Leben und Lernen zwischen Mehrheitsbeschluss und Individualität

Darf man den Flohwalzer verbieten? Kann man zu jung für einen Schulabschluss sein? Ein Besuch an der Neuen Schule Hamburg.

Jan Kasiske & Nicola Kriesel

Kinder, Jugendliche und Mitarbeitende treffen sich bereits am Bahnhof in Rahlstedt und fahren im gleichen Bus zur Schule. Hier findet also unter einigen schon der erste Kontakt eines Schultages statt. Verspätete Geburtstagsglückwünsche werden ausgesprochen und Fragen nach dem werten Befinden gestellt.

Da steht sie nun also, die Villa im Park, über die schon so viel geschrieben worden ist: Die Neue Schule Hamburg.

Wir sind zu Besuch und der beginnt, bevor er beginnt: Aushandlungsprozesse mit den Komitees, die gerne möchten, dass wir zweimal kommen – einmal zum Vorstellen, und einmal zum Besuchen. Wir sagen, dass wir das nicht leisten können, dass wir uns aber gerne auf ihre Prozesse einlassen und fragen, ob sie beides vielleicht mal an einem Tag machen könnten.

Der tägliche Teamtreff

Kurz vor neun Uhr kommen wir an der Neuen Schule Hamburg an, im Eingangsbereich gibt es einen großen Bildschirm mit dem Tagesplan: Was ist wann wo los? Welche Besonderheiten gibt es? »Interviews mit Nicola und Jan« steht da heute für elf bis 15 Uhr. Die Themen der dienstäglichen Schulversammlung sind ebenfalls zu lesen. Unterhalb des Bildschirms steht ein Computer, an dem die Schülerinnen und Schüler sich anmelden. Und sich am Nachmittag wieder abmelden. Daniela Schaal, eine Mitarbeiterin seit der ersten Stunde vor drei Jahren, erklärt uns, dass die Kinder und Jugendlichen die Verantwortung für ihre eigene An- bzw. Abmeldung haben. Im Sekretariat laufen die Krankmeldungen ein und es findet ein Abgleich statt. Um neun Uhr trifft sich das Team der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Büro (Sekretariat), heute ist es nur eine kleine Runde von sechs Leuten, da eine Grippewelle die Schule ergriffen hat. Vor einigen Tagen haben noch 45 Schüler und Schülerinnen gefehlt, langsam wird es wieder voller. Im Teamtreff wird kurz besprochen, was heute ansteht: Prüflingsvorbereitung, Stop-Motion-Filme weitermachen, Kochen, weil die Lehrerin, die die Schülerkochgruppe begleitet krank ist, neues Bandprojekt weiter betreuen, englischen Pokemonfilm zeigen. Auf was zu achten ist: Spüldienst neu erfragen, denn die Leute, die heute dran wären, sind krank. Wäsche muss aufgehängt werden, die Gelbe Tonne muss auf die Straße gestellt werden. Wer ist heute schon krankgemeldet? Immer noch ca. zwanzig Leute.

Nebenan klimpert das Klavier, es wird der Flohwalzer gespielt. Im Büro gibt es Augenrollen: Es hat einen Schulversammlungsbeschluss gegeben, dass es nicht mehr erlaubt ist, den Flohwalzer zu spielen.

Die Mentorengruppen

Um 9:10 Uhr treffen sich die Mentorengruppen. Jeder Schüler und jede Schülerin suchen sich zu Beginn der Schulzeit aus den Mitarbeitenden eine Mentorin bzw. einen Mentor aus. In diesem finden die Schüler Unterstützung für die Gestaltung ihres Lernweges und haben eine erwachsene Vertrauensperson. Diesen Mentor können die Kinder und Jugendlichen über ihre gesamte Schulzeit behalten, und sie haben auch die Möglichkeit zu wechseln. Dafür muss ein Antrag an die gewünschte Mentorengruppe gestellt werden, es gibt eine Probezeit in der Mentorengruppe in die der Schüler wechseln will und diese entscheidet danach per Mehrheitsbeschluss, ob die antragstellende Person kommen darf. Solche Prozesse werden auf der emotionalen Ebene von den Erwachsenen intensiv begleitet.

Schöne und stilvolle Villa im Park: Die Neue Schule Hamburg.

Das Schulleben im Haus in Rahlstedt verteilt sich über vier Ebenen. Um für wichtige Durchsagen und Erinnerungen wirklich alle 80 Menschen dort erreichen zu können, gibt es eine Lautsprecheranlage. Diese wird auch genutzt, um nun an die Treffen in den Mentorengruppen zu erinnern, die jeden Morgen für zwanzig Minuten stattfinden.

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