Lebenslanges Lernen: Fluch oder Segen?

Was sich so positiv anhört und auch anfühlt, soll Lust wecken. »Lebenslanges Lernen« erlebt Hochkonjunktur und einen Missbrauch zur »Entwicklung des Humanvermögens« sowie der Sicherung einer Spitzenstellung im internationalen Wettbewerb. Lebenslanges Lernen – der Weg in die erzwungene Lerngesellschaft?

Klaus-Peter Hufer

Folgender Satz ist eine Art Präambel in einer Mitteilung des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft: »Lernen hört nach Schule, Ausbildung oder Studium nicht auf, denn Lernen ist das wesentliche Werkzeug zum Erlangen von Bildung und damit für die Gestaltung individueller Lebens- und Arbeitschancen. Lebenslanges Lernen trägt auch dazu bei, dass die Gesellschaft insgesamt den Herausforderungen begegnen kann, die mit dem demografischen Wandel einhergehen.«

Er klingt wie ein unausweichlicher Imperativ. Unterstrichen wird das durch eine weitere Klarstellung: »Die Globalisierung und die Wissensgesellschaft stellen die Menschen vor große Herausforderungen, die durch den demographischen Wandel noch verstärkt werden. Wissen – und die Fähigkeit das erworbene Wissen anzuwenden, müssen durch Lernen im Lebenslauf ständig angepasst und erweitert werden. Nur so können persönliche Orientierung, gesellschaftliche Teilhabe und Beschäftigungsfähigkeit erhalten und verbessert werden.«

Das entscheidende Wort in dieser Erklärung heißt »müsse«. Wir alle müssen lernen, lernen, lernen ... und das lebenslänglich, immer wieder. Denn nur so kann »die Gesellschaft« angesichts des vielfältigen Wandels und der Herausforderung durch Globalisierung bestehen. Wer dies nicht begreift, verwirklicht zudem seine »Beschäftigungsfähigkeit«. Mit dieser Diktion zeichnet sich eine Gesellschaft ab, die insofern zwingende Züge hat, weil sie keine Alternative zulässt.

Interessant ist, wovon in einer Erklärung wie dieser – es gibt zig-tausende davon – allenfalls am Rande die Rede ist, nämlich von Bildung. Bildung ist ja immer eine stets persönliche, an kritischer Selbstaufklärung und an Emanzipation orientierte Großkategorie. Davon sprechen und schreiben die Protagonisten des »Lebenslangen Lernens« – effektiv abgekürzt heiß das »LLL« – nicht. Stattdessen finden sich sinnentleerte Formulierungen wie »Entwicklung des Humanvermögens«. Was auch immer das sein mag – aber darauf kommt es an.

Die Konjunktur des Lebenslangen Lernens

Was ist passiert, dass wir eine riesige und wohl heftig wachsende Konjunktur des lebenslangen Lernens haben? Die Leit- und Signalbegriffe für das Lernen von Erwachsenen haben sich gewandelt. Die ursprüngliche Bezeichnung im 18. und 19. Jahrhundert lautete »Volksbildung«, dann folgte seit den 1920er Jahren »Erwachsenenbildung«. Ab den 1960er und 1970er Jahren ist, angestoßen durch den von einer Kommission des Deutschen Bildungsrates verfassten »Strukturplans für das Bildungswesen«, die Rede von Weiterbildung. Und neuerdings heißt es »Lebenslanges Lernen«. Mit diesen Termini sind Bewusstseinsinhalte verbunden: Das Volk ist ein Kollektiv, der Erwachsene ein Subjekt, während die Teilvokabel »weiter« und die Betonung »lebenslang« Tempo und Dynamik ausdrücken. Außerdem soll spätestens mit der letzten Bezeichnung deutlich werden, dass das Lernen von Erwachsenen nie abgeschlossen ist und die Lebensgeschichte stets begleitet.

Lernen hört nicht mit der Schule oder Ausbildung auf. Aber was impliziert das für die Gesellschaft?

Doch trifft das wirklich das, was Menschen wollen, wenn sie weiter lernen möchten?

Anschaulich ausgedrückt hat es der Erwachsenenbildner Erhard Meueler: »Die Motive, die ... zum gemeinsamen Lernen mit anderen veranlassen, reichen vom gezielten Erwerb von Fertigkeiten und Fähigkeiten, aber auch von Einsamkeit, Langeweile, Grundbedürfnissen nach Geborgenheit, Annahme, Anerkennung, gesprächsweiser Selbstbetätigung und Beratung, Sicherheit, Überschaubarkeit, Beschützt- und Begrenztheit des eigenen Lebensraums, Bestätigung durch eine soziale Gruppe bis hin zu Leistungsmotivationen, lustbetonten Erwartungen, selbst etwas tun zu dürfen, Bedürfnissen, neue und anregende, aufregende Leute kennenzulernen und Bedürfnissen, sich in einer als angenehm und befriedigend erlebten Umwelt aufzuhalten.«

Literatur

Heiner Barz: Innovationen in der Weiterbildung. Was Programmverantwortliche heute wissen müssen. ZIEL

