Verbundenheit – Trotz – Gefühlschaos: Kleinkinder bedürfnisorientiert begleiten

Die Autonomiephase rund um den 2. Geburtstag ist wohl mit eine der herausforderndsten Zeiten – für Eltern und Kinder. Die folgenden Tipps können helfen, Frustrationen vorzubeugen und die Gefühlsausbrüche unserer Kleinen bedürfnisorientiert zu begleiten.

Astrid Pintzinger

Eltern von Kleinkindern kommen irgendwann alle in die Situation, ein völlig aufgelöstes und wild tobendes Bündel vor sich zu haben. Wie reagiere ich denn aber nun als Mutter oder Vater so, dass die Situation für alle Beteiligten gut gelöst wird? Und mit »alle Beteiligten« meine ich ausschließlich Eltern und Kind. Denn nicht zu selten passiert es, dass dieses wütende, schreiende Kleinkind seinen Gefühlen in aller Öffentlichkeit freien Lauf lässt und somit zwangsläufig Passanten dieses Spektakel mitansehen und nicht selten ungebetene Kommentare abgeben.

Auf Augenhöhe gehen

Es zählt ausschließlich der Kontakt zwischen Eltern und Kind. Wir knien oder hocken uns daher am besten hin. Das hilft dabei, die Außenwelt auszublenden und die Perspektive des Kindes einzunehmen. Wenn wir uns auf Augenhöhe zum Kind begeben, sind wir den Blicken der anderen Menschen rundherum nicht so stark ausgesetzt. Da uns die Blicke anderer also nicht direkt treffen, ist es einfacher, beim Kind zu bleiben. Außerdem ist es auch für das Kind leichter, mit uns in Kontakt zu treten, wenn es auf gleicher Höhe agieren kann. Wir spüren einander einfach viel besser.

Es ist auch für das Kind leichter, mit uns in Kontakt zu treten, wenn es auf gleicher Höhe agieren kann.

Darüber hinaus lassen sich andere Erwachsene durch den fehlenden Augenkontakt nicht so leicht zu mehr oder weniger hilfreichen Kommentaren verleiten.

Atmen

Es klingt banal. Und dennoch – wenn wir genau hinspüren, atmen wir im Alltag meist flach in die Brust. Hier geht es allerdings um ein tiefes Einatmen in den Bauch, sodass der Bauch richtig groß aufgeblasen wird. Und beim Ausatmen versuchen wir, die muskuläre Anspannung so gut es geht zu lösen, indem wir unsere Gliedmaßen, Schultern, den Kiefer und alle anderen Körperpartien, in denen wir die Anspannung fühlen, ganz bewusst so locker wie möglich lassen. Die Bauchatmung zählt zu den Techniken, die uns am allerbesten in die Entspannung bringen. Die Konzentration auf den Atem und den eigenen Körper lässt uns auf uns selbst fokussieren. Die Außenwelt wird dadurch besser ausgeblendet und dem Aufkommen von Stress und Anspannung wird vorgebeugt. Wieso ist das so wichtig? Anspannung und Stress lösen in uns entweder eine Kampf- oder eine Fluchtreaktion aus. Wir wollen den Stressor besiegen oder wir wollen flüchten, wenn Kampf nicht möglich ist. Beides wäre in diesem Fall ungünstig für den Ausgang der Situation. Um bedürfnisorientiert handeln zu können, dürfen wir nicht kämpfen oder flüchten. Wir müssen also von diesem hohen Stresslevel runterkommen. Das schaffen wir am besten, indem wir einfach da sind und dableiben. Im Hier und Jetzt. Bei unserem wütenden, sich am Boden windenden Kleinkind. Deswegen atmen wir tief ein und aus. So oft, wie es die Situation erfordert. Wutausbruch ist ja nicht gleich Wutausbruch. Sie sind in Dauer und Intensität unterschiedlich. Aber atmen hilft immer.

Da sein

Hier knien wir jetzt also. Das Kind hat sich noch kein bisschen beruhigt. Es ist okay. Das sagen wir ihm auch. »Es ist okay, ich bin da und ich bleibe hier bei dir, bis dein alles überwältigendes Gefühl abgeklungen ist.« Auch mit unserer Körpersprache sind wir da. Wir knien oder hocken, wenden uns dem Kind offen zu, breiten die Arme aus. Wir erzwingen aber nichts. Wir wahren die Grenzen unseres Kindes. Wir bieten Körperkontakt an, nehmen es aber nicht ungefragt in den Arm oder halten es gar fest, obwohl es sich wehrt. So verharren wir also gefühlte Stunden, lassen die Menschen an uns vorüberziehen, ignorieren ungefragte Kommentare – und atmen.

