Belohnungen und Lob: Das vergiftete Zuckerbrot

Robin Grille

Belohnen und Loben sind besser als Bestrafen, um unseren Kindern zu zeigen, welches Verhalten erwünscht und welches unerwünscht ist. Oder? Das ist nett, en vogue und zeigt, dass wir uns liebevoll um unsere Kinder sorgen. Oder? Wenn es da nicht die Nebeneffekte gäbe, die es dringend zu bedenken gilt.

Wir geben unseren Kindern Eis, wenn sie »lieb« sind, Schokolade, wenn sie leise sind, kleine goldene Sterne, wenn sie ihr Gemüse essen, vielleicht sogar Geld, wenn sie in der Schule gute Noten bekommen. Wir loben sie mit einem »braver Junge!« oder »braves Mädchen!«, wenn sie etwas tun, was uns gefällt. Für moderne und anspruchsvolle Eltern ist das »Disziplinieren« mit der Schlagen-und-Beschämen-Methode passé. Bestrafung ist out und Belohnungen sind in. Warum die Peitsche benutzen, wenn wir ein Kind mit dem Zuckerbrot besser belehren können.

Der New-Age-Hype, Kinder für das, was wir »gutes« Verhalten nennen, zu loben und zu belohnen, hat massiv an Popularität gewonnen. »Finde etwas Gutes, das dein Kind getan hat, und lobe es dafür«, sagen die neusten Ratgeberbücher und Seminare. Überall empfehlen Psycholog|innen|ys die »Sternchen«-Methode, um das Verhalten eines Kindes zu verändern. Dieser Trend ist der Nachfahre einer bestimmten Schule der Psychologie – der »Behavioristen« – deren Denken derzeit einen Großteil der gängigen psychologischen und pädagogischen Theorie dominiert.

In der Tat ist es heutzutage derart üblich, das »gute« Verhalten seiner Kinder zu loben oder zu belohnen, dass fast niemand – bis vor Kurzem – daran gedacht hat, seine Richtigkeit in Frage zu stellen. Kinder zu loben oder zu belohnen ist einfach nur gesunder Menschenverstand und gute Erziehung – nicht wahr? Wer würde bezweifeln, dass es gut ist, Kinder zu loben oder zu belohnen, wenn sie nach unserem Geschmack auftreten?

Spontane Äußerungen von Wertschätzung sind nicht mit Erwartungen aufgeladen.

Die Loben-und-Belohnen-Methode ist definitiv zufriedenstellend, da sie von einer Menge Beweise aus der methodischsten und genialsten Forschung, die man für Geld kaufen kann, untermauert wird. Eigentlich entspringt sie der Arbeit von Psycholog|innen|ys, die akribisch herausgefunden haben, dass sie Ratten dazu bringen können, durch Labyrinthe zu rennen, Tauben dazu, an farbigen Knöpfen zu picken, und Hunde dazu, beim Klang der Glocke zu geifern – indem sie ihnen einen kontrollierten Plan für Belohnungen vorgaben. Psycholog|innen|ys waren bald von der Idee begeistert, Menschen zu kontrollieren, indem sie auf sie dieselben Prinzipien anwenden, die bei Tieren funktionieren. Stelle dir ihre Aufregung vor, als sie erkannten, dass Belohnungen auf Menschen genau die gleiche Wirkung haben wie auf Ratten, Tauben und Hunde. Das moderne psychologische Fachwissen hat es uns ermöglicht, das Verhalten, die Gedanken und Gefühle von Kindern auf die gleiche Weise zu manipulieren, wie wir einem Seehund mit ein paar Sardinen und ein wenig Schmeichelei beibringen können, einen Ball auf der Nase zu balancieren.

