»Du stillst doch nur so lange, weil du nicht loslassen kannst.«

Noch immer werden Mütter kritisch betrachtet und angesprochen, wenn sie ein Kind stillen, das schon selbst läuft oder gar mit klaren Worten äußert, dass es stillen möchte. Dies geschieht meist aus purem Unwissen, was es bedeutet, ein Kleinkind noch zu stillen. Dabei ist langes Stillen natürlich, gesund und bedürfnisorientiert.

Kathrin Burri

Viele Frauen stellen sich vor, dass sie ihr Kind um den Beikoststart mit rund sechs Monaten abstillen werden, weil dies die gängige Praxis und Meinung hierzulande ist. Und kaum Frauen planen im Voraus, wie lange sie ihr Kind über diesen Beikoststart hinaus stillen werden. Erst mit der Zeit, und nach Einführung von fester Nahrung, merken teils Mütter, dass sich ein Abstillen mit einem halben Jahr nicht stimmig anfühlt. Das Kind hat vielleicht so ganz andere Pläne, als mit der Einführung von Beikost mit dem Stillen aufzuhören.

Als Mutter zweier lange gestillten Kinder habe ich selber Erfahrungen sammeln können, was das lange Stillen angeht. Allerdings habe ich mich beim ersten Kind vor über 15 Jahren ziemlich alleine gefühlt. Bis auf zwei Freundinnen, welche ich an einem örtlichen Stilltreffen kennenlernte, hatten sämtliche Freundinnen mit rund sechs Monaten abgestillt, als sie anfingen, ihrem Kind Beikost zu geben – vor allem deswegen, weil sie dahingehend von Fachpersonen (keine Stillberaterinnen) informiert wurden. Und weil sie bald ein zweites Kind planten. Für uns fühlte es sich aber nicht so an, als dass unser Kind bereit gewesen wäre, die Muttermilch komplett wegzulassen. Die Anzahl der Milchmahlzeiten verringerte sich natürlich im Verlaufe der Zeit stetig, aber an ein Aufhören war seitens unserer Tochter nicht zu denken. Sie genoss die Momente des Stillens, bis sie kurz nach ihrem zweiten Geburtstag von sich aus beschloss, dass sie ab sofort keine »Mamimilch« mehr brauchte. Und so wurde von einem Tag auf den anderen nicht mehr gestillt, und dies stimmte für uns beide.

Bei der zweiten Stillzeit

Schon vor der Geburt unseres Sohnes, über acht Jahre später, war ich vermehrt in sozialen Netzwerken unterwegs und tauschte mich über Schwangerschaft und Stillzeit mit anderen Frauen aus. Ich merkte, dass ich nicht alleine war, wenn andere Frauen auch erzählten, dass sie ebenfalls über den ersten Geburtstag hinaus stillten. Das half mir sehr. Ich hatte vielleicht Glück, dass ich wenig Gegenwind erhielt in meinem Umfeld. Ich war immer klar in meiner Aussage, dass wir noch stillen, und bot keine Grundlage zu Diskussionen. Auch setzte ich mich durch, unser Kind mit im Krankenhaus aufzunehmen, als ich unvorhergesehen ein paar Nächte dort verbringen musste. Oder aber verlangte ich zu prüfen, ob alternative Untersuchungen und Behandlungen möglich waren, welche stillfreundlich waren. Egal wie alt mein Stillkind war und egal, ob man das noch für nötig hielt oder nicht. Ich kommunizierte mit einer klaren inneren Haltung. Und genau genommen würde es niemanden etwas angehen, mit welchem Nahrungsmittel mein Kind ernährt wird, oder? Auch unser zweites Kind entschied von sich aus, oder besser gesagt, vergaß oft, dass es noch gestillt werden könnte, und irgendwann stillten wir nicht mehr. Auch dies fühlte sich einfach stimmig für alle an.

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