Demokratische Schulen in Deutschland am Beispiel der Demokratischen Schule X

Demokratische Schulen zeichnen sich durch zwei Grundsätze aus: Erstens durch das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und selbstbestimmtes Lernen und zweitens durch das Recht auf gleichberechtigte Teilnahme an Entscheidungen im Schulalltag. Seit 2010 sammeln Menschen an der Demokratischen Schule X in Berlin-Reinickendorf Erfahrungen mit der Umsetzung dieses Konzepts.

Uta Schilling

Über 10 Jahre Demokratische Schulen in Deutschland – das ist weit mehr als eine Aneinanderreihung von Zahlen und Ereignissen. Es sind die Menschen und ihre Lebenswege, die dahinterstehen. Meine Tochter geht im zweiten Schuljahr an die Demokratische Schule X (DSX) in Berlin. Immer wieder hört sie von anderen Kindern Kommentare wie: »An deiner Schule lernt man doch gar nichts«. Sie nimmt es meist gelassen. »Ich lerne eben, was ich will«, antwortet sie dann selbstbewusst. Auch ich möchte an dieser Stelle versuchen, der Antwort auf solche und ähnliche skeptische Fragen näher zu kommen. Welche Erfahrungen gibt es eigentlich an Demokratischen Schulen? Welche Menschen lernen und arbeiten dort? Haben sich Demokratische Schulen etabliert, gewandelt, bewährt? Vor dem Hintergrund meiner eigenen Eindrücke und zahlreicher Gespräche mit Eltern, Schülern und Mitarbeitern der Demokratischen Schule X möchte ich versuchen, einige Aspekte hiervon zu beleuchten.

Schüler und Eltern

Insbesondere in der Anfangszeit standen die Mitbegründer der Demokratischen Schule X in Berlin vor einer sehr brisanten Mischung an Schülern. »Am Anfang haben wir einfach alle genommen, die sich beworben haben«, schildert der Mitbegründer Jochen Benz die Situation im Spätherbst 2010. »Am Anfang war der Wunsch sehr groß, einfach nur zu helfen. Wir haben tatsächlich unheimlich schwierige Familiensituationen erlebt. Aber wir haben dann immer mehr gemerkt, dass darunter der Prozess gelitten hat, der Schule eigene Strukturen zu geben und sie von innen heraus stabil zu machen«. Nach dem ersten Schuljahr verließen einige dieser Schüler die DSX wieder. Gleichzeitig etablierten sich Institutionen wie die Schulversammlung und das anfänglich existierende kleinere Rechtskomitee immer besser, sodass sich die turbulente Anfangszeit im zweiten Schuljahr bereits entspannte. In dieser Hinsicht hat die Schule mit der Zeit gelernt, die eigenen Ressourcen realistischer einzuschätzen. Heute entscheidet an der DSX ein aus jeweils zwei Schülern, Mitarbeitern und Elternteilen zusammengesetztes Aufnahmekomitee anhand von Interessenbekundungsbögen und Infogesprächen darüber, wer zu einer oder zwei Probewochen an die DSX eingeladen wird. Das Interesse an Demokratischen Schulen wächst stetig, wobei Familien nach wie vor aus den unterschiedlichsten Gründen ihren Weg zu dieser Schulform finden.

Über zwei Drittel aller Anfragen betreffen Jungs, wobei überdurchschnittlich viele davon im Alter zwischen neun und 13 Jahren als Quereinsteiger an diese Schule wechseln möchten. Dabei ist das Aufnahmekomitee bemüht, nicht nur auf eine möglichst ausgewogene Mischung der Altersgruppen und Geschlechter an der Schule zu achten, sondern heute legt man auch viel Wert darauf, ob die Eltern das Konzept der Schule mittragen. Denn, wie es Lilas Tournoux, Absolventin und Mitarbeiterin der DSX, in einem Gespräch sehr prägnant formulierte: »Insbesondere, wenn man von Schulanfängern redet, dann sind es nicht die Kinder, die nicht an unsere Schule passen, sondern es sind die Eltern!« Der Schlüssel zu einer freien und selbstbestimmten Entwicklung ist an dieser Stelle das Vertrauen der Eltern in die Fähigkeit der Kinder, sich selbst zu bilden. Ohne das Vertrauen der Eltern, dass das Kind seinen eigenen Weg finden und verfolgen kann, einen Weg, der für sich genommen einzigartig und individuell ist und sich möglicherweise von dem der Eltern diametral unterscheidet, gerät ein Kind an einer Demokratischen Schule in einen Zwiespalt zwischen latent vorgebrachten Erwartungen zuhause und der individuellen Freiheit in der Schule. »Man braucht sehr, sehr viel Vertrauen als Eltern. Denn wir alle sind ja sehr durch unser eigenes Aufwachsen geprägt. Wir müssen den Kindern vertrauen, dass sie ihre richtigen Entscheidungen treffen. Auch wenn sie für uns nicht nachvollziehbar sind, weil jemand nur so dasitzt. Oder andere Dinge, von denen es in unserer Gesellschaft heißt: Der tut ja gar nichts. Wir müssen darauf vertrauen, dass da vielleicht sehr viel passiert, ohne dass es für unsere Augen sichtbar ist«, bringt es eine ehemalige Elternvertreterin an der DSX, Beatriz Muth, auf den Punkt. Schools of Trust lautet daher auch der Titel des 2015 erschienenen Dokumentarfilms von Christoph Schuhmann über Demokratische Schulen – Schulen des Vertrauens.

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