Der letzte Generationenkonflikt?

Das Verhältnis der Generationen war früher durch Generationenkonflikte gekennzeichnet. Im Zug der Digitalisierung ergibt sich die Möglichkeit, dass die Generationen auf Augenhöhe miteinander umgehen und kommunizieren. Daraus kann ein Paradigmenwechsel in Hinblick auf das soziale Miteinander in Gang gesetzt werden.

Miriam Kohl

Seit jeden Freitag Millionen von jungen Menschen im Zug der Fridays-For-Future -Bewegung auf die Straßen gehen, um für eine lebenswerte Zukunft und eine gesamtgesellschaftliche Kehrtwende zu demonstrieren, sind die emanzipatorischen Auswirkungen des digitalen Fortschritts auf jüngere Generationen nun für alle gut sichtbar geworden. Eine aufgeklärte, emanzipierte Generation stellt sich in die Mitte der Gesellschaft und macht so deutlich: »Wir machen Dinge anders.« Der Aufruhr in der Eltern- und Großelterngeneration war anfangs groß, die Schulpflicht wurde von den Verpflichteten selbstbestimmt aufgehoben, die Kritik an den jungen Menschen und ihrer Vorgehensweise war immens. Sind Generationenkonflikte also unumgänglich?

5.000 Jahre Generationenkonflikte

Generationenkonflikte sind keine Neuheit, selbst zu Zeiten des griechischen Philosophen Platon vor ca. 2.500 Jahren gab es diese. So soll er gesagt haben: »Die Jüngeren stellen sich den Älteren gleich und treten gegen sie auf, in Wort und Tat.« Es lassen sich abwertende Zitate gegenüber jüngeren Menschen sogar schon in Steintafeln geritzt auffinden. Belegt sind diese Äußerungen also seit 5.000 Jahren. Meist sind in diesen Zitaten der Lebenswandel sowie die Werte der jüngeren Generation in der Kritik, werden gar herablassend belächelt. Dieses Phänomen ist mittlerweile als »Adultismus« bekannt, wie es die Kinderrechtsaktivistin, Schulgründerin und Autorin Aida S. de Rodriguez in ihrem Werk »Es geht auch ohne Strafen!« deutlich macht: »Adultismus ist die Benachteiligung junger Menschen aufgrund ihres Alters und eine Form struktureller Gewalt. Kinder werden dabei schlicht aufgrund ihres Alters diskriminiert. Doch auch für Kinder gelten selbstverständlich die Menschenrechte.«

How to: Generationenkonflikt

Wie entstehen nun aber diese – scheinbar gängigen – Generationenkonflikte? Gemeinsam haben sie wohl alle, dass es sich dabei um eine Neukalibrierung von Machtverhältnissen innerhalb der sozialen Struktur der Gesellschaft handelt, bei der die Praktiken und Ansichten der älteren, machthabenden Generation in Frage gestellt und durch die jüngere Generation mit anderen Praktiken und Ansichten ersetzt wird. Die Betonung liegt hier auf anderen Praktiken, welche durch die veränderten Lebensumstände der Jüngeren von diesen als praktischer und nachahmenswerter empfunden werden. Die ehemals über die sozialen Werte und Normen bestimmende Generation wird in eine schwächere Position gebracht, welche erst einmal mit der Angst vor dem unbekannten Neuen, und schließlich auch mit einem gewissen Identitätsverlust, einhergeht. Wenn nun die ältere Generation auf ihren Ansichten und Positionen beharrt und der jüngeren Generation keine ernstgemeinte Plattform zur Zusammenarbeit gibt, zudem durch die gesicherten finanziellen vorherrschenden Strukturen einer patriarchalen Gesellschaft die eigenen Ideale notfalls mit Gewalt durchsetzt, welche auch mit Gewalt durch die jüngere Generation gekontert werden kann, ist ein harter Generationenkonflikt entstanden. Dieser basiert nicht nur auf einer hierarchischen, adultistischen Gesellschaftsstruktur, sondern trägt auch dazu bei, diese aufrecht zu erhalten. Das Machtgefälle bleibt so gesichert. Es scheint, dass die jüngere Generation, sobald sie sich in einer Machtposition gegenüber einer nachfolgenden Generation befindet, ebenso handelt, wie an ihr gehandelt wurde.

Kritik an der Fridays-for-Future-Bewegung: Sind Generationenkonflikte unumgänglich?

Die Fridays-For-Future -Bewegung unterscheidet sich – bisher – noch von vorangegangenen, »Stimme« gebenden Bewegungen, um auf Augenhöhe mit den wirtschaftlichen, machthabenden Größen kommunizieren zu können.

