Freie Kommunikation als Quelle des Lernens

Sudbury-Schulen arbeiten nach einem einfachen Konzept: Die Schüler sind frei, ihr eigenes Leben zu führen und eigenes Lernen zu gestalten. Sie bewegen sich lediglich innerhalb der Grenzen, die durch die demokratische Selbstverwaltung der Schüler selbst gesetzt werden. Warum sind diese Schulen derart effektive, lebendige und dynamische Lerngemeinschaften? Was befähigt den Einzelnen, sich zurecht zu finden? Ein Erfahrungsbericht eines Schülers.

Michael Sappir

Ich bin in Jerusalem aufgewachsen. Obwohl ich gut mit meinen Lehrern zurechtkam, war ich an der Grund- und Mittelschule unglücklich – bis meine Mutter und ich von der Sudbury-Gründungsgruppe hörten, die Freunde unserer Familie ins Leben gerufen hatten. Wir beide beteiligten uns an der Gründung der ersten Schule dieser Art in Jerusalem, heute als Sudbury Jerusalem bekannt. In meinen vier Jahren als Schüler dort war ich stark in der Schulverwaltung involviert. Bis ich im letzten September nach Deutschland zog, beteiligte ich mich regelmäßig an der Öffentlichkeitsarbeit der Schule.

Meine Schule

Heute ist Sudbury Jerusalem – an der meine Schwester gerade ihren Abschluss macht und mein Bruder jeden Tag aufs Neue zufrieden hingeht – in ihrem sechsten Jahr. Über 80 Schüler sind an der Schule angemeldet. Sie musste im vergangenen Sommer in ein neues, größeres Gebäude ziehen – um Platz für mehr Schüler zu schaffen. Die Schule wächst stetig, und wenn ich die aktuelle Schülerzahl benennen müsste, könnte sie bereits überholt sein, wenn dieser Artikel in den Druck geht. Bis jetzt ist die Schule nicht von den Israelischen Behörden anerkannt, obwohl schon im ersten Schuljahr eine juristische Auseinandersetzung mit den Behörden begann.

Müßiges Geschwätz

Nach meinem Schulabschluss habe ich meine ehemalige Schule einige Male besucht – manchmal für ganze Schultage. Jedes Mal, wenn ich Sudbury Jerusalem besuche – oder irgendeine andere Sudbury-Schule – beeindrucken mich die vielen Gespräche, die rings um mich stattfinden. Frei zu gehen, wo sie hingehen wollen, frei zu tun, was sie tun wollen – ohne Unterbrechung oder Einmischung – sind die Menschen im gesamten Schulhaus in ständiger Bewegung.

Wo immer ich hinblicke, sehe ich Menschen in Gesprächen: In der Küche sitzen einige Teenager und unterhalten sich energisch, »beschweren« sich ironisch über den »Mangel« an Freizeit oder führen eine hitzige politische Diskussion. Woanders spielt mein elfjähriger Bruder mit anderen Kindern ein neu erfundenes Spiel – einige davon sind erst sechs Jahre alt, andere bereits zwölf bis 13. Die Auseinandersetzungen bezüglich der Spielregeln können über den ganzen Hof gehört werden. Im Schulbüro arbeitet die Schriftführerin der Schulversammlung an der Tagesordnung der nächsten Versammlung, während sie geistesabwesend mit einer Freundin über ihre Wochenendpläne spricht. Beide sind Mitarbeiter. Als ein kleines Mädchen herein gerannt kommt und verzweifelt bittet, ihr beim Schreiben zu helfen, schreibt die Schriftführerin weiter, ihre Kollegin schnappt sich einen Stift und verlässt mit dem Mädchen den Raum.

Von den Kleinsten lernen

Ich halte freie Kommunikation für den Lebenssaft einer gesunden Sudbury-Schule. Die Mitarbeiter stülpen den Schülern nicht ihre Wünsche und Erwartungen über – es wird erwartet, dass die Schüler sich an die Mitarbeiter wenden, wenn sie diese brauchen. Viele Schüler benötigen die Hilfe der Mitarbeiter viel weniger als gemeinhin angenommen wird. Oft verlassen sich die jüngeren Schüler auf die Hilfe der älteren Schüler – von denen viele ausgesprochen froh sind, ihren jüngeren Mitschülern helfen zu können.

