Prinzessinnenjungs. Wie wir unsere Söhne aus der Geschlechterfalle befreien

von Nils Pickert

Beltz, ISBN: 978-3-407-86587-8, 18,95 Euro

Nils Pickert, freier Journalist, Feminist und Vater von vier Kindern, legt mit diesem Buch eine Fülle von Denkanstößen vor, die sich mit dem Männer- und Jungsbild in unserer Gesellschaft auseinandersetzen und dabei helfen sollen, Jungen sensibel zu begleiten. Dabei folgt er einem chronologischen Ansatz, beginnend bei der Schwangerschaft und den üblichen Fragen »was wird es denn?«, über die Baby- (»rosa oder hellblau?«), Kleinkind- (»Puppe oder Bagger?«) und Schulzeit (»Ein Junge weint nicht!«) bis hin zur Pubertät und Adoleszenz. Dazu gehört die Beschäftigung mit der Frage, was männliche Identität eigentlich ausmacht und welche geschlechtsspezifischen Bilder von Sexualität uns umgeben. Das letzte Kapitel ist konkreten Ideen gewidmet, wie wir unsere Söhne ermutigen können, ihre Identität mit mehr Freiheit zu finden und zu leben.

Wer Pickert kennt, wird seinen typischen Schreibstil wiedererkennen: Etwas flapsig, oft mit einer großen Leichtigkeit, aber gleichzeitig rechtschaffen empört und immer wieder auf eine Art persönlich, die Lesende sehr privat anspricht. Wer sich mit geschlechtersensibler Begleitung von Kindern schon beschäftigt hat, wird einige anfangs vor allem altbekannte Dinge wiederfinden und sich vielleicht denken, dass das Buch nicht viel Neues zu bieten hat. Für Neulinge ist so der Einstieg jedoch erleichtert, weil kein Wissen über das Thema vorausgesetzt wird. Und nach den ersten beiden Kapiteln ist für jeden Neues zu lesen: Pickert berichtet von seinen Erlebnissen als Vater, von all den kleinen Begebenheiten, in denen wir, ohne nachzudenken, Jungen anders behandeln als Mädchen. Dies ist soweit nicht neu. Neu ist der Blick auf das, was den Jungen dabei vorenthalten wird: Jungen werden, insbesondere wenn sie keine Kleinkinder mehr sind, weniger getröstet und in den Arm genommen, was ihnen den Zugang zu ihrem eigenen (seelischen und physischen) Schmerz erschwert. Sie werden weniger emotional gespiegelt, weniger dazu ermutigt, fürsorglich zu sein. Und sie erhalten weniger Fürsorge. Pickert macht auf eindrucksvolle Weise klar, wie kalt und hart die Welt an vielen Stellen ist, die wir unseren Söhnen zumuten, und er scheut sich nicht, genau hinzuschauen, was das für uns und die Kinder bedeutet. Dabei schreibt er nie mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern geht den eigenen Prägungen nach. Er fragt sich, welches Vorbild er als Vater seinen Söhnen ist und wie er Zugang zu seiner eigenen Weichheit bekommen und diese leben kann. Er fragt sich, wie er reagieren kann, wenn ein Jugendlicher jemanden als »Schwuchtel« beschimpft, und er das nicht unkommentiert lassen, gleichzeitig aber auch den Schimpfenden nicht bloßstellen will. Dabei ermutigt er immer wieder dazu, den eigenen Weg zu finden, um Vorurteile bei sich und anderen zu erkennen und mit ihnen umzugehen. Das Buch lädt dazu ein, die eigene Sprache und das eigene Handeln genauer unter die Lupe zu nehmen und Veränderungen zu wagen.

Artikel weiterlesen?

Kauf die aktuelle Ausgabe oder schließ ein Abo ab, um alle Ausgaben zu lesen.

Du bist bereits Abonnent oder hast das Heft gekauft und besitzt ein Benutzerkonto?