Lernen ohne Schule (Teil 4)

Freilernen – ein Begriff, der viele Fragen offenlässt. Das ABC des natürlichen Lernens sammelt und erklärt die wesentlichen Begriffe des Freilernens.

Heidrun Krisa & Susanne Sommer

G wie Gleichwürdigkeit

Wir alle kennen den Satz »Die Würde des Menschen ist unantastbar« und erkennen damit an, dass wir die Würde eines anderen Menschen achten. Das gilt für Menschen jeden Alters und setzt voraus, dass wir uns unserer eigenen Würde bewusst sind. Es bedeutet, dass wir uns in unserem Leben als respektierte Subjekte wahrnehmen, dass wir uns aus uns selbst heraus wertvoll und bedeutsam fühlen und Gestalter unseres Alltags sind. Genau diese wichtigen Erfahrungen brauchen junge und heranwachsende Menschen, um ihrerseits andere Menschen respektvoll und gleichwürdig zu behandeln.

Deshalb ist es so wichtig, dass sie diese würdevollen Erfahrungen in ihrem Alltag machen können. Das Freilernen unterstützt diesen Prozess, indem jungen Menschen zugetraut wird, dass sie ihre Schritte in eigenem Tempo machen und nicht zu Objekten von Vorstellungen, Absichten, Bewertungen und Maßnahmen von Erwachsenen werden. Der junge Mensch erlebt sich selbst als Gestalter seines Lernprozesses und hat gleichzeitig die Möglichkeit, ein Bewusstsein für seine Würde als vollwertiger Mensch zu entwickeln. Junge Menschen, die sich selbst so erleben dürfen, haben nicht das Verlangen, andere Menschen abzuwerten oder auf deren Kosten ihren eigenen Erfolg zu verwirklichen.

Sie sind vielmehr gewohnt, mit allen Menschen auf Augenhöhe zu sprechen und deren jeweilige Bedürfnisse ernst zu nehmen. Darin liegt ein großes Potential für unsere Gesellschaft, um auf wunderbare Art und Weise die Entwicklung und Eskalation von Ausgrenzung und Diffamierung in so vielen Bereichen stoppen zu können. Junge Menschen, die sich ihrer Würde bewusst sind, werden nicht zu willenlosen und willfährigen Adressaten einer entgleisten Konsumgesellschaft, sondern können bewusst und selbstverantwortlich entscheiden, was für sie wichtig und wertvoll ist. Sie brauchen Defizite nicht mit Konsumieren kompensieren und werden sich stattdessen für echte Werte in unserer Gesellschaft einsetzen.

Wer respektvoll und gleichwürdig behandelt heranwächst, behandelt andere ebenfalls mit Respekt und Würde.

G wie Gewalt

Gewalt macht nie etwas Gutes, das ist uns allen bewusst. Dennoch ist sie in unserem Alltag allgegenwärtig. Immer dann, wenn Menschen zu etwas gezwungen werden, was für sie nicht passt, ist Gewalt im Spiel. Manchmal kommt sie sehr subtil daher und versteckt sich hinter manipulativen Verhaltensweisen. Auch dadurch werden Menschen gegen ihren ausdrücklichen Willen zu etwas veranlasst, was sie freiwillig nicht tun würden. Warum ist das so? Warum leben wir in einer Gesellschaft, in der Gewalt gegen Menschen akzeptiert ist? »Weil es schon immer so war«, kommt mir als Antwort in den Sinn.

Tatsächlich werden schon unsere Jüngsten einem Alltag untergeordnet, der ihre wichtigen Bedürfnisse nach Individualität, Ruhe, Forschergeist, Zugehörigkeit und Beständigkeit verletzt. Allzu oft werden sie aufgeweckt, ihre Bezugspersonen wechseln plötzlich und sie werden aus den Tätigkeiten gerissen, in die sie gerade vertieft sind. Ja, auch das ist Gewalt. Sie setzt sich fort, wenn junge Menschen öffentlichen Lehrplänen unterworfen werden, die nichts mit dem zu tun haben, was sie wirklich interessiert. Wenn über viele Jahre hinweg Tempo und Themen aufgezwungen werden und mittels Bewertung mit dem Selbstwertgefühl des jungen Menschen verknüpft werden, dann verliert dieser Mensch das Gefühl für sich selbst. Er ist selbst nicht mehr in der Lage zu spüren, was ihm guttut, was ihn interessiert und was er mit seinem Leben anfangen möchte.

Er ist entwurzelt und seiner selbst entfremdet. Ist nicht genau das, das große Problem unserer Zeit? Jungen Menschen, die als Freilerner aufwachsen, bleiben diese traumatischen Erfahrungen erspart. Sie folgen idealerweise ihren eigenen Impulsen und erschaffen sich ihr Wissen und ihre Begeisterung von selbst. Diese Menschen sind nicht Opfer der üblichen strukturellen Gewalt, und sie werden dadurch auch keine Täter! Sie unterbrechen den Teufelskreis und sind die Samen für ein neues, konstruktives Zusammenleben.

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