Ich persönlich bin dankbar für die Chance, mit kleineren Kindern Umgang gehabt zu haben. Für fast vier Jahre war ich verantwortlich für die Computer der Schule. Oft musste ich die komplizierten Regeln im Umgang mit den Computern denjenigen erklären, denen sie nicht bekannt waren. Häufig waren die Interessierten halb so alt wie ich. Um kleinen Kindern etwas Kompliziertes zu erklären, musste ich lernen, meine Gedanken einfacher und direkter zu formulieren. Ich musste lernen, in einer leicht verständlichen Art und Weise zu sprechen. Eine wertvolle Lektion für mich: Sie verbesserte mein Schreiben, mein Sprechen, sie klärte mein Denken und machte meine Beweisführung gewandt und flexibel. Ich scheue mich nicht zuzugeben: Ich war nicht immer begeistert, wenn die Kleineren mich suchten, um mir Fragen zu stellen oder mich um Hilfe zu bitten. Aber ich lernte, geduldig zu sein. Ich schulde meinen kleinen Mitschülern eine Menge für all das, was ich von ihnen lernen durfte. Das wäre ohne eine Umgebung, in der freie Kommunikation stattfindet, nicht möglich gewesen. Diese Interaktionen waren nicht nur für mich persönlich segensreich – sie erlauben es der ganzen Schule zu funktionieren.

Morgens im Gemeinschaftsraum

Spontane Gespräche scheinen Lernen auszulösen. Gespräche sind der Schlüssel zum Lernen, wie es an Sudbury-Schulen funktioniert. Was ich von den jüngeren Schülern gelernt habe, ist keine einzigartige Erfahrung meinerseits, und weder selten noch unüblich. Ich habe viele lieb gewonnene Erinnerungen aus dem Gemeinschaftsraum, dem Herzen des Schulgebäudes. Fast jeden Morgen lassen sich eine Handvoll Schüler und ein oder zwei Mitarbeiter schläfrig auf den vielen Sofas des Gemeinschaftsraums nieder. Üblicherweise haben einige von ihnen verschiedene Teile der Tageszeitung in der Hand, und irgendjemand hält sich fast immer an einer Tasse Kaffee fest – in der Hoffnung, dabei aufzuwachen. Häufig war ich das.

Der Gemeinschaftsraum war oft gefüllt mir heftigen Diskussionen. Politik – in Israel immer ein heißes Thema durch die kontroversen Meinungen – war nicht selten Gegenstand der Unterhaltungen. Alles Mögliche konnte zur Sprache kommen, und in einer halben Stunde konnten leicht fünf verschiedene Themen aufkommen. Manchmal war ein Thema durch und anschließend vergessen. Andere Male entflammte die Diskussion immer und immer wieder während der folgenden Wochen. Gedanken, die in einer schläfrigen Morgendiskussion entstanden waren, wuchsen oft zu etwas Größerem: Eine Suche voll von Entdeckungen auf Wikipedia, ein ambitioniertes Projekt, ein Vorschlag für eine neue Schulregel.

Die Freiheit zu sprechen, mit wem ich will, wann immer ich möchte, worüber ich will, ist eine nie versiegende Quelle des Lernens. Leider kann ich nicht all die verschiedenen Ideen aufzählen, die aus diesen Unterhaltungen erwuchsen. Die Beispiele können nur einen kleinen Ausschnitt davon zeigen, welche Arten von Gesprächen in Sudbury-Schulen durch uneingeschränkte Kommunikation entstehen können. Und wenn diese müßiggängerischen Gespräche ungestört ihren Lauf nehmen dürfen, können sie zu überraschend tiefen und ernsten Diskussionen führen – Diskussionen, die oft zu einem erweiterten Horizont und neuen Interessensgebieten führen.