Bundesministerium für Bildung und Forschung: Pressemitteilung vom 13. Juni 2007 (127/2007)

Bundesministerium für Bildung und Forschung: Weiterbildung: Lebenslanges Lernen sichert die Zukunftschancen

European Commission: Education and training policies based on evidence

Erhard Meueler: Erwachsene lernen. Klett-Cotta

Ingeborg Pistohl: Kompetenzen und Qualifikationsstandards waren Themen der Kommission Erwachsenenbildung. In: Außerschulische Bildung

Eine so erfahrungsgestützte Beschreibung der Motive für Weiterbildungsbeteiligung unterscheidet sich erheblich von dem, was mit dem Karrierebegriff »Lebenslanges Lernen« zum Ausdruck kommt. Da klingt es wie eine Drohung, wenn damit eine Vorstellung von Weiterbildung gemeint ist, die von »der Notwendigkeit aus [geht], Lernen im Lebenslauf als open-end-Veranstaltung zu verstehen«.

Das Diktat der Ökonomie

In der Tat: Es geht nicht um Lust an der Bildung, um individuelles Glück, um Erkenntnisgewinn, um Humanisierung und Demokratisierung der Lebensverhältnisse. Damit halten sich die bildungspolitischen Strategen des »LLL« nicht auf – das scheint für sie Schnickschnack zu sein. Der seit der Mitte der 90er Jahre etablierte und zwei Jahrzehnte davor vom Europarat, der UNESCO, der OECD und später von der EU auf den Weg gebrachte Begriff zielt auf etwas völlig anderes hin. Die Katze aus dem Sack ließ die frühere Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan mit der folgenden Äußerung: »Mehr Weiterbildung hat positive Auswirkungen auf allen Ebenen. Individuell werden Beschäftigungs- und Einkommenschancen verbessert. Die Betriebe profitieren durch stetig weiter qualifizierte Mitarbeiter:innen. Und schließlich sind für die Volkswirtschaft Lebensbegleitendes Lernen und Weiterbildung wichtige Bausteine für ökonomischen Erfolg und Sicherheit.«

Noch deutlicher ist die Aussage von Uwe Thomas, ehemals Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung: »Ohne eine Optimierung des kontinuierlichen Lernens werden wir die Spitzenstellung bei den Zukunftstechnologien und im internationalen Wettbewerb nicht halten können«.

Es geht also nicht mehr um Erwachsenenbildung im klassischen Sinne, sondern um eine rein funktionalistische Unterwerfung unter das Diktat, den ökonomischen Erfolg und die Spitzenstellung im internationalen Wettbewerb zu sichern.

Schneller, besser, fitter ...

Eigentlich ist das Credo vom »Lebenslanges Lernen« ein Pleonasmus (eine sinnlose Verdoppelung desselben), denn Leben bedeutet immer, lernen zu müssen ... und zu wollen – lebenslang. Doch das Konzept des Lebenslangen Lernens signalisiert etwas anderes: Es ist das bildungspolitische Äquivalent der neueren Paradigmen der Politikwissenschaft, der Soziologie, der Ökonomie und der Erkenntnistheorie: Entstaatlichung, Individualisierung, Deregulierung und Autopoiesis, selbstreferentielles Denken. Lebenslanges Lernen ist ein Eckpfeiler des kolossalen gesellschaftlichen Umbruchs, in dem wir uns befinden. Menschen werden dazu verurteilt, sich auf sich selbst zu beziehen. Das Lebenslange Lernen ist das intellektuelle Pendant zu einem Unwort der Gegenwart: dem Selfie. Es passt zu dem Egoismus des alten Slogans der Postbank: »Unterm Strich zähl ich«.

Leben bedeutet immer, lernen zu wollen – ein Leben lang.

Nun könnte man sagen, dass das nicht die schlechteste Vision einer Gesellschaft sein muss: mehr Wissen, mehr Erkenntnisse, mehr Verbesserung der Lebensverhältnisse. Das könnte man so sehen, wenn es da nicht einen Pferdefuß gäbe. Denn bei der Umdefinition von Erwachsenenbildung zum Lebenslangen Lernen geht es um mehr als eine sprachliche Neuschöpfung. Die Menschen haben nämlich eine eigenverantwortliche Bringschuld, sich permanent qualifizieren zu müssen, wollen sie nicht ihre Beschäftigungsmöglichkeit verlieren. Da muss man schneller, besser und fitter sein als der|die|das »Mitbewerber|in|Mitbewerby« um einen Arbeitsplatz. Das alles muss im Zeitalter der massenhaften Controller:innen und Deregulierer:innen überprüft werden. Und so ist in den einschlägigen Verlautbarungen und Erklärungen zu lesen, dass ein »Validierungssystem« der Veranstaltungen der »Erwachsenenbildung« eingeführt werden und »Lebenslanges Lernen« »evidenz-basiert« sein sollen. Im Klartext: Es geht um eine Lernzielkontrolle. Schöne neue Bildungswelt ...

Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer

ist außerplanmäßiger Professor an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Er ist Verfasser zahlreicher Schriften zur Erwachsenenbildung allgemein und zur politischen Bildung insbesondere.

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