resonanz auf mein Buch war und ist größer, als ich es erwartet habe. Es schreiben mir hauptsächlich Eltern, Erzieherinnen und Wissenschaftler. Aus der Wissenschaft kommt ausschließlich Zuspruch, und einige haben sich bei mir für das Buch bedankt, weil sie wissen – ich fasse ein heißes Eisen an. Kitas zu kritisieren passt nicht in unsere Gesellschaft, und doch ist es sehr wichtig, vor allem Eltern von ganz jungen Kindern, aufzuzeigen, wie schädlich eine schlechte Betreuungsqualität ist. Eltern schildern mir Fälle und fragen, was sie tun könnten, wenn sie vermuten oder wissen, dass ihren Kinder Seelenprügel verabreicht werden. Einige berichten auch von verlorenen Gerichtsverfahren und bekunden ihren großen und sehr verständlichen Unmut über die Ungerechtigkeit, die ihnen bzw. ihren Kindern zugestoßen ist. Sie berichten von Machtlosigkeit und Willkür seitens der Träger und der Leitungen bis hin zu groben Unverschämtheiten. Eltern fragen mich oft nach einer Checkliste, mit der sie eine gute Kita besser erkennen können.

Die Reaktionen der Erzieher sind unterschiedlich. Ein Drittel ist der Meinung, dass ich einen ganzen Berufsstand verunglimpfe, was natürlich nicht der Fall ist, und wenn ich nachfrage, erfahre ich, dass diejenigen, die am lautesten schimpfen, das Buch nicht gelesen haben. Was soll ich da machen? Ich kann ja auf dieser Ebene nicht debattieren.

Dr. Anke Ballmann, Autorin des Buches Seelenprügel .

Zwei Drittel der Reaktionen sind sehr berührend, denn diese Pädagoginnen sind hoch erfreut über das Buch, weil der Tabubruch sie unterstützt. Viele berichten mir aus ihrem Alltag und was sie selbst beobachten und erleben. Ich habe leider immer mehr den Eindruck, dass es Seelenprügel noch viel häufiger als vermutet gibt. Seit dem 30. September (dem Erscheinungstermin des Buches) ist kaum ein Tag vergangen, an dem ich nicht mindestens eine entsetzliche Geschichte gehört oder gelesen habe. Ach ja, es rufen mich auch viele Menschen an und bitten um ein Gespräch.

Es gibt aber auch Erzieherinnen, die Seelenprügel so gut und wichtig finden, dass sie vorhaben, es an ihre ehemalige Praxisstelle oder an eine frühere Arbeitsstelle zu schicken, wo Kinder so ruppig betreut wurden, dass sie es dort nicht aushalten konnten. Können Sie etwas zu Konflikten in Teams sagen, die entstehen, wenn Erzieherinnen miteinander arbeiten, die stark voneinander abweichende Vorstellungen haben, was für Kinder gut ist? Haben Sie schon Erzieherinnen zu Gefährdungsanzeigen oder Kündigungen geraten?

Ja, ich habe schon öfter zu Anzeigen und Kündigungen geraten, denn es kann nicht sein, dass Erzieherinnen sich opfern! Es fällt mir oft auf, dass die Hemmschwelle Missstände aufzuzeigen noch immer viel zu hoch ist, und auch das ist ein Grund, warum ich Seelenprügel geschrieben habe. Ich wünsche mir, dass Teams mehr miteinander und weniger gegeneinander arbeiten. Es gibt aber auch toxische Teams, damit meine ich Teams, die fast ausschließlich aus faulen Äpfeln, also Frauen bestehen, deren Umgangston mit den Kindern durch die Bank entsetzlich ist, und in diesen Teams haben Wertschätzung und Kollegialität keinen Platz. Eine einzelne Erzieherin, die versucht in einer solchen Einrichtung etwas zu bewegen, hat im Ansatz verloren, das sind Windmühlenkämpfe, und ja, dann rate ich zu Selbstschutz und Abschied. Meist ist der Leidensdruck extrem, denn diese Menschen haben zudem oft das Gefühl, die Kinder alleine zu lassen bzw. sie denen zu überlassen, die bleiben.

Gerade die Krippenbetreuung kann für Kinder zur traumatischen Erfahrung werden, wenn eine liebevolle Erzieherin kündigt und danach Personalmangel herrscht oder eine Neue zur Gruppe kommt, bei der sich die Kleinen nicht wohlfühlen können. Welche Fragen könnten in einem Eignungstest für Fachkräfte stehen, der gerade in diesem sensiblen Bereich bei der Auswahl einer geeigneten Fachkraft helfen könnte?

Das sind für mich zwei Fragen, die nur bedingt zusammengehören. Ich beginne mit dem zweiten Teil: Eignungstests hätte ich gerne zu Beginn der Ausbildungen, am liebsten in Kombination mit Persönlichkeitstests, denn es gibt einfach Menschen, die werden sich in diesem äußerst anspruchsvollen Beruf niemals wohlfühlen, weil sie nicht dafür gemacht, besser – nicht dafür geeignet sind. Ich denke, es müssten vor allem Fragen sein, die sich mit dem Sozialverhalten beschäftigen, mit der Haltung Kindern gegenüber und mit dem Umgang mit dem Leben an sich. Faktenfachwissen wäre mir am Anfang weniger wichtig – das kann man alles leicht lernen.