Gespräche über den Lauf der Welt führen oft zu Projekten seitens der Schüler.

Freiheit, de facto

Es ist nicht nur die Freiheit, mit wem und worüber jemand sprechen möchte, an der sich die Schüler erfreuen. Tatsächlich jedes Projekt durchzuführen, das sie interessiert, ist der Hauptgrund dafür, dass freie Kommunikation an Sudbury-Schulen möglich ist. Diese Freiheit ist für die beschriebenen tiefen Diskussionen essenziell. Um das zu begreifen, ist es notwendig zu verstehen, wie diese Freiheit funktioniert: Sie ist keine bloße Formalität. Von den Schülern wird tatsächlich erwartet, dass sie selbst entscheiden, was sie tun wollen – nicht etwa nur aus dem auszusuchen, was andere von ihnen erwarten könnten.

Eine Physikklasse an einer Sudbury-Schule ist nicht wichtiger als ein Fußballspiel. Wenn ich Fußball mag, könnte ich den ganzen Tag Fußball spielen, jeden Tag. Ich würde keine scheelen Blicke von den Mitarbeitern oder meinen Mitschülern dafür ernten. Ich persönlich mag Fußball nicht, aber zwei Bereiche haben immer schon meine Fantasie beflügelt und mich fasziniert: Sprachen und Spiele. Genauer formuliert: Die Struktur und Entwicklung von Sprachen, und die Gestaltung und die Herstellung jeglicher Art von Spielen. Während meiner Jahre an Sudbury Jerusalem arbeitete ich an fünf oder sechs verschiedenen Projekten bezogen auf Spielgestaltung und Linguistik (normalerweise getrennt voneinander). Auf den ersten Blick war fast jedes dieser Projekte reine Zeitverschwendung: Nicht eins davon hat bis heute ein Endprodukt hervorgebracht.

Als ich mich beispielsweise entschied, ein phonetisches Alphabet für meine Muttersprache – amerikanisches Englisch – zu kreieren, war ich für drei Tage sehr aufgeregt, bis ich feststellte, dass dieses Projekt völlig unmöglich war. Ich habe sicherlich mindestens zehn oder 15 Stunden konzentrierter Arbeit über diese drei Tage hinweg – sowohl zu Hause als auch in der Schule – investiert. Sicher haben mich einige amüsiert angeschaut, einige Freunde fragten mich, was denn der Sinn dieses Projekts sei, aber ich hatte Spaß, also blieb ich dabei. Als ich merkte, dass ein einzelnes phonetisches Alphabet im besten Fall nur die Aussprache der Sprache einer Person erfassen kann, hörte ich auf.

Zurückblickend, bin ich überrascht, wie viel mich dieses Projekt gelehrt hat. Über die offensichtliche Lektion hinaus – Englisch ist keine phonetisch zu schreibende Sprache – lernte ich sehr viel über Phonetik, über die Englische Sprache, und über das Verstehen von Problemen. Und diese »zwecklos« erscheinenden Projekte veranlassten niemanden, mich auszuschließen oder mich weniger ernst zu nehmen. Zu wissen, dass ich zu jedem Moment frei war zu gehen und knietief in etwas zu waten, worüber gerade gesprochen wurde, erlaubte mir, mich auf tiefe, bedeutsame Diskussionen einzulassen. Niemand in der Schule versuchte mich zu bremsen. Nichts wurde willkürlich bestimmt wichtiger zu sein als das, worüber gesprochen wurde. Ich war frei zu fragen, zu diskutieren, zu streiten, bis mein Interesse befriedigt war, bzw. bis mein Gesprächspartner es satt hatte und ging.

