Lernen ohne Schule (Teil 2)

Freilernen – ein Begriff, der häufig viele Fragen offenlässt. Das ABC des natürlichen Lernens sammelt und erklärt die wesentlichen Begriffe des Freilernens.

Heidrun Krisa & Susanne Sommer

C wie Chaos

Das Wort »Chaos« bezeichnet alltagssprachlich einen Zustand völliger Unordnung oder Verwirrung. Unübersichtlichkeit. Strukturlosigkeit. Diese Etiketten werden gerne auch dem »Freilernen« umgehängt. Da heißt es schnell: Wenn die jungen Menschen nicht eine vorgegebene Struktur haben, dann sind sie orientierungslos. Dann verwildern sie. Dann gibt es Chaos. Wie so oft werden auch hier Hopfen und Malz miteinander vermischt. Denn um Laissez-faire geht es beim Freilernen keineswegs. Aber es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen aufgezwungener und mitgestalteter bzw. selbst gewählter Struktur. Die meisten Menschen, die sich für die Haltung des Freilernens entscheiden, entscheiden sich für Vertrauen. Sie vertrauen ihren jungen Menschen nicht nur, dass sie ihre eigenen Interessen und Talente entdecken und ausformen, sondern auch, dass sie sich selbst am besten spüren und wahrnehmen können.

Gern wird Freilernern das Chaos-Etikett angeheftet – zu Unrecht.

Deshalb ist es selbstverständlich, dass diese auch die Rituale und Strukturen, die sie betreffen (das Zubettgehen, die Körperpflege etc.), mitgestalten. Strukturen sind wichtig in der menschlichen Entwicklung und Gemeinschaft, ja sie werden von den Menschen selbst gesucht. Aber sie wollen und müssen sie nach ihrem eigenen Empfinden ausformen können und dürfen, anstatt äußeren Vorgaben unterworfen zu werden. So ist es ein Unterschied, ob Kinder um sieben Uhr abends im Bett sein müssen, weil es für die Erwachsenen der einfachste Weg ist oder ob der junge Mensch selbst seinen Rhythmus finden und aus sich selbst heraus erkennen darf, warum Schlaf wichtig ist und wie er diesem Grundbedürfnis am besten nachkommen kann. Beim Freilernen ist diese natürliche Entwicklung und Erhaltung des Wahrnehmens des eigenen Körpers und der eigenen Bedürfnisse möglich, weil keine starren Regeln von außen (wie zum Beispiel ein festgelegter Schulbeginn) einschränken und eingreifen. Sich nicht von in die eigene Erlebenswelt eingreifenden, gesellschaftlich akkordierten Strukturen einengen zu lassen, heißt nicht, keine Strukturen zu haben. Von Chaos kann hier keine Rede sein.

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