Warum wir aufhören sollten, Kinder nach Alter zu trennen

Kinder lernen durch Spielen in der Zone der nächsten Entwicklung. Altersgemischtes Spiel ist spielerischer und weniger wettbewerbsorientiert als das Spiel mit Gleichaltrigen. Dabei bietet es vielfältige Lernmöglichkeiten und Vorteile für ältere und jüngere Kinder.

Peter Gray

Einer der merkwürdigsten – und meiner Meinung nach schädlichsten – Aspekte im Umgang mit Kindern ist unsere Vorliebe, sie nach Alter in Gruppen einzuteilen. Das tun wir nicht nur in den Schulen, sondern zunehmend auch im außerschulischen Bereich. Auf diese Weise berauben wir sie eines wertvollen Teils ihrer natürlichen Mittel, sich selbst zu bilden.

Die kindliche Entwicklung als Fließband

Die altersgetrennte Schulbildung setzte sich etwa zur gleichen Zeit wie die Fließbandarbeit in der Produktion durch. Die indirekte Analogie ist ziemlich offensichtlich. Das gestufte Schulsystem behandelt die Kinder wie Gegenstände auf einem Fließband, die sich von Station zu Station (von Klasse zu Klasse) entlang eines Fließbandes bewegen, und zwar alle mit der gleichen Geschwindigkeit. An jeder Station fügt ein:e Fabrikarbeiter:in (Lehrer:in) dem Produkt eine neue Komponente (Wissenseinheit) hinzu. Am Ende des Fließbandes spuckt die Fabrik komplette, neue, erwachsene Menschen aus, die alle nach den Vorgaben der Hersteller:innen (der professionellen Pädagog:innen) gebaut wurden.

Natürlich weiß jeder, der jemals ein Kind hatte oder kannte, einschließlich aller, die in unseren nach Altersgruppen gestaffelten Schulen arbeiten, dass diese Fließbandsichtweise der kindlichen Entwicklung völlig falsch ist. Kinder sind keine passiven Produkte, denen wir Komponenten hinzufügen können. Kinder sind keine unvollständigen Erwachsenen, die Stück für Stück in einer bestimmten Reihenfolge zusammengebaut werden müssen. Kinder sind eigenständige, vollständige Menschen, die ständig danach verlangen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, und die trotz allem, was wir ihnen zumuten, darauf bestehen, das zu lernen, was sie lernen wollen, und diejenigen Fähigkeiten zu üben, die sie üben wollen. Wir können sie nicht aufhalten. Wir wären alle viel besser dran, wenn wir sie dabei unterstützen würden, anstatt sie zu bekämpfen.

Die freie Altersmischung als Schlüssel zur Selbstbildung

Ich habe bereits öfter Situationen beschrieben, in denen Kinder sich selbst bilden, ohne dass sie von Erwachsenen angeleitet oder angetrieben werden. Insbesondere habe ich die autodidaktische Bildung erörtert, wie sie einst in Jäger- und Sammlergruppen stattfand und wie sie heute in Schulen stattfindet, die für dafür konzipiert sind, insbesondere in der Sudbury Valley School, USA. Ein herausragendes Merkmal solcher Einrichtungen ist, dass die Kinder regelmäßig mit anderen aus dem gesamten Altersspektrum interagieren. Anthropolog:innen haben behauptet, dass die freie Altersmischung der Schlüssel zur Selbstbildung von Jäger- und Sammlerkindern ist; und Daniel Greenberg behauptete seit langem, dass die freie Altersmischung der Schlüssel zur Selbstbildung an der Sudbury Valley School ist, die er mitbegründet hat.

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