Theorie der Demokratischen Schulen

Seit knapp hundert Jahren ist im deutschsprachigen Raum explizit von einer »Theorie der Schule« die Rede. Es wird Zeit, eine »Theorie der Demokratischen Schulen« zu entwickeln.

Henning Graner

Die Notwendigkeit einer Theorie der Demokratischen Schulen erwächst aus der Erfahrung, dass es unterschiedliche Auffassungen davon gibt, was unter einer Demokratischen Schule zu verstehen ist. Diese unterschiedlichen Auffassungen können durchaus im Widerspruch zueinander stehen, ohne dass eine von ihnen »falsch« ist. Es sind unterschiedliche »Interpretationen« ein und derselben Idee: der Idee der Demokratischen Schulen.

Diese Idee lässt sich zwar noch weitgehend widerspruchsfrei formulieren: Demokratische Schulen achten die Rechte von Kindern und Jugendlichen, insbesondere das Recht auf Selbstbestimmung bezüglich des Lernens und das Recht auf Mitbestimmung bezüglich der Organisation der Schule. Mit der Ausgestaltung dieser Idee beginnt jedoch die Vielfalt, blüht die Pluralität, erwächst die Widersprüchlichkeit.

Diesen Pluralismus auszuhalten ist nicht immer einfach. Wir Menschen meiden Widersprüche und neigen dazu, kognitive Dissonanzen durch die Herstellung von Eindeutigkeit aufzulösen. Diese Neigung ist verantwortlich dafür, dass wir uns so gerne auf eine vermeintlich eindeutige Lösung, auf ein vermeintlich überlegenes Modell, auf eine vermeintlich einzige Wahrheit versteifen. Dabei ist der Pluralismus selbst ein eigenständiges Merkmal einer Demokratie. Ihrem Anspruch nach müssten Demokratische Schulen diesen Pluralismus nicht nur anerkennen, sondern feiern!

Ein unaufgeklärtes Festhalten an eigenen Überzeugungen führt hingegen schnell zur Verhärtung eigener Standpunkte und zu Angriffen auf die Positionen anderer, die nicht selten in persönlichen Attacken münden. Die Unklarheit der Begriffe begünstigt Missverständnisse, Unterstellungen, Streitereien und persönliche Animositäten. Sind die Begriffe nicht scharf genug, so sind es die persönlichen Kämpfe umso mehr! Damit die Schärfe nicht an der falschen Stelle – nämlich in den Beziehungen der beteiligten Akteure – auftaucht und dort zu Verletzungen führt, ist es wichtig, an den Begriffen zu arbeiten. Je klarer die Begriffe, desto friedvoller die Beziehungen! Allerdings kann man die zwischen den Akteuren auftauchenden Konflikte auch nutzen, um noch unverstandene Zusammenhänge aufzuklären. Es gilt eben auch: Je mehr Streit, desto größer die Wachstumschancen!

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