Allerdings gibt es ein Problem. Die Qualität der Beziehung, die wir zu einer Laborratte entwickeln, ist uns nicht besonders wichtig. Uns geht es nicht darum, dass Nagetiere ihr Selbstwertgefühl, ihren Sinn für Autonomie oder Unabhängigkeit entwickeln, und es interessiert uns auch nicht, ob die Ratte von sich aus Interesse daran bekommt, größere und bessere Labyrinthe auszuprobieren, lange nachdem wir sie nicht mehr mit kleinen Futterpellets belohnen. Und darauf haben uns die meisten unserer Expert|innen|ys nicht hingewiesen: den Punkt, an dem die ganze ausgefallene Technologie des »Belohnens, Lobens und Verstärkens« auseinanderfällt.

Immer und immer wieder wurde uns beigebracht, dass wir unsere Kinder viel mehr loben und belohnen sollten. Was könnte daran falsch sein? Oberflächlich betrachtet, sieht Lob wunderbar aus – der Schlüssel zu erfolgreichen Kindern! Kratzen wir jedoch an dieser Oberfläche, sehen die Ergebnisse ganz anders aus.

Aber Belohnungen verbessern das Verhalten und die Leistung von Kindern, nicht wahr?

Das dachten wir zumindest. Wenn jedoch die kleinen goldenen Sterne oder die Gummibärchen nicht mehr verteilt werden, verflüchtigt sich das Verhalten, das wir zu verstärken versuchten. Kinder, die sich daran gewöhnt haben, Lob zu erhalten, können sich niedergeschlagen fühlen, wenn sie es nicht mehr erhalten. Es dämpft ihr Durchhaltevermögen. Es gibt viele Belege dafür, dass Belohnungssysteme auf lange Sicht wirkungslos sind.

Entgegen dem populären Mythos gibt es viele Studien, die zeigen, dass Kinder schlechter abschneiden, wenn sie Belohnungen erhoffen oder erwarten. Eine Studie zeigte, dass die Leistung der Schüler|innen|Schülys untergraben wurde, wenn ihnen Geld für bessere Noten angeboten wurde. Eine Reihe amerikanischer und israelischer Studien zeigen, dass Belohnungssysteme die Kreativität der Schüler|innen|Schülys unterdrücken und generell die Qualität ihrer Arbeit senken lassen. Belohnungen können die Kreativität abtöten, weil sie das Eingehen von Risiken verhindern. Wenn Kinder süchtig danach sind, eine Belohnung zu bekommen, vermeiden sie Herausforderungen, um »auf Nummer sicher zu gehen«. Sie ziehen es vor, das erforderliche Minimum zu tun, um diesen Preis zu erhalten.

(Die Verwendung von Lob oder Belohnungen gibt Kindern nicht das Gefühl, unterstützt zu werden. Es gibt ihnen das Gefühl, bewertet und beurteilt zu werden.)

Das Folgende veranschaulicht gut, warum wir den Fehler gemacht haben, an Belohnungen zu glauben, die auf oberflächlich erscheinenden Vorteilen basieren. Als ein amerikanisches Fast-Food-Unternehmen den Kindern für jedes gelesene Buch Preise in Form von Mahlzeiten anbot, nahm das Lesen zu. Das sah auf den ersten Blick sicherlich ermutigend aus. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich jedoch, dass die Kinder kürzere Bücher auswählten und dass ihre Punktzahlen beim Textverständnis stark zurückgingen. Sie lasen, um Junk Food zu essen, und nicht, um sich an der Lektüre zu erfreuen. In der Zwischenzeit nahm das Lesen außerhalb der Schule (die unbelohnte Situation) ab. Es gibt noch mehr Studien, die zeigen, dass Belohnungen zwar die Aktivität steigern, aber die Begeisterung ersticken und die Leidenschaft töten. Personen, die Belohnungen erwarten, verlieren das Interesse an Aktivitäten, die sonst attraktiv waren. Es hat den Anschein, dass uns das, was wir tun müssen, um die Belohnung zu bekommen, umso unangenehmer wird, je mehr wir sie wollen. Die Aktivität, die von uns verlangt wird, steht unserem begehrten Preis im Wege. Es wäre klüger gewesen, den Kindern einfach interessantere Bücher zu schenken, denn es gibt viele Belege dafür, dass eine Aktivität, die an sich Spaß macht, der beste Motivator und Leistungsförderer ist.

