Getrennte Welten: ein Generationenproblem?

Erwachsene und Kinder leben in getrennten Lebenswelten. Und das ist so gewünscht und produziert. Ein Aspekt dafür ist das gängige Kindheitsbild in unserer Gesellschaft. Um die Trennung zu überwinden, bedarf es dieses zu hinterfragen.

Sonja Mechtcheriakova

Sophies Mutter ist genervt. Drei Mal schon hat sie ihre 13-jährige Tochter gebeten, den Abwasch zu machen, aber in der Spüle türmt sich nach wie vor ein Berg schmutziges Geschirr. »Sophie! Der Abwasch!«, ruft sie ins Wohnzimmer, wo ihre Tochter vor dem Fernseher sitzt und gerade gebannt eine Folge ihrer Lieblingsserie anschaut. Sophie verdreht die Augen: »Jaaaaa, erledige ich gleich, habe ich doch schon gesagt!«, mault sie. Sophies Mutter verliert die Geduld: »Nicht gleich, sondern jetzt sofort«, sagt sie in scharfem Tonfall und baut sich vor ihrer Tochter auf, »ich kann ja schon keine saubere Tasse mehr für meinen Kaffee finden!«. »Das ist so was von gemein! Wieso muss ich den blöden Abwasch machen, ich will doch gar keinen Kaffee trinken!«, schreit Sophie und stürmt aufgebracht zur Tür raus in die Küche. Sophies Mutter ist ratlos: Natürlich kann sie verstehen, dass ihre Tochter gerne erst ihre Lieblingsserie zu Ende geguckt hätte. Wieso hat sie aber auch das schmutzige Geschirr so lange stehen lassen, schließlich hat sie Sophie schon vor Stunden das erste Mal gebeten! Den »richtigen Moment« gibt es für ihre Tochter sowieso nie, ohne Unterbrechung ist sie mit anderen Dingen beschäftigt, die natürlich alle »viiiel« wichtiger als der Abwasch sind. Warum nur muss Sophie ständig und immer gedrängt werden, im Haushalt zu helfen? Nie macht sie etwas von allein, immer muss man bitten und betteln, immer wieder kommt es zu Streit, Ärger und Verdruss auf beiden Seiten. Aber soll Sophies Mutter um des lieben Frieden Willens alles alleine machen? Das schmutzige Geschirr hat ihre Tochter doch schließlich auch mit »produziert«, da ist es nur fair, wenn sie ab und zu bei seiner Beseitigung mithilft!

Das Problem: ein generationentrennendes Gesellschaftssystem

Das beispielhafte Dilemma von Sophie und ihrer Mutter dürfte den meisten Familien in der einen oder anderen Form geläufig sein. Es ist Ausdruck einer Organisation des Alltags in unserer Gesellschaft, die auf einer scharfen Trennung der Lebenswelten von Erwachsenen einerseits und Kindern andererseits beruht. Die Welt der Erwachsenen: Das ist Berufs- und Hausarbeit, Messer, Schere, Gabel, Licht, Freizeitaktivitäten und Wohlfühlen nach Feierabend und Sandmännchen; kurz: alles, bei dem die Anwesenheit von Kindern als störend und/oder »gefährlich« erachtet wird. Die Welt der Kinder sieht hingegen anders aus. Der Nachwuchs verbringt große Teile des Tages in einer speziellen Umgebung, die aus Kita und Schule, Puppenküche und Spielplatz besteht. Sie ist als wattierter Ersatz für die Wirklichkeit der Erwachsenenwelt konzipiert.

Die Trennung der Lebenswelten von Kindern und Erwachsenen mag in mancherlei Hinsicht – etwa was die Unfallprävention oder auch die Arbeitseffizienz der Eltern angeht – als zweckmäßig und vorteilhaft empfunden werden. Sie birgt allerdings auch etliche nicht zu unterschätzende Probleme, unter deren Folgen, Kinder wie auch Eltern oft dauerhaft zu leiden haben. Am augenfälligsten werden die negativen Auswirkungen einer strikten Trennung der Lebenswelten innerhalb einer Familie wohl, wenn – wie im Konflikt zwischen Sophie und ihrer Mutter – ein Kind nicht mehr danach strebt, zusammen mit seinen Eltern in deren Erwachsenenwelt zu leben. In unserem Beispiel zeigt sich Sophie sogar unwillig, ihre Kinderwelt auch nur für die Zeitdauer des Abwaschs zu verlassen.

Vom gemeinsamen Lebensalltag zu getrennten Welten

Als Sophie jünger war, war sie mit allergrößter Wahrscheinlichkeit bemüht, den Lebensalltag ihrer Mutter zu teilen und sich bei allem anzuschließen, was diese tat. Es ist anzunehmen, dass sie als Säugling vor allem dann glücklich war, wenn ihre Mutter sie trug und sie so sinnlich erleben konnte, woraus der Alltag bestand. Mit zunehmender motorischer Selbstständigkeit versuchte Sophie dann sicherlich, sich aktiver in die Welt ihrer Mutter zu integrieren: Sie rührte in Töpfen, räumte die saubere Wäsche aus der Waschmaschine oder spazierte mit dem eingeschalteten Staubsauger durch die Wohnung.

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