Der erste Teil der Frage ist weitaus schwieriger zu beantworten, denn eine hohe Personalfluktuation ist gerade im Krippenbereich eine Katastrophe. Wir alle wissen, wie wichtig sichere Bindungen für Kinder sind und dass sie sich nicht beliebig oft an beliebig viele Menschen binden können. Wenn nun eine Neue in eine Gruppe kommt, bei der sich Kinder nicht wohlfühlen, dann sind Kinder einfach chancenlos und müssen es irgendwie schaffen, es zu schaffen. Ich würde versuchen, durch Videocoaching mit der neuen Kollegin zu arbeiten und herauszufinden, was die Kinder veranlasst, die neue Kollegin abzulehnen. Vielleicht findet man einen Weg, der zu mehr Nähe und Vertrauen führt, und vielleicht, also hoffentlich, sind es nur Startprobleme und das Eis taut – falls nicht, wird es eine schwere Zeit für alle Beteiligten.

Ist es denkbar, dass Erzieherinnen, die lieber mit älteren Kindern oder Jugendlichen arbeiten möchten, am Ende bei einem Eignungstest für die Arbeit in Krippen besser abschneiden als diejenigen, die es in die Krippe zieht? (weil sie die Jüngsten »zu süß« finden …)

Ja, das könnte durchaus sein, aber es wäre definitiv nicht sinnvoll und auch nicht verantwortungsvoll, Menschen in Krippen arbeiten zu lassen, die eigentlich lieber mit älteren Kindern arbeiten wollen. Mir wäre es am liebsten, wenn sich Menschen während ihrer Ausbildung spezialisieren und sich vor der Entscheidung für Tests entscheiden, die ihnen zeigen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Ich wünsche mir Tests, die einen erklärenden Charakter haben, auf keinen Fall einen überprüfenden. Es geht mir darum, dass Menschen einen Beruf ergreifen, bei dem sie ihre Stärken und Talente leben können. Meistens ist es ja so: Was man gerne macht, kann man gut, und was man gut kann, macht man gerne. Für mich steht die Motivation noch immer über jedem Testergebnis, und um auf die Frage zurückzukommen – wenn jemand in der Krippe arbeiten will und auch noch dafür geeignet ist, dann ist alles in Butter.

In welchen Ländern gibt es bereits psychologische Eignungstests für Erzieherinnen und welche Erfahrungen wurden mit ihnen gemacht? Wie unterscheiden sich Eignungstests von Einstellungstests, die traditionell immer auch auf die Belange des Arbeitgebers ausgerichtet sind?

Diese Frage kann ich hier nur unzureichend beantworten, denn die Ausbildung für Erzieherinnen ist weltweit extrem unterschiedlich geregelt. Meist ist ein Universitätsstudium erforderlich und währenddessen eine Spezialisierung auf den jeweiligen Altersbereich. Es würde hier einfach zu weit führen. Der Unterschied zwischen Eignungs- und Einstellungstest ist einfach der, dass bei einem Einstellungstest, wie Sie in der Frage bereits formuliert haben, die Eignung auf die Belange des jeweiligen Arbeitgebers getestet wird, wohingegen ein Eignungstest die Eignung auf die Tätigkeit an sich betrachtet wird. Wenn ein Mensch sehr introvertiert, unsicher und schüchtern ist und sich zudem in Gruppen schnell unwohl fühlt, wäre die Arbeit im Kindergarten suboptimal. Jemand, der nicht gut mit Stress umgehen kann, ungern in einem Team arbeitet, sich vor Nasenschleim und Erbrochenem extrem ekelt und lärmempfindlich ist, sollte auch nicht unbedingt mit Kindern arbeiten. Welche Tests zukünftig auch immer angeboten werden, sie sollten Menschen schlicht und ergreifend davor bewahren, einen Beruf zu erlernen, für den sie psychisch und/oder physisch nicht geeignet sind. So könnte man insgesamt auf allen Ebenen viel Leid verhindern.

Gerade entsinne ich mich an ein kleines Heft für Kindergartenkinder aus der Serie »Leon und Jelena«. In der von der Bertelsmann Stiftung herausgegebenen Reihe geht es um Partizipation in Kitas. Im Heft »Die neue Erzieherin« können die Kinder am Ende entscheiden, welche Erzieherin eingestellt wird. – Eine gute Idee?

