Mut zur Treue!

Treue im Umgang mit unseren Kindern bedeutet, den Mut zu haben, sich für ihre Rechte und Bedürfnisse einzusetzen und im Umgang mit Autoritäten, Institutionen und den eigenen Eltern selbstbewusst für sie einzustehen. Vom selbstbewussten Einstehen für unsere Kinder und der Heilung unseres Inneren Kindes.

Marie-Sophie Frei

Der Treuebegriff ist in unserer heutigen Gesellschaft eng mit der romantischen Paarbeziehung verbunden. Für die meisten Menschen bedeutet Treue insbesondere sexuelle Monogamie und romantische Ausschließlichkeit im wörtlichen Sinne, nämlich dass weitere mögliche Liebespartner:innen aus dem Leben eines in einer Liebesbeziehung lebenden Menschen ausgeschlossen sein sollen. Inhaltlich ist die Treue nicht allein die tugendvolle, freiwillige Selbstverpflichtung unter Liebenden, sondern auch eine von der Kirche und dem Staat vorgeschriebene, sogar erzwungene Verhaltensweise von ihren Mitgliedern bzw. Staatsbürger:innen. Treue spielt deshalb nicht nur in der Paarbeziehung eine Rolle, sondern sie wird auch von Soldat:innen und Bürger:innen gegenüber dem Staat, von Geschäftspartner:innen, von Gläubigen und überhaupt von jedermann, der sich »nach Treu und Glauben« im Rechtssystem bewegt, erwartet.

Wie problematisch es selbst in der Liebe ist, den Treuebegriff allein an der sexuellen Monogamie festzumachen, zeigen folgende Sachverhalte. Sind Ehepartner:innen, die sich weigern, mit dem jeweils andere:n Ehepartner:in zusammenzuziehen, mit ihm:ihr den Alltag zu gestalten, sich ihm:ihr zärtlich zuzuwenden, geschweige denn mit ihm:ihr geschlechtlich zu verkehren, dem:der anderen treu, nur weil sie aus religiösen Motiven oder psychologischen Gründen keine:n andere:n Partner:in haben? Wie ist es um die Treue des Ehemannes bestellt, der seine kranke Frau zu Hause lässt und mit seinen männlichen Kumpeln einen Mallorca-Urlaub unternimmt? Beide Fälle zeigen Beispiele auf, die nicht mit sexueller Untreue einhergehen, deren Beteiligten man aber dennoch eklatante Untreue unterstellen möchte, weil die zugewandte, liebevolle innere Haltung gegenüber dem:der Partner:in fehlt.

Treue beinhaltet eine bejahende innere Haltung

Treue ist demnach ein viel weitgehender Begriff als sexuelle Monogamie. Treue beinhaltet eine grundsätzlich bejahende innere Haltung der Beteiligten zueinander. Zwischenmenschliche Solidarität, Loyalität, Beistand und gegenseitiges Vertrauen sind ebenso grundsätzliche Aspekte von Treue wie die Bereitschaft, der Integrität der Beziehung zu ver-trauen, ihre Kontinuität zu geben sowie die Bedürfnisse des jeweils anderen zu erkennen und für diese einzustehen. Treu sein kann man demzufolge auch einem Kind, wenn man seine Individualität bejaht, bedingungslos zu ihm steht, es mit seinen höchstpersönlichen, zu ihm gehörenden Bedürfnissen wahrnimmt und loyal für diese einsteht, selbst wenn sie den Vorgaben und Erwartungen medizinischer, pädagogischer, gesellschaftlicher oder gesetzlicher Institutionen entgegenstehen.

Treue hat auch in Zusammenhang mit Kindern mit Vertrauen zu tun. Es beinhaltet konkret das Vertrauen darauf, dass der junge Mensch »richtig« ist, so wie er ist, dass in ihm bereits alles angelegt ist, was er braucht, um sich in dieser Welt zu bewegen und dass sich seine Entwicklung gemäß seines inneren Entfaltungsplans zur für ihn richtigen Zeit vollziehen wird. Ihm in diesem höchstpersönlichen und kreativen Entwicklungsprozess liebevoll zur Seite zu stehen, es gemäß seinen individuellen Bedürfnissen achtsam zu begleiten, es vor adultistischen Übergriffen zu schützen und notfalls aufrecht für es einzustehen, sind Akte der Treue. Wer das einzigartige Wesen eines Kindes erkannt hat, schließt die Vorstellung aus, dass es eine tabula rasa ist, also eine weiße Tafel, die erst beschrieben werden muss und die erst durch äußere Manipulation, Förderung, Therapie, Erziehung, Beschulung oder anderem externen Einfluss und Reizen zu ihrem Potential kommt. Stattdessen wird vertrauensvoll angenommen, dass das Kind gemäß seinen genetischen und geistigen Anlagen bereits ist, nicht werden muss. So wie die tiefe, bedingungslose romantische Liebe für einen Partner nicht danach trachtet, dass der jeweils andere sich erst noch ändert, er sich verbiegt und zu einem wünschenswerteren Sein gelangt, zeigt sich die Treue zum Kind in dem Vertrauen und der Überzeugung, dass sein Wert nicht davon abhängig ist, wie gut oder wie schlecht es externen Vorgaben und Normen entspricht, die seiner Einzigartigkeit unter Umständen nicht gerecht werden.

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