Starke Pflanze im Grünen Dorf

Nimrod ist froh, weil die Erwachsenen hier so normal sind. Gini freut sich, dass sie in Ruhe gelassen wird. Und Anakin Skywalker läutet zur Pause. Ein Tag an der Demokratischen Schule Makom Ligdol in Tel Aviv, Israel.

Jan Kasiske

»Obama won the elections«, begrüßt der elfjährige El Ad die Mentorin Meital Herskovits und mich, als wir um halb acht aus dem Auto steigen und den Hof betreten. Die landestypische rote Lehmerde und die flachen, gelb getünchten Baracken prägen das Äußere der Schule im Stadtteil Green Village im Nordosten von Tel Aviv. Auf dem Kibbuz-ähnlich bewachten Campus von Green Village befinden sich ein Elitegymnasium, eine staatliche Oberschule, eine Religionsschule und einige kleine Firmen, die alle nichts miteinander zu tun haben. Makom Ligdol liegt am äußersten Rand und hat drei kleine Häuschen, in denen früher Familien wohnten.

Die Schule gibt es seit vier Jahren an diesem Standort, und sie wächst stetig: »Heute sind hier 65 Kinder in drei Altersstufen und seit Jahresbeginn auch noch 25 Kitakinder in unserem neuen Kindergarten«, verkündet Meital Herskovits stolz.

Sie studierte bei Yaacov Hecht, dem Begründer der Demokratischen Bildung in Israel, am Institut für Demokratische Bildung in Tel Aviv und gründete diese Schule zusammen mit der heutigen Leiterin Adi Eyal Sela, mit der sie eng befreundet ist.

Heute arbeiten sechs Mentoren und fünf Lehrer hier. Die Mentoren begleiten und unterstützen die Schüler individuell bei ihren Lernprozessen. Sie machen auch eigene Angebote. Meital Herskovits beispielsweise betreut das Kunstatelier und fördert leidenschaftlich Origami.

Von Anfang an hat mich diese Schule in ihren Bann gezogen. Diese Lebensfreude bei allen, denen ich begegne, diese Klarheit bei dem, was die Einzelnen hier wollen, und die Offenheit mir gegenüber, faszinieren mich. Ich habe am Ende des Tages um 14 Uhr bereits das Gefühl, fest dazu zu gehören, als hätte ich hier schon lange gearbeitet.

Makom Ligdol ist Hebräisch und heißt: ein Ort zum Wachsen.

Der Tagesablauf

Ab sieben Uhr ist die Schule geöffnet, um 8:15 Uhr beginnen die Mentoren den Tag mit ihren Schülern in einer Morgenrunde. Heute gibt es eine Vorstellungsrunde, nachdem ich auf Englisch sagen durfte, wer ich bin und warum ich hier bin. Die 13 Kinder aller Jahrgänge, für die Meital Herskovits als Mentorin zuständig ist, sind neugierig und aufgeregt. Ich auch. Der Mathematiklehrer ist heute krank, die Tagesordnung für die Schulversammlung am Freitag hat noch Platz und einen Geburtstag gibt es in der Morgenrunde zu feiern.

Dann schwärmen die Kinder zu ihren Aktivitäten aus. Manche haben Unterricht von 8:45 Uhr bis 9:30 Uhr, andere spielen draußen oder bereiten etwas in einem freien Raum, dem Atelier oder der Bibliothek vor. Parallel werden immer bis zu vier Unterrichtsangebote gemacht, für die die Kinder sich in den ersten vier Wochen in jedem Halbjahr verbindlich entscheiden – Ausnahmen gibt es immer, aber: die Kinder, die hier sind, wollen gerne an Kursen teilnehmen. Der Unterricht ist sehr gruppenbezogen und individuell auf die Möglichkeiten und Wünsche der Kinder abgestimmt.

Artikel weiterlesen?

Kauf die aktuelle Ausgabe oder schließ ein Abo ab, um alle Ausgaben zu lesen.

Du bist bereits Abonnent oder hast das Heft gekauft und besitzt ein Benutzerkonto?