Abschied von der »Kindheit«: Für einen Neubeginn im Umgang mit Menschen unter 18 Jahren

Was verbirgt sich hinter den Kulissen des Konzepts der »Kindheit«? Ein Exkurs in Geschichte und Gegenwart – für einen Blick in und Hoffnung für die Zukunft.

Leslie Barson

Es hieß, die neoliberale Agenda habe die Bildung zu einer Handelsware gemacht, indem sie sie zu einer erforderlichen professionellen Praxis habe werden lassen, die vom Staat zu beziehen sei. Zum Beispiel äußerte sich Ivan Illich über die Bildungsindustrie wie folgt: Seitdem die Schulbildung zur Pflicht erhoben wurde () erfordern Lernen und die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten den Anspruch einer zu konsumierenden Dienstleistung, die geplanter, serienmäßiger, professioneller Gestaltung bedarf; () Lernen wird zu einem Gegenstand, ist keine Aktivität mehr. Ein Gegenstand, der angehäuft und gemessen werden kann, dessen Besitz ein Beweis der Produktivität eines Individuums in der Gesellschaft ist.

Die Bildungsindustrie

Die Bildungsindustrie setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen, wobei der Unterricht überwiegt. Um sie für das Erwachsenenleben vorzubereiten, werden Menschen unter 18 angehalten, einen Großteil ihrer Wachzeit im Unterricht zu verbringen. Über den täglichen Schulunterricht hinaus gibt es zusätzliche Kurse, Nachhilfe, weiterführende Bildungsaktivitäten in jedem vorstellbaren Bereich eines »normalen« westlichen Lebens, alles als unentbehrlich für eine zukünftige Arbeit dargestellt.

Ein weiteres Element der Bildungsindustrie ist die Medikalisierung der Menschen unter 18. Statistiken der nationalen Gesundheitsbehörde in Großbritannien zeigen, dass sich die Ritalin Rezepte für Kinder ab drei Jahren zwischen 1999 und 2010 vervierfacht haben.

Tests und Prüfungen, auch Elemente der Bildungsindustrie, haben sich in den letzten 20 Jahren vermehrt. »Englische Kinder sind die meistgeprüften in der industrialisierten Welt …; Der durchschnittliche Schüler wird im Laufe seiner Schullaufbahn mindestens 70 mal getestet.«

Was ist Kindheit?

Diese Interessen und Einstellungen sind in das Verständnis von »Kindheit« geflossen. Kindheit ist ein komplexes Konzept. Es wird definiert als ein Zeitabschnitt, in dem eine bestimmte Altersgruppe »besonderer Pflege und Schutz bedarf, (…) die sich qualitativ von denen Erwachsener unterscheidet«, und ist eine ziemlich moderne Vorstellung. Dieser »qualitative« Unterschied hat zur Folge, dass Kindheit angesehen wird als eine »Art ummauerter Garten, in dem Kinder, die ja klein und schwach sind, vor der Härte der Außenwelt geschützt werden, bis sie stark und schlau genug sind, mit ihr zurecht zu kommen«. Dieser »ummauerte Garten« kann ein geschützter Raum sein, doch selbst dieses gutgemeinte Argument ist problematisch: Die Kosten der Wahrung des Ideals einer glücklichen Kindheit sind hoch, nicht so sehr finanziell wie in den Schutzbarrieren, mit denen Kinder umgeben werden, und die unter Umständen ihr Glück einschränken. Dieser »ummauerte Garten« kann eher einem Gefängnis gleichen, in dem die Person über kaum oder gar keine Selbstbestimmung verfügt, und Demütigung sowie Bevormundung zum ganz normalen Alltag gehören.

Die Bildungsindustrie setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen, wobei der Unterricht überwiegt.

Das Kindeswohl

Es gibt zwei Unterdrückungsmittel, die dazu dienen, Regelwerke und Gesetze zu legitimieren, die diese Altersgruppe in den »ummauerten Garten« verbannen. Das erste ist »das Kindeswohl«, das in England und Wales durch den Childrens Act 1989 gesetzlich festgelegt wurde. Dieses Gesetz vereint privates und öffentliches Familienrecht in einem Rahmen von Prinzipien, die Entscheidungen über Menschen unter 18 betreffen. Eines dieser Prinzipien besagt, dass die Interessen der Menschen unter 18 in allen Entscheidungen, die ihr Wohl betreffen, unbedingt gewahrt werden müssen. Die dazugehörige Kindeswohl-Checkliste benennt die Elemente, die das Kindeswohl ausmachen (Rights and Interests of Children, 2014; zu Deutsch: Rechte und Interessen der Kinder). Diese sind schlecht definiert und lassen einen weiten Interpretationsspielraum zu, der den sogenannten Sozialarbeitern und dem (CAFCASS) (zu Deutsch: Beratungsdienst für Kinder- und Familienrechtsangelegenheiten) zugutekommt. Aufgabe von Letzterem ist, »das Gericht in den Angelegenheiten des Kindeswohls« zu beraten.

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