Können Belohnungen und Lob der Beziehung zu unseren Kindern schaden?

Man würde nicht glauben, dass die positiven Dinge, die Eltern zu ihrem Kind über es sagen, so destruktiv sein können wie die negativen. Aber es gibt Momente, in denen es stimmt. Dank der modernen Fortschritte in der Verhaltenswissenschaft ist unsere Fähigkeit, Kinder (und Tiere! und Erwachsene!) zu verleiten oder zu manipulieren, damit sie tun, was wir von ihnen wollen, immer raffinierter geworden. Aber die Kosten der Manipulation durch Belohnungen waren enorm. Im Folgenden werden zehn Möglichkeiten aufgezeigt, wie Lob und Belohnungen der Beziehung zu unseren Kindern schaden können.

  • Belohnungen und Lob konditionieren Kinder dazu, Anerkennung zu suchen; am Ende tun sie Dinge, um zu beeindrucken, anstatt sie für sich selbst zu tun. Dies kann die Entwicklung der Selbstmotivation hemmen und macht sie von der Meinung Dritter abhängig. Wenn Kinder sich daran gewöhnen, tolle Sachen für »Leistung« zu bekommen, werden sie zu Gefallen-Wollenden, die sich zu sehr auf positive Streicheleinheiten verlassen. Belohnungen und Lob können eine Art Suchtverhalten hervorrufen: Kinder können nach Anerkennung süchtig werden und so den Kontakt zu der einfachen Freude verlieren, das zu tun, was sie lieben. So viele von uns sind geltungssüchtig: Wir werden depressiv, wenn die Bewunderung ausbleibt. Anstatt das, was wir tun, um seiner selbst willen zu tun, fischen wir nach Schmeichelei oder Bestätigung, und wenn der Applaus verklingt, versinken wir in Verzweiflung. Das Geben von Belohnungen oder Lob kann zur Gewohnheit werden. Denn je mehr Belohnungen wir verwenden, desto mehr müssen wir sie einsetzen, um die Kinder zu motivieren. Lob kann nicht zu einer persönlichen Verpflichtung zu »gutem« Verhalten oder Leistung führen. Es schafft nur die Verpflichtung, nach Lob zu heischen.
  • Eines der schlimmsten Dinge, die wir tun können, ist, das Potenzial eines Kindes zu loben. Aussagen wie »Ich weiß einfach, dass du es kannst«, »Du wirst besser«, »Ich weiß, dass du es in dir hast«, »Du schaffst das schon« klingen oberflächlich betrachtet unterstützend. Aber diese Komplimente sind mit unserer Erwartung aufgeladen, dass sich das Kind in irgendeiner Weise verbessern muss. Sie sagen dem Kind, dass es ein Ziel gibt, nach dem es immer wieder greifen muss, um das volle »Bravo!« zu bekommen. Das Loben des Potenzials von Kindern hilft ihnen nicht, sich so zu mögen, wie sie bereits sind, und kann dazu führen, dass sie von sich selbst enttäuscht sind. Hinter dem Lob verbirgt sich die stille Implikation: »Du bist noch nicht gut genug«. Das verführt Kinder dazu, härter zu arbeiten, um uns zu beeindrucken, auf Kosten ihres eigenen Selbstwertgefühls. Wie die Psychologin Louise Porter sagt: »Wenn Sie wollen, dass Kinder ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln, hören Sie auf, sie zu loben« (siehe Leseliste unten).
  • Die Belohnung des Gehorsams von Kindern ist die Kehrseite der Bestrafung ihres Ungehorsams. Es ist Verführung statt Tyrannei. Viele Studien zeigen, dass Eltern, die mehr Belohnungen verwenden, auch mehr Bestrafung anwenden, sie sind eher autokratisch. Lob ist die süße Seite der autoritären Erziehung. Es reduziert die Beziehung zum Kontrollierenden und Kontrollierten. Deshalb empfinden die scharfsinnigeren – oder weniger leichtgläubigen! – Kinder Lob als etwas »Ekliges«; es gibt ihnen das Gefühl, herablassend behandelt zu werden. Lob ist eine Erinnerung daran, dass der|die|das Lobende||Lobendy Macht über sie hat. Es vermindert das Gefühl der Autonomie des Kindes, und wie ein Tätscheln auf den Kopf hält es sie klein.
