Die zauberhaften ersten Jahre?!

Ein Kommentar von Ruth Abraham

»Genießen sie es«, sagt eine Frau zu mir im Bioladen, damals, als ich mit einem Baby und einem Kind einkaufen ging.

Genießen sie es.

Sie sieht traurig aus. Als hätte sie selbst nicht genug genossen. Sie lächelt und streichelt mein schlafendes Baby. Und geht. Und ich stehe im Bioladen und habe vor Müdigkeit vergessen, warum ich überhaupt da hinwollte. Im Hinterkopf regt sich ein schlechtes Gewissen.

Wir kennen die Idee – genieß dein Kind gefälligst, du Döskopp. Genieße es, solange sie so klein sind. Die tapsigen Hände und Füße, die zarten Köpfe, das herzhafte Lachen. Das Kuscheln.

Gleichzeitig gibt es kaum etwas, was ungünstiger in unserer Gesellschaft aufgezogen ist als die Begleitung von Kleinkindern. Von Natur aus eher auf einen Betreuungsschlüssel von etwa vier Erwachsene auf ein Kind eingerichtet, ist das Kleinkind eine Kraft der Natur. Es schläft wenig oder verschiebt Schlafrhythmen, es hat Angst, es ist unsicher, es ist laut. Es braucht uns zur Regulation und unsere Hilfe und Voraussicht. Ständig. Dazu leben wir in Städten, die nicht kleinkindfreundlich sind und nach Uhrzeiten und Kalendern, die ihrem Rhythmus komplett widerstreben. Unsere Leistungsorientierung ist kaum vereinbar mit dem Drang eines Kleinkindes, eine halbe Stunde lang einen Käfer anzusehen.

Das ist, wie Evolutionsbiolog:innen und Soziolog:innen nicht müde werden zu betonen, nicht vereinbar. Ohnehin nicht, wenn eine Person mehrere Kinder begleitet. Oder gleichzeitig noch andere Stressoren hat, die sich in einer modernen Welt kaum kaum vermeiden lassen.

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