Partizipation ist viel mehr als eine gute Idee, denn es ist lebenswichtig für Kinder, dass sie an ihrem eigenen Leben teilhaben und gesehen werden – die Zeit der durchgängigen Fremdbestimmung während der Kindheit ist hoffentlich vorbei. Wichtig dabei ist allerdings, dass Kinder nicht mit zu vielen und/oder altersunangebrachten Entscheidungen überfordert werden. Und dass Partizipation nie folgenlos bleiben sollte. Aus diesem Grund ist es für uns Erwachsene wichtig, dass wir uns gut überlegen, welche Fragen wir stellen, denn wir bekommen sehr wahrscheinlich eine Antwort von den Kindern. Partizipation muss alters- und entwicklungsangemessen sein und bedeutet sicher nicht »Kinder an die Macht«. Es geht um Selbstwert, Selbsterfahrung, Selbstführung und Selbstwirksamkeit – all das kann ein Mensch nur erfahren, wenn man ihn den Weg zu seinem Selbst gehen lässt, und dieser führt nun mal durch Erfahrungen, die man selbst machen darf, sollte und muss. Partizipation bedeutet, dass alle an Entscheidungen, die sie betreffen, beteiligt werden, also auch Kinder – aber eben nicht ausschließlich Kinder. Die Entscheidung, welche Erzieherin in einem Kindergarten eingestellt wird, können und sollten Kinder nicht alleine entscheiden, aber warum sollten sie nicht ihre Stimme abgeben und mitentscheiden. Ich bin mir sicher, sie haben eine Meinung, und die muss zumindest angehört werden.

Partizipation bedeutet, die Kinder an allen sie betreffenden Entscheidungen zu beteiligen.

Aber wie steht es um die Entscheidungskompetenzen und die Entscheidungsfreiheit der Erzieherinnen?

Ich denke, da ist noch viel Luft nach oben, um es mal milde zu formulieren. Es gibt zu viele Vorgaben mancher Träger und auch von Leitungen, die oft mögliche Spielräume nicht ausnutzen, aus Sorge »anders zu sein« als andere Kitas. Ein Beispiel: Keiner der Bildungspläne, Rahmenpläne und Bildungsempfehlungen oder wie auch immer sie in den verschiedenen Bundesländern heißen, macht exakte Vorschriften, WIE die Umsetzung erfolgen soll – das schafft viel Freiheit und Entscheidungsmöglichkeiten. Mir fällt allerdings auf, dass nicht jeder entscheiden möchte, denn das bringt auch Verantwortungsübernahme mit sich. So manche Erzieherin will keine Verantwortung übernehmen und wartet auf Ansagen »von oben«, das kann auch einfach sein, denn wenn da etwas nicht rund läuft, hat man sogleich einen Schuldigen.

Ja. Und andere meinen, sie müssten es allen recht machen, immer funktionieren.

Niemand kann und muss immer funktionieren, ich gehe noch weiter – wenn immer alles funktioniert, auch die Menschen in den Kitas, wird sich nie etwas ändern, wieso auch? Wir müssen einfach mal mutiger sein und zeigen, dass es eben nicht funktioniert, wir müssen uns wehren und empören. Ich nehme jetzt mal die Politiker in Schutz. Es kommt sicher »oben« an, dass nicht alles immer nur lustig ist in den Kitas, aber wie dramatisch die Lage wirklich ist, das wissen doch leider nur die, die täglich dort arbeiten. Und es geht ja auch immer irgendwie … ja irgendwie geht es, aber viel zu selten geht es wirklich gut. Das ist einer der Gründe für mein Buch. Wenn wir wirklich was ändern wollen, dann wird das nicht geschehen, wenn man hin und wieder leise anmerkt, dass es schon schwierig sein kann, dann müssen wir vielleicht mal lauter und klarer sein und sagen: So nicht mehr, mit mir nicht mehr und hier nicht mehr!

Wie kann in unserer Gesellschaft, mit einem Bildungssystem, das auf fremdbestimmter Arbeit, bis hin zur Selbstverleugnung, basiert eine freiheitliche Erziehung zum Wachsen und Gedeihen gebracht werden?

Ich beantworte, auch wenn das angeblich unhöflich ist, mit einer Gegenfrage. Wie kann ich es schaffen, mit täglich drei Liter Sahnekaramelleis, zwei Tafeln Nougatschokolade, drei Smoothies, zwei Liter Cola, zwei Pizzas und einer Portion Pasta mit Lachs-Sahnesoße und null Bewegung, innerhalb von vier Wochen 15 kg Gewicht zu verlieren? Sorry – beides geht nicht – gar nicht.

Danke sehr! Diese Antwort war kein bisschen unhöflich, dann schon eher meine Frage. Aber mit diesem sinnlichen Beispiel haben Sie aufgezeigt, dass wir wie so oft kein Problem damit haben, etwas zu erkennen. Schwerer ist es, so zu handeln, wie man es gut und richtig findet. Aber nun ist Ihr Buch da und es ist keine rote Ampel, die zum Stopp zwingt. Für Eltern, Erzieherinnen und mehr Engagement für das Kindeswohl stehen jetzt die Zeichen auf Grün. – Und es wird nicht noch grüner werden. Für Ihr ausdauerndes Engagement, liebe Frau Ballmann, möchte ich mich herzlich bedanken. Auf ein weiteres Buch von Ihnen bin ich gespannt und für die geplante Stiftung, über die ich gern später berichten würde, wünsche ich viel Erfolg!

Das Interview führte Angelika Mauel.