Es hilft übrigens wenig, auf das Kind einzureden. Kinder, die in Rage sind, sind nicht in der Lage gesprochene Wörter aufzunehmen. Ihr Gehirn ist zu sehr mit den Gefühlen, die sie gerade empfinden, beschäftigt. Da bleibt kein Platz für die Verarbeitung von Sätzen. Belassen wir es also bei einem kurzen Satz, der dem Kind vermittelt, dass wir da sind. Den Rest sieht es durch unsere Körpersprache. Das reicht vollkommen aus.

Das Kind ernst nehmen

Ganz wesentlich für eine gesunde emotionale Entwicklung ist es, die Gefühle und auch die Gefühlsausbrüche des Kindes ernst zu nehmen. Egal, um welche Frustration es sich handelt: Im Supermarkt, weil es den Saft in der Plastikflasche nicht haben darf; zu Hause, weil es den Becher in der falschen Farbe bekommen hat oder der Keks gebrochen ist; am Spielplatz, weil das andere Kind schneller gelaufen ist und somit die heißbegehrte Schaukel früher erreicht hat. Jede Situation, die einen überwältigenden Gefühlsausbruch nach sich zieht, sollte ernst genommen werden. In der Welt der Erwachsenen sind manche dieser Auslöser banal und lächerlich. Aus der Sicht des Kindes sind es tatsächliche Katastrophen, die es emotional noch nicht aushalten oder verarbeiten kann. Deswegen, auch wenn es manchmal schwerfällt, belächeln wir unser Kind nicht. Wir versuchen, emotional mitzuschwingen und mit unserer Körpersprache und Mimik auszudrücken, dass wir den Frust ernst nehmen.

Eigene Muster erkennen

Und wie wir da so sitzen und ausharren, spüren wir auch ganz viel in uns drin. Was sind denn das für Gefühle, die in uns hochkommen? Ärger, Wut, Scham, Hilflosigkeit? Verständnis, Mitgefühl, Mitleid, Traurigkeit? Um uns für zukünftige Situationen zu wappnen, ist es hilfreich, zu erkennen, wie man selbst tickt. Und es wird sie geben, die Situationen, in denen wir erneut gefordert werden, nicht zu kämpfen und nicht zu flüchten. Und je öfter wir in solche Situationen kommen, desto besser lernen wir auch uns selbst kennen. Ob wir jetzt näher hinsehen wollen, wenn wir beobachten, dass wir in den meisten Fällen übermäßig wütend oder hilflos oder beschämt sind, bleibt jedem selbst überlassen. Meist rühren unsere Reaktionen auf starke Gefühle unserer Kinder aus unserer eigenen Kindheit. Ich empfehle allen, die in immer den gleichen Situationen Schwierigkeiten haben, ihr Kind bedürfnisorientiert zu begleiten, obwohl sie es aber gerne möchten, dort mal genauer hinzusehen. Genauso, wie wir mit körperlichen Beschwerden zum Arzt gehen, sollte es normal sein, dass wir bei emotionalen Problemen eine entsprechend ausgebildete Fachperson aufsuchen.

In jedem Fall ist es aber so, dass wir den Umgang mit Gefühlsausbrüchen bei Kleinkindern üben können. Und zwar bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Vor allem Atem- und Entspannungsübungen klappen umso besser, je öfter wir »trainieren«. Deshalb erleben wir mit Kleinkindern recht häufig gute Übungsfelder für unsere eigene Entspannungsfähigkeit.

Bedürfnisse und Gefühle hinter dem Verhalten erkennen

Dieser Tipp ist wohl der am schwierigsten umzusetzende. Hinter jedem Verhalten stehen Gefühle als Auslöser, die wiederum auf Bedürfnisse zurückzuführen sind. Zu den grundlegenden Bedürfnissen von Menschen zählen Schlafen, Essen und Trinken. Es gibt aber auch emotionale Bedürfnisse. Dazu zählt beispielsweise das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Anerkennung, nach Verbundenheit und nach Sicherheit. Wenn ein Kind also wild um sich tritt, beißt, schlägt, etc., können wir versuchen, das Gefühl hinter dem Verhalten zu erkennen. Ist es Trauer, Wut, Scham, Angst? Und hinter dem zutreffenden Gefühl steht meist ein Mangel an Bedürfniserfüllung. Ist das Kind wütend, weil es sich ausgeschlossen fühlt (Bedürfnis nach Zugehörigkeit)? Ist es traurig, weil niemand seinen tollen Sprung von der Couch kommentiert hat (Bedürfnis nach Anerkennung)? Hat es Angst, weil die Mama gedroht hat, einfach zu gehen, wenn es jetzt nicht mitkommen will (Bedürfnis nach Sicherheit)?

