Bildungsgrenzen

Bildung, so heißt es, bedarf einer Beziehung zwischen Lehrperson und Lernenden. Ist dem so? Der Autor geht dem auf den Grund, und prüft, ob Lehrpersonen und Lernende systembedingt füreinander geschaffen sind.

Frank Schweizer

Michael Palin, ehemaliges Mitglied der Komikertruppe Monty Python, drehte in seinen späteren Jahren viele Reisedokumentationen für die BBC. Einmal besuchte er ein Zen-Kloster, in dem sich junge und alte Mönche versammelten, um nach Erleuchtung zu suchen. Palin fragte den Obersten des Klosters, was er denn – wenn er sich seinem Kloster anschließen würde – lernen könne. Die Antwort des Zen-Mönchs verblüffte den Engländer. »Woher soll ich denn wissen, was Sie hier lernen können?!«

In unseren Tagen scheint nichts wichtiger zu sein als Bildung und Lernen. Der harte Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt wird nicht mit Waffen und Äxten ausgefochten, sondern mit guten Zeugnissen, Nachweisen von Praktika und Bescheinigungen von Fort- und Weiterbildungen. Bildung boomt. Eltern geben laut dem Institut für Forschung- und Sozialökonomie jährlich eine Milliarde für Bildung aus. Eine gute Ausbildung zu besitzen, sehen viele als Sprungbrett zu einem abgesicherten Leben. Die »klassischen« Bildungskategorien dagegen wie Belesenheit, Anstand oder Konversationsvermögen spielen keine Rolle mehr. Wer noch weiter zurückgreift – zweihundert Jahre in die Zeit der Aufklärung, Klassik und der Romantik – findet einen fast vergessenen Bildungsbegriff. Der preußische Gelehrte und Humanist, Wilhelm von Humboldt, schrieb dazu: Der wahre Zweck der Menschen (…) ist die höchste und proportionierliche Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die unerlässliche Bedingung. Diese Epochen sahen in Bildung die Ausbildung von Innerlichkeit durch Lebenserfahrung und betrachteten das Ich als ein herrliches Kunstwerk, das nicht mit Hammer und Meisel, aber durch Bildung und Lernen aus rohem Stoff geschlagen wird. Die Ursprünge dieser Bildungsidee werden gemeinhin bei dem Mystiker Meister Eckhart aus dem 13. Jahrhundert gesehen, der »Bildung« als imago dei verstand, das Abbilden Gottes in der Seele des Menschen und die Bildung des Menschen nach Gott. Im Zentrum der Bemühungen in Klassik und Romantik stand noch keine Wirtschaft, die ein paar Ingenieure mehr braucht, um gegen die asiatische Konkurrenz bestehen zu können, sondern die Ambitionen des Autodidakten, der an der Vervollkommnung seines Ichs interessiert war. Schon längst steht dies alles im Ideenmuseum. Bildung ist schlicht zur Summe des abfragbaren Lernens geworden, die in bürokratischen Papieren wie Zeugnissen oder Teilnahmebescheinigungen kundgetan werden kann. Nicht umsonst wird das Ergebnis in dem recht populären Buch von Stefan Bonner als »Generation doof« verspottet. Jemand, der sich heute bilden will, muss eine längere Zeit seines Lebens eine Lehrer-Schüler-Beziehung akzeptieren. Der Transport von Wissen geht in der Schule oder entsprechenden Lehranstalten fast unvermeidlich über diese »Verknotung« zweier Menschen zu Bildungszwecken.

Schafft die Verbindung zwischen Lehrer und Schüler optimale Lernvoraussetzungen?

Dieses Dogma gilt es zu hinterfragen. Das klassische Lernmodell kann als Sender-Empfänger-Modell beschrieben werden. Der Lehrer »codiert« und »dosiert« die Informationen, die dem Schüler gesendet werden. Lernprobleme treten dann auf, wenn der Schüler nicht »richtig« auf »Empfang« geschaltet hat. Sie liegen in der Regel im Empfängermodul (Schüler), nicht in der Sendeanlage (Lehrer). Damit ist die klassische Lernsituation noch nicht abgedeckt, denn sie besitzt eine zweite Ebene, die des Transfers. Das bedeutet, dass der Schüler aus den empfangenen Daten die richtigen Schlüsse ziehen muss. Wenn dem Schüler dies nicht gelingt, dann wird er in der Regel als »untalentiert« oder gar »dumm« kategorisiert, denn dem Schüler obliegt es, die Intentionen des Unterrichtenden richtig zu deuten; »richtig« bedeutet hier gemäß den Denkziel-Vorgaben des Lehrers. Ein eigenständiges Urteil zu treffen, stellt nicht die Aufgabe des Schülers dar. Die Kontrolle des Lernstoffs, der aus Informationspaketen sowie aus zugeordneten Lernintentionen besteht, liegt vollständig in den Händen des Lehrkörpers.

Versteht der Schüler den Lehrer nicht, wird ihm unterstellt, dass es an ihm liege und er »untalentiert« sei.

Aus dem Kontrollbedürfnis des Lernfortschritts heraus entsteht nicht selten ein Kontrollwahn. Beispielsweise bestraft ein Lehrer einen Schüler, der seine Hausaufgaben nicht erledigt, mit Nachsitzen. Er soll dadurch lernen, dass jeder seine Hausaufgaben immer machen muss, was in der Erkenntnis mündet, dass ordentliches, zuverlässiges Arbeiten ein wichtiger Teil des späteren Erwachsenenlebens sein wird. Das könnte der Zögling hier durchaus erkennen. Doch auch ein anderes Szenario bietet sich an. Der Schüler lernt, er ist in einem autoritären, ja diktatorischen System gefangen, das ihn entmachtet sowie seiner Freiheit beraubt, dessen Sabotage er bei nächster Gelegenheit fortsetzen muss. Der irrige Glaube der Lehrer, didaktische Wirkungen kontrollieren zu können, lässt die Lehrer völlig blind gegenüber den realen Resultaten werden. Es ließe sich nun unken, dass das Einzige, was ein Schüler aus dem Lehrer-Schüler-Modell lernt, ist, dass Lernen unweigerlich an dieses Modell geknüpft ist. Meistens lernt er zusätzlich noch, dass Lernen keinen Spaß macht. Der ganze disziplinäre Strafkatalog inklusive der schlechten Noten soll Schüler dazu bewegen, bessere Leistungen zu zeigen, obwohl wohl jeder weiß, dass nichts demotivierender ist als vor der Klasse als »faul« dargestellt zu werden oder eine »Fünf« in einem Fach zu erhalten. Der Lehrplan des Deutschunterrichts sieht beispielsweise vor, den Schülern die deutschen Klassiker zu vermitteln. Das kann gelingen, doch die meisten werden wissen, dass oft nur »gelernt« wird, dass Klassiker – ja Bücher an sich – langweilig sind, was bedeutet, im weiteren Leben einen großen Bogen um sie zu machen.

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