»Lernen ist persönlich.« Freilernen, ein Erklärungsversuch …

Freilernen – was ist das eigentlich? Manche haben noch nie davon gehört. Andere wiederum haben klare Vorstellungen davon, obwohl sie sich noch gar nicht eigenständig damit auseinandergesetzt haben. Die Folge: Annahmen, Vorurteile, Missverständnisse. Hier also ein »Erklärungsversuch«.

Susanne Sommer

Freilernen – darunter ist zunächst ein Bildungsweg zu verstehen. Ein Bildungsweg, der in Ländern wie zum Beispiel Großbritannien, Irland, USA, Kanada, Australien, Neuseeland unter der Bezeichnung »self-directed learning« oder »unschooling« etabliert und uneingeschränkt möglich ist. Es ist ein Bildungsweg, bei dem junge Menschen ihre Bildung selbst in die Hand nehmen. Es ist ein Bildungsweg, bei dem junge Menschen nicht »vorsätzlich zur Schule geschickt werden, weil man das eben so macht«. Ein Bildungsweg, der das Recht auf Bildung ernstnimmt und es nicht zur auf bestimmte Weise zu erfüllenden Pflicht verkehrt. Ein Bildungsweg, der den Menschen frei wählen lässt.

In Deutschland ist das aufgrund der Schulanwesenheitspflicht legal nicht möglich. Auch in Österreich nicht. Hier herrscht Unterrichtspflicht. Junge Menschen können zwar der Schule fernbleiben und den sogenannten Hausunterricht besuchen, mit Wahlfreiheit hat das aber wenig zu tun, denn am Ende des Jahres warten Prüfungen nach staatlichem Lehrplan. Bei Nicht-Bestehen heißt es: ab in die Schule. Dennoch gibt es immer mehr Familien in Deutschland und Österreich, die die Äußerungen ihrer Söhne und Töchter ernst nehmen und ihnen diese Wahlfreiheit – eben ihr Bildungsrecht – zugestehen. Freilernen ist letztendlich eine Haltung. Eine respektvolle Haltung dem jungen Menschen gegenüber. Nein, Freilernen lässt sich weder auf eine Anti-Schulhaltung reduzieren, noch handelt es sich um eine neuartige Lernmethode. Es geht um den Willen und die Würde des jungen Menschen – außer- und innerhalb von Institutionen sowie Familien. Von Geburt an ist und bleibt der junge Mensch ein Mensch; und kein Ding, über das Eltern oder Staat verfügen.

Wie ist das mit dem Lernen?

Auch wenn die wissenschaftlichen Ergebnisse schon seit langer Zeit vorliegen, hält sich hartnäckig der Glaube, dass Bildungserwerb ausschließlich in der Schule möglich ist. Ganz allgemein lässt sich jedoch sagen: Lernen und Bildung finden immer und überall statt und sind an keinen Ort und keine Institution gebunden. Freilernen bezeichnet ein vom jungen Menschen selbstgesteuertes Lernen in seinem jeweiligen Lebensumfeld, im Unterschied zum Schulunterricht und zur klassischen Form des Hausunterrichts (auch als »Homeschooling« bekannt). Bei dieser Art des Lernens gibt es keinen geplanten Unterricht oder bestimmte Zeiten am Tag, für die schulähnliche Aktivitäten vorgeschrieben sind. Der Bildungsweg des Freilernens stützt sich auf kognitions- und neurowissenschaftliche Erkenntnisse, auf internationale Forschung und internationale Erfahrungen. Genaueres über Studien und Informationen rund um die Themen »Lernen« und »Freilernen« lässt sich in den umfassenden Studien und Büchern von Wissenschaftlern wie zum Beispiel Alan Thomas und Peter Gray nachlesen. Beim Freilernen kommen jedenfalls folgende Leitlinien zum Tragen:

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