Diesen Punkt kann ich hier leider nur streifen. Es existieren ganze Kapitel in Büchern, die sich diesem Thema widmen, und es ist die Essenz eines bedürfnisorientierten Umgangs mit unserem Kind.

»Es ist okay, ich bin da und ich bleibe hier bei dir, bis dein alles überwältigendes Gefühl abgeklungen ist.«

Insgesamt lässt sich sagen, dass die Autonomiephase dadurch geprägt ist, das Selbst zu erkennen. Die Kinder werden sich ihrer selbst bewusst, dem eigenen Ich, das sie auch durch die Sprache ausdrücken. In dieser Phase beginnen sie von sich als »Ich« zu sprechen. Sie testen ihre eigenen Grenzen und die der anderen. Dadurch kommt es mehr oder weniger oft zu Frustrationserlebnissen. Es ist ein Mythos, dass Kinder auf Biegen und Brechen lernen müssen, Frustration auszuhalten. Ganz im Gegenteil, wie mein nächster Tipp zeigt.

Ja-Umgebung schaffen

Die Schaffung einer Ja-Umgebung gilt nicht nur für Babys, die zu krabbeln beginnen und ihr Umfeld erforschen, sie gilt auch für die Zeit als Kleinkind rund um den 2. Geburtstag. Ja-Umgebung bedeutet, dem Kind sein Umfeld so zu gestalten, dass es sich sicher und selbstständig fortbewegen kann. Gefährliche Gegenstände, bzw. Dinge, die uns wichtig sind und die nicht erreicht werden dürfen, sollten sich also außerhalb der Reichweite des Kindes befinden. Je weniger »Neins« das Kind zu hören bekommt, desto weniger oft bietet sich ihm die Gelegenheit emotional überzuschäumen. Die alltägliche Spielumgebung möglichst frustfrei zu gestalten, kann also helfen, zumindest im Alltag nicht ständig Gefühlsausbrüchen ausgesetzt zu sein. Das hilft zwar nicht, wenn der Keks zerbricht oder der falsche Becher hingestellt wird, aber es minimiert die absolute Zahl der frustauslösenden Situationen.

Selbst machen lassen

Kinder lernen sich mit ihren Möglichkeiten und Grenzen selbst am allerbesten kennen, wenn sie möglichst viele Dinge auch selbst erfahren dürfen. Alles, was sie keiner unmittelbaren Gefahr aussetzt, dürfen wir Eltern unseren Kindern gerne selbst zugestehen. Solche Erfahrungen sind ganz wesentlich bei der Entwicklung eines guten Selbstvertrauens und erfüllen die Kinder meist mit unglaublichem Stolz.

Einige Themen seien hier genannt:

  • Sich selbst anziehen: Auch wenn das T-Shirt verkehrt herum angezogen wird oder der linke und rechte Schuh vertauscht wird, können wir das aushalten, es kommt dem Kind zugute, das sich in solchen Situationen als selbstwirksam erlebt.
  • Selbst entscheiden, was es anzieht: Auch wenn die gewählte Kleidung uns Eltern zu kalt oder zu warm erscheint – lassen wir es das Kind selbst spüren. Sicherheitshalber nehmen wir eben eine Jacke mit, die das Kind anziehen kann, wenn ihm doch zu kalt werden sollte.
  • Den Becher/Löffel/Teller selbst aussuchen: Wenn es möglich ist, lassen wir sie ihr bevorzugtes Geschirr selbst auswählen.
  • In der Küche mithelfen oder dabei sein: Ich bin ein Fan vom sogenannten Lernturm. Das ist ein Hochstand, in den die Kinder selbst hineinklettern, um neben uns an der Küchenarbeitsfläche stehen zu können und mitzuhelfen. Anleitungen, wie man diesen baut, finden sich im Internet.
  • Selbst auf ein Gerüst am Spielplatz klettern lassen: Wir Eltern können ja zur Sicherheit hinter unserem Kind stehen, um es notfalls auffangen zu können.

Ich hoffe, dass ich mit diesen acht Tipps einen Einblick in die Möglichkeiten, die uns die Gefühlsausbrüche unserer Kleinkinder bieten, gegeben habe. Das Wissen um die Hintergründe lässt uns zu kompetenten Eltern werden, die meist bedürfnisorientiert und auf Augenhöhe agieren können. ■

Astrid Pintzinger

ist Klinische und Gesundheitspsychologin und Mama von zwei Kindern. In ihrer Arbeit fokussiert sie sich auf Kurse und Beratungen rund um Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft. Nähere Informationen finden Sie auf www.sichergebunden.at .