Lernen ohne Schule (Teil 1)

Das ABC des natürlichen Lernens sammelt und erklärt die wesentlichen Begriffe des Themas »Freilernen«.

Heidrun Krisa & Susanne Sommer

A wie Alltag

Es ist nicht ganz einfach, den Alltag einer Freilerner:innen-Familie zu beschreiben. Den Alltag gibt es nämlich gar nicht. Wie die einzelnen Familien, die jungen und älteren Menschen die Gemeinschaft gestalten, ist von Familie zu Familie grundverschieden. Was sie aber eint, ist die »viele verfügbare Zeit«. Das heißt nicht, dass es keine Termine gibt, keine Arbeitsverpflichtungen, aber es gibt gewöhnlich nicht die strenge, von außen auferlegte Struktur, die die Menschen frühmorgens aus dem Haus treibt und spätnachmittags wieder heimkehren lässt. Die Strukturen werden familien-individuell geschaffen, verhandelt und angepasst. So kann es einen Tag lang wild zugehen, während der nächste Tag zum Ausruhen reserviert ist. Einer Achtung der verschiedenen Bedürfnisse des:der Einzelnen lässt sich hier sehr gut nachkommen.

Generell ist es in Freilerner-Familien so, dass Eltern viel Zeit mit den ihnen anvertrauten jungen Menschen verbringen und sich an deren Interessen und Lernprozessen aktiv beteiligen. Ja, zumindest ein Elternteil ist verlässlich und verfügbar da. Denn eines ist Freilernen sicher nicht: ein Selbstläufer. Der Religionsphilosoph Martin Buber sagte einst: »Der Mensch wird am Du zum Ich«. Es braucht ein Du, ein Gegenüber, eine Umwelt, damit sich ein Ich entwickeln kann. Es braucht die präsente Aufmerksamkeit, das wirkliche Interesse und Einfühlen der Eltern bzw. Bezugspersonen, denn Freilernen hat nicht im Geringsten mit Laissez-faire oder Verwahrlosung zu tun. Die Verbindung, das Vertrauen zwischen den Bezugspersonen und den jungen Menschen ist durch die viele, qualitative Zeit meist sehr eng. Diese Voraussetzungen des Alltags machen es auch möglich, Kindern altersgerechte eigene Entscheidungen zu ermöglichen und zuzutrauen.

Adultismus

Adultismus bezeichnet die Diskriminierung eines Menschen ausschließlich aufgrund seines Alters. Sprich: Adultismus benennt ein ungleiches Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und jungen Menschen. Allein aufgrund der geringeren Lebenserfahrung werden den Jüngeren »allgemeine Eigenschaften« zugeschrieben wie Unreife, Unerfahrenheit, mangelnder Ernst, mangelnder Weitblick, Impulsivität, Unzuverlässigkeit etc.

Die Haltung, welche dem Freilernen zugrunde liegt bzw. liegen sollte, lässt sich mit Adultismus nicht vereinbaren, denn Freilernen ist mehr als der reine Wissenserwerb. Freilernen ist eine Lebenseinstellung, eine Haltung, die den jungen Menschen genauso ernst nimmt wie den älteren. Eltern, denen das Freilernen als Richtschnur dient, sehen in den ihnen anvertrauten jungen Menschen gleichwürdige Gegenüber. Menschen, denen sie gerne zuhören und deren Meinung sie hören und verstehen wollen, als »automatisches« Zeichen gegenseitigen Respekts. Oft ist dann das Argument zu hören, dass es nun aber einmal so sei, dass ein Machtgefälle zwischen Eltern und Kindern vorliege, dass das von der Natur so eingerichtet sei. Und ja, die Eltern sind die, die führen. Das heißt aber nicht, dass sie diese »Vormachtstellung« willkürlich einsetzen, um zu manipulieren oder ihre Macht missbrauchen. Ein Leiten schließt Respekt und Achtung voreinander nicht aus.

Auch wenn Eltern eine Beziehung auf Augenhöhe mit ihren Töchtern und Söhnen pflegen, können sie natürlich nicht verhindern, dass diese mit Adultismus in Berührung kommen. Gerade in klassischen Institutionen ist Adultismus an der Tagesordnung. Was Eltern aber tun können: ihre Kinder stärken, sie wahrnehmen, sie anhören, sie ihre eigenen Entscheidungen treffen lassen. An dieser Stelle sei erneut erwähnt: Einem jungen Menschen eigene Entscheidungen zuzutrauen, hat nichts mit Laissez-faire, mit Gleichgültigkeit zu tun. Die Eltern bzw. Bezugspersonen sind da, hören zu, besprechen, begleiten und reflektieren ihre eigenen Ängste und Glaubenssätze. Und da sind wir schon beim nächsten Begriff …

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