Emanzipation durch digitalen Fortschritt

Diese Emanzipation der sogenannten Generationen Y und Z, also von Menschen, die zwischen 1981 und 1996, sowie 1997 und 2012 geboren wurden, ist eine Emanzipation der sogenannten Digital Natives: Personen, welche mit Internet, mobilen Telefonen, sowie zunehmend sozialen Medien und Smartphones, aufgewachsen sind und sich in diesen Formaten ganz selbstverständlich heimisch fühlen. Diese Sozialisation in einer digitalisierten, breit vernetzten Welt, in der man sich selbst ohne große Mühe gewünschte Informationen innerhalb von Sekunden beschaffen und somit dargebotene Sachverhalte und Normen leichter kritisch hinterfragen kann, führt ebenso wie der schnelle weltweite Austausch mit Gleichgesinnten erst zum Entstehen von globalen Bewegungen wie Fridays For Future . Dies bringt die Möglichkeit, Strukturen gewaltfrei offen zu legen und den ebenwürdigen Dialog mit den älteren Generationen einzufordern. Brauchte man früher noch zwingend die Hilfe einer älteren Person, um sich Informationen zu beschaffen, stand also in einer Abhängigkeit, ist es nun ein Leichtes, sich selbst zu bilden, wie einem der Sinn steht. Selbst die klassische jahrtausendelange Tradition von Lehrtätigkeit wird durch den digitalen Fortschritt neu codiert. Da der Lernende emanzipiert ist, begleitet man ihn in seinem Lernen partnerschaftlich und auf Augenhöhe.

Die Digitalisierung ist eine Komponente, welche den vorausgegangenen Generationenkonflikten fehlte, und sie hilft maßgeblich dabei, autoritäre Strukturen sichtbar zu machen und aufzubrechen. Es handelt sich dabei um eine neue Dynamik, mit welcher sich der jetzige Generationenkonflikt stark von anderen abgrenzt. Denn die Digitalisierung ist vor allem eines: schnell, sie erfordert flinkes Handeln.

Generationenkonflikte: zukünftig ein Ding der Vergangenheit

Generationenkonflikte könnten zukünftig ein Ding der Vergangenheit sein, wenn der gesellschaftliche Wandel, der eine gewaltfreie Kommunikation zur Norm hat und dadurch hierarchische Strukturen aufbricht, weiterhin von allen eingefordert wird. Dies kann aber nur gelingen, wenn dieser Austausch, der einen sensiblen Umgang mit Machtstrukturen voraussetzt und einen Rollentausch zwischen älteren und jüngeren Menschen zulässt, von allen selbst eingefordert und auch gelebt wird. Generationenkonflikte wird es in der herkömmlichen Form nicht mehr geben, wenn adultistische Ansichten durch Ebenbürtigkeit ersetzt und die Kinderrechte aktiv praktiziert werden, da sich dadurch das Verhältnis zueinander ändert. Dies bedeutet aber im Umkehrschluss, dass die Verantwortung für das Gelingen dieser generationenkonflikt-freien Utopie sowohl bei den Jüngeren als auch bei den Älteren liegt. Austausch und Beziehung sind niemals eine Einbahnstraße! Um älteren Menschen die Angst vor dem neuen Unbekannten zu nehmen, braucht es den Kontakt zu jüngeren Menschen, die mit ihnen gemeinsam die digitalen Neuerungen erkunden und ihr Wissen an sie weitergeben. Es bedarf aber auch der Bereitschaft der älteren Generation, in die Fähigkeiten der jüngeren Menschen zu vertrauen, ihnen zuzuhören und sie auf Augenhöhe zu akzeptieren. Gerade jetzt, in der Zeit von Covid-19, ist es oft notwendig, dass Jüngere den Älteren helfen, die noch nicht vertraut sind mit der Technik, um soziale Kontakte aufrecht erhalten zu können. Das Aufrechterhalten von sozialen Kontakten betrifft das Menschsein im Kern.

Selbstverständlich wird es weiterhin Konflikte zwischen Menschen geben: Diese werden dann aber nicht mehr durch die Geburtsjahrgänge kategorisiert und definiert werden, sondern durch persönlich für wichtig erachtete Werte, Interessen, die innere Haltung der verschiedenen Gruppen. Diese Konflikte kann man dann ebenbürtig klären.

In einem Abschnitt des Talmudes, der als »Sprüche der Väter« bezeichnet wird, steht spannenderweise ein Zitat, das das Handeln, welches die Friday-For-Future -Generation zeigt und an dem sich gesamtgesellschaftlich ein Beispiel genommen werden kann, gut beschreibt: »Wenn nicht ich, wer dann? Wenn ich für mich selbst bin, was bin ich? Wenn nicht jetzt, wann?« (Pirkei Avot 1:14) ■

Miriam Kohl

studierte Anglistik, Amerikanistik und Religionswissenschaft und macht gerade ihren Master in Jüdischen Studien/Jewish Studies an der Universität Potsdam. Sie wirkt als Lernbegleiterin mit den Schwerpunkten Englisch, Ethik, Geschichte, sowie Hebräisch an der APEGO-Schule Berlin. In ihrer Freizeit ist sie im interkulturellen, auf einer Schenk- und Teilökonomie basierenden Familiencafé Madia e.V. , sowie bei Foodsharing aktiv.

Quellen

Achim Gilfert: 5.000 Jahre Kritik an Jugendlichen, eine sichere Konstante in Gesellschaft und Arbeitswelt. Zugriff 28. 03. 2020. bildungswissenschaftler.de/5000-jahre-kritik-an-jugendlichen-eine-sichere-konstante-in-der-gesellschaft-und-arbeitswelt/

Aida S. de Rodriguez: Es geht auch ohne Strafen! Kinder auf Augenhöhe begleiten. Kösel, 2019.

Kurt Singer: Die Würde des Schülers ist antastbar. Rowohlt Verlag, 2002.

Annedore Prengel: Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz. Verlag Barbara Budrich, 2013.