Meine Freunde, die Mitarbeiter

Mitarbeiter und Schüler sprechen genau so frei wie Schüler untereinander. Das ist bemerkenswert und sehr wichtig für die gesamte Dynamik der freien Kommunikation an Sudbury-Schulen. Ein Mitgründer und Mitarbeiter an Sudbury Jerusalem verkündet Neuankömmlingen gern laut: »Wir haben kein Lehrerzimmer – wir müssen nicht vor unseren Kindern flüchten. Wir lieben Kinder!« Und das ist offenkundig im Schulalltag. Die Mitarbeiter werden als Ressource für die Schule eingestellt, verfügbar für die Schüler. Wenn sie nicht zu beschäftigt sind, verbringen die Mitarbeiter ihre Zeit auf dieselbe Weise wie die Schüler, die nicht zu beschäftigt sind: herumsitzen, abhängen, ausruhen, quatschen. Sie versuchen niemals vor den Schülern zu flüchten.

Viele Kinder ziehen es vor, möglichst viel selbst zu tun, um unabhängig zu sein. Oft war ich genau so. Aber immer, wenn ich eine schwierige Entscheidung zu treffen hatte, immer wenn mich etwas wirklich beschäftigte, immer wenn ich jemanden zum Reden brauchte, wusste ich: Die Mitarbeiter sind für mich da, offen für meine Fragen und bereit, zuzuhören und zu helfen. Ich betrachte sie auch heute noch als meine Freunde – sowohl die, die von Beginn an dabei waren und mit denen ich die Erfahrung teile, die Schule gegründet zu haben, als auch jene, die wir später einstellten. Während der Gründungsphase lernte ich, sie als meine »Peers« zu betrachten. Die Art und Weise, in der sie mich ehrlich und gleichwertig behandelten, war allerdings nicht unüblich an der Schule. Ich habe miterlebt, wie sie diesen Ansatz auf Schüler jeden Alters übertrugen.

Recht schnell vertraute ich der Offenheit und Ehrlichkeit der Mitarbeiter, und dem Fakt, dass sie mich nicht beurteilen würden wollen. Das bedeutet vor allem, dass ich keine Angst hatte, mich an sie zu wenden. Aber auch, dass ich wirklich zuhörte, wenn sie sprachen. Es war nicht „irgendein Lehrer“, der mit mir sprach – es war mein Freund. Ihre ehrlichen Bemerkungen bleiben mir mehr in Erinnerung als alles andere, an was ich mich von den Lehrern anderer Schulen erinnere, die ich zuvor besucht hatte. Jeder einzelne Mitarbeiter an der Sudbury Jerusalem war ein Lehrer für mich, im wahrsten Sinne des Wortes. Mir wurde die Möglichkeit gegeben, sie zu sehen, mit ihnen zu reden, sie wirklich kennen zu lernen – fähige, erwachsene Menschen. Das lehrte mich mehr, als jede Klasse oder Vorlesung es tun könnte.

Zusammenfassend

Es ist mir schon lange klar, dass ich Sudbury-Schulen helfen und sie voranbringen will, und dass, wenn es so weit ist, ich mir für meine eigenen Kinder keine andere Schule vorstellen kann. Ich denke, alle Kinder sollten dieselbe Freiheit der Selbstbestimmung genießen, wie ich sie an Sudbury Jerusalem hatte – die Freiheit, die alle Erwachsenen genießen. Ich stelle fest: Eine zentrale Komponente dieser Freiheit ist eine Umgebung, die es erlaubt, zu jeder Zeit, über jedes beliebige Thema, mit einem frei gewählten Gesprächspartner reden zu können. Eine weitere Komponente ist die Zeit und die Möglichkeit, nicht nur Ideen zu diskutieren, sondern sie auch weiterzuverfolgen. Es wird mir immer klarer, dass freie Kommunikation eine treibende Kraft für Freiheit und eine Quelle dafür ist, aus eigener Kraft zu schöpfen und Eigenverantwortung zu lernen.

Ich hoffe, dass eines Tages Umgebungen wie Sudbury Jerusalem alltäglich sind und jeder die Möglichkeit hat, diese Vorteile zu genießen.

erstmals erschienen im unerzogen Magazin 1/09

Rena Green – Sudbury Jerusalem

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