  • Tatsächlich ist der|die|das Belohnende||Belohnendy wie ein|e|ein Gutachter|in|Gutachty, der|die|das beurteilt, was ein Lob verdient und was nicht. Das macht ihn|sie|es für das Kind etwas beängstigend. Durch die Verwendung von Lob oder Belohnungen fühlen sich Kinder nicht unterstützt. Es gibt ihnen das Gefühl, bewertet und beurteilt zu werden. Obwohl »Guter Junge!« oder »Gutes Mädchen!« ein positives Urteil ist, ist es dennoch ein Urteil von oben, und letztlich entfremdet es das Kind.
  • Die cleveren Kinder können Manipulation durchschauen. Sie sind uns auf der Spur, sie halten unser Lob für berechnend, und sie lassen sich nicht so leicht durch Verführungstaktiken überlisten. Insbesondere wenn Lob eine Technik ist, die wir aus einem Buch oder einem Seminar gelernt haben, wird sie wahrscheinlich als falsch und gestellt rüberkommen. Lob und Belohnungen riechen, ebenso wie Schmeichelei, nach unseren Kontrollbemühungen, und wir verlieren den Respekt unseres Kindes.
  • Kinder schrecken, genau wie Erwachsene, natürlicherweise davor zurück, kontrolliert zu werden. Wir alle wollen zur Selbstbestimmung heranwachsen. Lob kann daher Widerstand hervorrufen, da es das sich entwickelnde Autonomiegefühl eines Kindes beeinträchtigt.
  • Belohnungen bestrafen, weil dem Kind die Belohnung, das Lob oder die Anerkennung verweigert wird, außer er oder sie »funktioniert«. Darüber hinaus beginnt sich das Kind, das an Lob gewöhnt ist, unzulänglich zu fühlen, wenn das Lob nicht kommt. Nichts fühlt sich für ein Kind niederschmetternder an, als eine Belohnung zu verpassen, auf die es konditioniert worden ist, sie zu erwarten. In jedem Zuckerbrot steckt eine Peitsche.
  • Wenn Kinder mit Belohnungen für »gutes« Verhalten bestochen werden, lernen sie bald, wie sie uns manipulieren können, indem sie die Rolle spielen, die von ihnen erwartet wird. Sie wissen, was es braucht, um die tollen Sachen von uns zu bekommen: die Anerkennung, das Eis, was auch immer. Sie werden oberflächlich gefügig und tun alles, was nötig ist, um uns zu schmeicheln oder zu beeindrucken, und die Ehrlichkeit leidet darunter. Denn wer will schon ehrlich oder real mit einer Person sein, die sie bewertet? Sobald die Beziehung auf gegenseitige Manipulation statt auf Authentizität reduziert wird, ist die Bühne für manipulative und unehrliche Beziehungen im späteren Leben bereitet. Manipulation untergräbt die Funktionen des gegenseitigen Vertrauens, der Verwundbarkeit und der Transparenz, die für gesunde intime Beziehungen unerlässlich sind. Als Folge der frühen Manipulation wachsen wir auf, uns zu bemühen, zu gefallen, oder wir lernen, unsere List zu benutzen, um zu beeindrucken, um die Belohnungen zu bekommen – auf Kosten unseres natürlichen Selbst. Wir entwickeln ein vorgetäuschtes oder falsches Selbst, das unsere Beziehungen zu anderen verzerrt.
  • Unter Geschwistern oder im Klassenzimmer erzeugen Belohnungssysteme Konkurrenz, Eifersucht, Neid und Misstrauen. Belohnungen oder Preise für »gute« Leistungen stellen eine Bedrohung für Kooperation oder Zusammenarbeit dar.
  • Lob kann dazu führen, dass sich Kinder beraubt fühlen. Wenn wir selbst hungrig nach Bewunderung sind, gehen wir manchmal fehl, weil wir versuchen diese Bewunderung durch die Triumphe unserer Kinder zu erlangen. Wir benutzen sie, um unser eigenes verletztes Selbstwertgefühl oder unseren verletzten Stolz wiedergutzumachen. Wenn wir sie loben, weil sie uns ein gutes Gefühl für uns selbst gegeben haben, dann spüren sie das. Das nimmt ihnen das gute Gefühl über sich selbst; unser Lob wirkt dann wie der Regen an einem sonnigen Tag. Manche Kinder weigern sich, das hervorzubringen, worin sie von Natur aus gut sind, weil sie von der Selbstgefälligkeit ihrer Eltern abgestoßen werden.

Belohnungen und Lob konditionieren Kinder dazu, Anerkennung zu suchen.

Warum sind Lob und Belohnung so beliebt?

Belohnungen sind ein einfacher Weg, einfacher, als zu versuchen zu verstehen, warum ein Kind sich – wie viele es gerne leichtfertig nennen – »schlecht benimmt«. Warum sich z. B. die Mühe machen, herauszufinden, warum ein Kind sich weigert, zu einem für uns bequemen Zeitpunkt einzuschlafen (Hat es Angst? Fühlt es sich einsam? Ist es noch hungrig? usw.), wenn wir es einfach mit einem Geschenk belohnen können für pünktliches Einschlafen? Es ist einfacher, das zugrunde liegende Problem durch Bestechung zu umgehen. Dies gibt dem Kind die klare Botschaft, dass es uns nicht interessiert, wie er oder sie sich fühlt. Schlimmer noch, wir riskieren, ein ernstes emotionales Problem zu übersehen. Belohnungen und Lob können ein effekthascherischer Schnellschuss sein, der das Kind als ganze Person ignoriert.

Belohnungen funktionieren gut, Kinder dazu zu bringen, etwas zu tun, was sie normalerweise nicht tun wollen, aber nur kurzfristig. Diese sofortige Verhaltensänderung belohnt uns und macht uns süchtig nach Belohnen. Die negativen Folgen von Belohnungen und Lob kommen erst später zum Tragen, sodass wir es versäumen, Belohnungen und Lob als Übeltäter|in|Übeltäty zu erkennen.

Aber Kinder brauchen Anerkennung und positives Feedback.

Was können wir tun, statt sie zu loben?

Oft möchten wir unsere Freude und Wertschätzung für unsere Kinder zum Ausdruck bringen, für ihre Individualität und für die großartigen Dinge, die sie tun. Wertschätzung unterscheidet sich vom Lob, weil sie nicht manipulativ ist. Manipulatives Lob ist im Gegensatz zu spontanen Äußerungen von Wertschätzung oder Anerkennung mit der versteckten Erwartung aufgeladen, dass das Kind die lobenswerte Handlung noch einmal tut. Die meisten Kinder können dies spüren; sie können den Unterschied zwischen echter Anerkennung und einer bewussten Strategie zur Verstärkung ihres Verhaltens spüren. Wie also geben wir unseren Kindern positives Feedback?

Lob oder Belohnungen zu vermeiden, bedeutet nicht, dass wir die Liebe und Freude, die wir für unsere Kinder empfinden, oder unseren instinktiven Wunsch, sie zu ermutigen zurückhalten sollen – weit davon entfernt! Es ist durchaus möglich, sich auf unsere Kinder einzulassen und jeden Schritt ihrer Entfaltung zu feiern, ohne manipulativ zu sein. Hier sind ein paar Vorschläge, Kinder nach Herzenslust – unserer und ihrer – anzuerkennen und zu ermutigen und dabei den Gebrauch von Lob zu vermeiden.

Die Aufmerksamkeit des Kindes auf sein eigenes Vergnügen lenken, etwas zu erreichen

Statt Kinder mit Glückwünschen zu überhäufen, ist es besser, wenn sie sich innerlich auf die Freude konzentrieren, die sie selbst an der Leistung haben. Kinder sind von Natur aus leistungshungrig, lern- und eroberungswillig. Sie werden mit einem unersättlichen Drang geboren, die Dinge zu meistern, und jede neue Errungenschaft erfüllt sie mit Freude. Es ist diese Selbstfreude, die den größten Treibstoff für Beharrlichkeit und weiteres Lernen liefert. Wenn ein Kind etwas Neues ausprobiert, kann es wunderbar ermutigend und unterstützend wirken zu sagen: »Du siehst aus, als hätte dir das Spaß gemacht«, oder: »Wie hat es sich angefühlt, das zu tun?«. »Ich bin froh, dass du das getan hast, du siehst glücklich aus!«.

Bei der Selbsteinschätzung helfen

Wann immer möglich, ist es eine gute Idee, das Kind nach seiner eigenen Selbsteinschätzung zu fragen. Zum Beispiel: »Wie gefällt dir deine Zeichnung?«, »Bist du damit zufrieden, wie dieses Teil in das Puzzle passt?«

Nach inneren Erfahrungen fragen

Angenommen, dein Kind liest eine Geschichte vor, die es gerade verfasst hat. Nachdem du erzählt hast, wie du dich durch die Geschichte gefühlt hast, könntest du fragen: »Wie fühlst du dich durch die Geschichte, die du geschrieben hast?«, »Wie hat es sich angefühlt, sie zu schreiben?«. Es gibt wenige Dinge, die das Selbstwertgefühl des Kindes so nähren und die Beziehung zu ihm so bereichern, wie ein Interesse an seiner inneren Gefühls- und Vorstellungswelt.

»Ich«-Aussagen verwenden, statt das Kind zu etikettieren

Wertschätzung berührt ein Kind tiefer, wenn sie in Form eigener Gefühle ausgedrückt wird. Zum Beispiel: »Ich mag die Farben, die du gewählt hast«, oder »Ich liebe es, wie du das Lied gesungen hast«. – und nicht: »Was für ein guter Zeichner du bist«, oder »Mensch, du bist ein guter Sänger«. Vermeide die Etikettierung von Aussagen wie: »Guter Junge, dass du dein Spielzeug teilst!«. Sage stattdessen: »Danke, dass du das mit deinem Freund geteilt hast, das hat sich für ihn – und für mich – gut angefühlt«. Konzentriere dich auf deine Gefühle, nicht auf ein moralisches oder qualitätsorientiertes Etikett. Eine »Ich«-Aussage hält davon ab, eine Machtposition gegenüber dem Kind einzunehmen. Sie schafft eine ehrliche und erfüllende Verbindung zwischen euch, ohne sich in Selbsterfahrung des Kindes einzumischen.

Das Verhalten kommentieren, nicht die Person

Feedback und Anerkennung sind definitiv wichtig. Stellen wir uns vor, ein Kind hat gerade ein neues Stück vorgespielt, das es auf dem Klavier gelernt hat. Anstatt zu sagen: »Was bist du doch für ein guter Klavierspieler!«, könnten Eltern ihm sagen, wie sehr ihnen das Stück gefallen hat. Noch besser, sie könnten konkret sein und dem Kind sagen, was ihnen an seinem Spiel besonders gefallen hat (z. B. die Leidenschaft oder das Gefühl, die schöne Melodie, wie sorgfältig es gespielt hat, sein Rhythmusgefühl usw.).

Woher wissen wir, wann unsere positiven Kommentare manipulativ sind?

Letztlich geht es nicht um die perfekte Wortwahl oder darum, wie viel oder wann wir positive Kommentare abgeben sollen. Wenn man das Richtige aus den falschen Gründen tut, ist es am Ende das Falsche. Da es ein Problem der Absicht ist, gibt es keinen anderen Weg, als unsere eigenen Motive gut zu prüfen. Das erfordert Übung, den Mut und die Demut, nach innen zu schauen. Wenn du einen positiven Kommentar abgibst, versuchst du dann, das Kind zu verführen, damit es dir wieder gefällt, damit es Mama oder Papa stolz macht? Oder freust du dich aufrichtig darüber, dass das Kind etwas erreicht hat, das ihm gefällt, oder freust du dich aufrichtig über sein Dasein? Darin liegt ein Paradoxon: Das, was nicht verstärken, sondern nur »verbinden« soll, ist das Verstärkendste.

Ist Lob jemals in Ordnung?

Es gibt keinen Grund, uns einen Maulkorb anzulegen, Lob ist wunderbar, wenn es nicht manipulativ eingesetzt wird. Zum Beispiel sollten Belohnungen nicht im Voraus versprochen oder jedes Mal garantiert werden, wenn das Kind etwas tut, was gefällt. Positives Feedback ist am besten für die Beziehung zum Kind, wenn es spontan gegeben wird, wenn es aus dem Herzen kommt und nicht als absichtlicher Trick, um mehr von dem zu bekommen, was vom Kind erwartet wird.

Fazit

Loben und Belohnen sind tief verwurzelte Gewohnheiten, zumal die meisten von uns so erzogen und ausgebildet wurden. Es mag Übung erfordern, sie durch Wertschätzung und Anerkennung zu ersetzen, aber Letztere fühlen sich erfüllter an und können dich und dein Kind einander näherbringen.

Kinder können sicherlich dazu gebracht werden, das zu tun, was sie nicht wollen oder mögen, indem man ihnen Anerkennung, Lob oder andere Belohnungen anbietet. Aber das macht sie nicht glücklich. Glück kann nur daraus abgeleitet werden, das zu tun, was an sich lohnend für uns ist, und dazu bedarf es nicht den Beifall anderer. Wollen wir, dass Kinder zu Belohnungssüchtigen, Publikumslieblingen und Anerkennungssuchenden werden, oder wollen wir, dass sie selbstmotiviert sind, sich selbst treu bleiben und ihren eigenen Interessen folgen? Wenn Letzteres zutrifft, dann besteht der Weg nicht darin, sie zu loben, sondern sie zu schätzen. In der Schule, wenn die Aufgaben aus sich heraus interessant, unterhaltsam, bedeutungsvoll und relevant gemacht werden, funktioniert das besser als Belohnungssysteme, um sowohl die Qualität als auch das Engagement für die Aufgaben zu verbessern.

Kinder werden mit einem enormen Lernwillen geboren. Sie haben auch eine angeborene Fähigkeit zu Ehrlichkeit, Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme. Diese Qualitäten kommen durch unsere Anleitung, unser Vorbild und unsere Wertschätzung zum Vorschein. Belohnungen und Lob für »gutes Verhalten« oder »gute Leistung« stehen dem einfach im Weg. ■

Literatur

Alfie Kohn: Liebe und Eigenständigkeit. Arbor, 2010.

Alfie Kohn: Beyond Discipline – From Compliance to Community. Prentice Hall, 2000.

Louise Porter: Children Are People Too: A parent’s guide to young children’s behaviour. Small Poppies SA, 2001.

Jan Hunt: Praising our Children: Manipulation or Celebration? (www.naturalchild.org/articles/jan_hunt/praise.html)

Robin Grille

ist ein australischer Psychologe, Elternberater, Autor und Vater. Er hat eine Praxis für individuelle Psychotherapie und Beziehungsberatung. Er ist Autor des Buches Kinder zeigen, was sie brauchen. Mehr von ihm auf hearttoheartparenting.org.

pexels.com, unsplash.com

Sabine Reichelt

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